Chefetage: Christine Haderthauer auf dem Balkon hinter der Glasfront zum Hofgarten. Hinten geht es zur Zirbelstube der Staatskanzlei und zu Seehofers Büro.

Christine Haderthauer

Staatskanzlei-Chefin soll anecken und sich einmischen

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München - Es soll knirschen in der Machtzentrale. Mit der neuen Staatskanzlei-Chefin Christine Haderthauer setzt sich Seehofer eine unbequeme Ministerin ins Nachbarbüro. Sie soll sich einmischen, anecken, Probleme anpacken. Nur eines soll sie nicht sein: still.

Aus dem einst edlen Schreibtisch sprechen Frust und Verzweiflung. Ein Riss durchzieht die schwere Holzplatte, da muss mal einer sauber draufgehauen haben. Vorne ist das Holz angeraspelt wie von Biberzähnen. Haben die früheren Herren Minister täglich in die Tischkante gebissen? Es scheint munter zuzugehen in der Staatskanzlei, vierter Stock. Christine Haderthauer wird einen neuen Tisch bekommen. Mal schauen, wie lange der durchhält.

Seit Oktober ist die Ingolstädterin neue Chefin in der Staatskanzlei. Ein seltsamer Posten: Im günstigen Fall Manager der Macht, im ungünstigen Hausmeister am Hofgarten. Mit Haderthauer will Seehofer einen neuen Weg gehen. Er verlangt eine offensive, allzuständige Ministerin, die ihm im Alltag die Münchner Regierung zusammenhält und die Koalition in Berlin aufmischt. „Er will, dass jemand entscheidet hier und ihm Freiräume schafft“, sagt sie: „Einer, der den politischen Überblick über alle Themen hat und aus Sicht der Bürger denkt. Der Ministerpräsident sucht sich selbst aus, was er zur Chefsache macht.“

Zur Chefsache erkor Seehofer bisher, was ihm zu zäh lief. Er fraß sich dann durch Haushaltspläne, regelte Fragen der Aktenführung oder Sauf-Verbote an Tankstellen und motzte hinterher seine Fachminister an. Die Zeit dafür hat er eigentlich nicht.

Dass er statt irgendeines mausgrauen Loyalen die resolute, mitunter sogar zu selbstbewusst wirkende Haderthauer zu sich holt, hatte er seit Wochen geplant – ohne dass es die meisten Medien mitbekamen. Er schnitt den Job auf die Frau zu, die er 2008 als „General Ich“ verspöttelte und 2011 nicht als Finanzministerin durchsetzte. Künftig sind Staatskanzleiminister für München und Berlin zuständig, wie einst Stoiber bei Strauß. Haderthauer soll im Bundesrat reden, was manchen Langweiler dort aus dem Halbschlaf reißen dürfte. Sie soll montagabends in die renitente CSU-Landesgruppe reinhorchen, wo sich Seehofer fast nie hinbequemt, donnerstags der Hauptstadtpresse einflüstern. „Meine Aufgabe ist, Bayerns Interessen im Bund zu verdeutlichen und für ihre Umsetzung zu sorgen.“

Nebenbei ist sie quasi Regierungssprecherin in München: Nach jeder Kabinettssitzung tritt Haderthauer vor die Presse. Den Kollegen band Seehofer persönlich einen Maulkorb um: Interviews anderer Minister sind vor Haderthauers Auftritt verboten.

Klar ist: Die Zeit der still an der Tischkante nagenden Staatskanzleichefs, der Thomas Kreuzers und Marcel Hubers, ist vorbei. Das waren nicht unbedingt schlechte Organisatoren, aber halt doch Politiker, die sich Bilder freudig grasender Tiere ins Büro hängten. Im Fall Kreuzer sogar ausgestopfte Birkhühner und Auerhähne. Manchen gruselte vor den Fellknäueln, niemandem vor diesen Ministern. Die Tiere sind schon draußen aus dem ansonsten noch kahlen Büro, den zartrosa Teppich ließ Haderthauer auch noch eilig entfernen.

„Nicht laut, aber vernehmbar“, beschreibt sie ihre Rolle. Dass sie vernehmbar sein wird, bezweifelt niemand. Ob sie die richtige Lautstärke trifft, wird sich weisen. Die 50-Jährige kann sich auch im Ton vergreifen. Ihr hängt aus dem Sozialministerium der eiskalte Auftritt vor Asylbewerbern nach, die missglückte Rechtfertigung auf Facebook, das ein oder andere Skandälchen. „Wenn man sie allein lässt, kann man sicher sein, dass sie über kurz oder lang etwas Falsches sagt“, wurde jüngst ein Parteifreund zitiert.

Im Personal der Staatskanzlei gibt es durchaus Vorbehalte gegen die Ministerin, die mit ein paar Vertrauten, Büroleiterin und Pressesprecher, einzog. Machtproben sind zu erwarten, an deren Ende mancher Beamte in ein anderes Büro umziehen dürfte. Ihr Machtbewusstsein zeigt sich in Details: Vorlagen für Seehofer reicht sie nicht durch, sondern vermerkt oft, wie sie entscheiden würde. Also, wenn sie Ministerpräsidentin wäre, so rein theoretisch.

Lauter noch kann es im Kabinett knallen. Haderthauer zählt zu ihrer Aufgabe, „Impulse“ auch in andere Ressorts zu funken. Bürgersicht heißt für sie nämlich: Pfeif’ auf Ressortgrenzen. Ob das Kollegen wie Ilse Aigner und Markus Söder hinnehmen? Viel hängt davon ab, ob Seehofer bei Konflikten hinter ihr steht. Ihre Macht speist sich aus der Nähe zum schwer berechenbaren Chef. Ohne Koalition sind die Runden, mit denen er sich regelmäßig berät, kleiner geworden. Haderthauer sitzt zumindest in jeder davon.

Bereitschaft zur Härte wird sie brauchen. Seehofer verlangt von ihr neben der Zuständigkeit für die Sonderthemen Olympia und Bundeswehr explizit, Einschnitte in der Bürokratie vorzuschlagen – bei Gesetzen und Köpfen. „Wir haben eine hervorragende Verwaltung, aber eine, die im Zeitalter der Digitalisierung und der veränderten Aufgaben mehr Synergie-Effekte nutzen sollte“, sagt sie forsch. Und meint das bitter- ernst: Auf einem Beistelltisch liegen bereits die Organigramme aller Ministerien. Manche davon hat sie schon mit bunten Strichen versehen.

CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER

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