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Die dritte COVID-19-Welle überrollt Afghanistan

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Die Regierung in Afghanistan zögerte und leugnete die Schwere der Corona-Pandemie – jetzt droht eine Gesundheitskatastrophe.

  • In Afghanistan stehen zahlreiche Impfstoffe zur Verfügung – doch nur wenige lassen sich impfen.
  • Derweil wächst die Wut auf die Regierung – Vorwürfe von Korruption und Geschäftemacherei.
  • Religiöse Führer verbreiten absurde Behauptungen zum Coronavirus.
  • Dieser Artikel liegt erstmals in deutscher Sprache vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn am 7. Juni 2021 das Magazin Foreign Policy.

Kabul, Afghanistan - Nachdem die afghanische Regierung im letzten Jahr monatelang unentschlossen war, wie sie auf die aufkommende Pandemie reagieren sollte, befindet sich das Land nun mitten in der dritten COVID-19-Welle und die Behörden wollen das Ausmaß der Krankheit immer noch nicht wahrhaben. Die Zahlen werden weithin belächelt und man geht davon aus, dass die Zahl der Todesfälle und Infektionen viel höher liegt als angegeben.

Die Zahlen des afghanischen Gesundheitsministeriums (MoPH) zeigen, dass die Zahl der positiven Fälle zunimmt: 1582 neue Fälle am Montag, mit 56 gemeldeten Todesfällen, im Vergleich zu 1379 neuen Fällen am Sonntag. Ein Gesundheitsökonom, der nicht identifiziert werden wollte, sagte, die wahre Zahl läge wahrscheinlich doppelt so hoch wie vom Ministerium veröffentlicht. Das MoPH gab an, dass insgesamt 80.615 Menschen mit dem Coronavirus infiziert wurden, seit der erste Fall am 11. Februar 2020 gemeldet wurde. 3195 Menschen seien gestorben, meldete es. 

Corona-Welle in Afghanistan: Offizielle Zahlen täuschen – viele Erkrankte starben zuhause

Gesundheitsexperten erklärten jedoch, dass nur wenige Afghanen ihre Erkrankung in Krankenhäusern melden und viele, die erkrankt waren, zuhause gestorben sind, was darauf hindeutet, dass die offiziellen COVID-19-Zahlen in Afghanistan über die Schwere und weite Verbreitung des anhaltenden Ausbruchs hinwegtäuschen. An einem Tag in der vergangenen Woche, an dem landesweit offiziell 36 Todesfälle gemeldet wurden, schätzte ein Arzt eines öffentlichen Krankenhauses in Kabul, der namentlich nicht genannt werden wollte, die Zahl der Todesfälle allein in der Hauptstadt auf mehr als 500 am Tag. 

Die Regierung argumentiert, dass die Friedhöfe in Kabul nicht ausgelastet sind, was beweise, dass die Todesfälle durch COVID-19 minimal seien. Aber die meisten Bewohner Kabuls kehren zur Beerdigung in ihre Dörfer zurück, wo die hohe Beteiligung an Beerdigungen ein Zeichen für Status (und ein zusätzlicher Krankheitstreiber) ist, was das Vertrauen in die Regierungszahlen weiter trübt. „Das Problem ist, dass niemand beweisen kann, ob [die Informationen der Regierung] richtig oder falsch sind“, so Ahmad Abid Humayun, Geschäftsführer der Sanayee Development Organization.

Afghanische Regierung ignoriert Bitten von NGOs, Reisen in und aus dem Iran und Pakistan zu verbieten

Obwohl das Kabinett erwägt, zu einem landesweiten Lockdown zurückzukehren, und Schulen und Universitäten bereits wieder online unterrichten, da die Infektionszahlen steigen, ignorierte die Regierung Bitten von Nichtregierungsorganisationen, Reisen in und aus dem Iran und Pakistan zu verbieten – beides Länder mit hohen Infektionsraten und durchlässigen Grenzen. Die Flüge nach Kabul aus Indien, das zum Epizentrum der Krankheit geworden ist, sind voll, da Afghanen nach Hause fliehen, erklärte ein hoher Beamter. Negative COVID-19-Tests sollen für etwa 45 Dollar leicht zu erwerben sein.

Die weite Verbreitung von COVID-19 in Afghanistan ist den Fehlern geschuldet, die in den ersten drei Monaten des Ausbruchs im vergangenen Jahr gemacht wurden, als die medizinischen Behörden beschlossen, die Bekämpfung internationalen und lokalen Hilfsorganisationen anzuvertrauen. Zu diesem Zeitpunkt war es laut dem Gesundheitspersonal an vorderster Front bereits zu spät, um die Ausbreitung der Pandemie rückgängig zu machen. Und diese frühen Fehler wurden durch Korruption und Geschäftemacherei noch verschlimmert, was dazu führte, dass die Preise für medizinische Grundausstattung in die Höhe schossen und im Ausland bestellte Beatmungsgeräte verschwanden, bevor sie die Krankenhäuser erreichten, die sie dringend benötigten. Die Regierung hat nicht auf die Vorwürfe reagiert, dass Gelder für COVID-19 veruntreut oder verschwendet wurden, und die öffentliche Wut darüber, dass die Regierung nicht in der Lage ist, die Ausbreitung des Virus einzudämmen und die Zahl der Todesfälle zu verringern, wächst.

Wut auf Regierung in Afghanistan wächst – Derweil US-Truppenabzug und Gerüchte, Aberglauben und Fehlinformationen

„Die Regierung gibt an, 200 Millionen Dollar für die Bekämpfung von COVID ausgegeben zu haben, aber es gibt keine angemessene öffentliche Informationskampagne, so dass niemand weiß, wie oder wo man sich impfen lassen kann“, erklärte ein Geschäftsmann aus Kabul. „Sicher ist ein großer Teil dieses Geldes in die tiefen, tiefen Taschen der Beamten gewandert.“

Die Bemühungen Afghanistans, die Gesundheitskrise in den Griff zu bekommen, werden nicht nur durch die endemische Korruption und das Misstrauen gegenüber der Regierung behindert, sondern auch durch den schnellen Abzug der US-amerikanischen und internationalen Streitkräfte, die den afghanischen Sicherheitskräften fast 20 Jahre lang bei der Bekämpfung der Aufständischen geholfen haben. Die Taliban, die gegen die Regierung des afghanischen Präsidenten Ashraf Ghani kämpfen, halten ein großes Gebiet, und landesweit nimmt die Gewalt zu. Botschaften reduzieren ihr Personal, empfehlen ihren Staatsangehörigen, das Land zu verlassen, oder schließen sogar, wie die australische Botschaft Ende letzten Monats.

Und dazu kommt noch der Schaden, der durch Gerüchte, Aberglauben und Fehlinformationen angerichtet wird, die von religiösen Führern verbreitet werden, so Humayun. Da es keine öffentlichen Informationskampagnen gibt, sind die Sensibilisierung für und die Akzeptanz von Impfstoffen gering, so dass Millionen von Dosen verfallen, bevor sie verwendet werden können. Gesundheitspersonal fleht Freunde und Bekannten an, sich impfen zu lassen. Einige, wie von Sanayee, besuchen Leute zuhause und bitten sie, Verwandte, Freunde und Mitarbeiter einzuladen, sich gemeinsam impfen zu lassen, um die Impfstoffe zu nutzen, bevor sie ablaufen.

Glaube, dass eine Ansteckung mit COVID-19 Unfruchtbarkeit verursacht - Religiöse Führer mit absurde Behauptungen

Der inzwischen gefestigte Glaube, dass eine Ansteckung mit COVID-19 Unfruchtbarkeit verursacht, führt dazu, dass positiv getestete Personen die Mitarbeit an Test- und Nachverfolgungsprogrammen verweigern. „Sie verschwinden einfach, weigern sich, ans Telefon zu gehen“, so Humayun, dessen Organisation die Gesundheitsversorgung in den Provinzen Kabul, Zabul und Faryab sicherstellt, in denen bis zu 7 Millionen Menschen leben. Religiöse Führer hätten ihren Anhängern erzählt, dass „gute Muslime“ sich nicht mit COVID-19 anstecken würden, erklärte Humayun. Dazu sind noch Scharlatane aufgetaucht, die mit opiumhaltigen Tränken hausieren gehen, die als Heilmittel angepriesen werden. „Er verteilte es kostenlos, und die Leute fühlten sich tatsächlich besser“, sagte ein Regierungsbeamter über das kostenlose COVID-19-Heilmittel des Kräuterkundlers Hakim Alokozai.

So ist es in Afghanistan lediglich gelungen, einen winzigen Bruchteil der Bevölkerung zu impfen, obwohl zahlreiche Impfstoffe zur Verfügung stehen. Das Coronavirus Resource Center der Johns Hopkins University School of Medicine gab an, dass nur 144.600 Menschen, das heißt 0,38 Prozent der Bevölkerung Afghanistans, vollständig geimpft wurden, und insgesamt 630.305 Dosen verabreicht wurden. Die meisten dieser Impfstoffe gingen an Mitglieder der afghanischen Sicherheitskräfte, was bis zu einer halben Million Erst- und Zweitdosen entspricht. Impfärzte stehen im Wettlauf mit der Zeit, um die zweite Dosis an die Zivilbevölkerung zu verabreichen, bevor der Vorrat abläuft, und lassen viele aus, die geimpft werden wollen, während sich die Krise ausweitet.

Glück im Unglück: Die jugendliche Bevölkerung Afghanistans in der Corona-Pandemie

Der einzige Glück, das Afghanistan offenbar auf seiner Seite hat, ist seine jugendliche Bevölkerung: rund 70 Prozent der geschätzten 40 Millionen Menschen im Land sind jünger als 30 Jahre, und mehr als 40 Prozent sind jünger als 15 Jahre alt. Da es weniger gefährdete ältere Afghanen gibt, ist es wahrscheinlich, dass die Gesamtsterblichkeitsrate nahe an der globalen Zahl von 1 bis 2 Prozent bleibt, so Humayun.

Aber das ist immernoch eine tödliche Pandemie. In zufälligen Gesprächen mit Afghanen erzählen die meisten, dass mindestens ein, oft sogar mehr, nahe Verwandte an der Krankheit gestorben sind. Sie erzählen Anekdoten von mit Patienten überwältigten Krankenhäusern und Kliniken – es fehlt an Personal, Fachwissen, Ausrüstung und Sauerstoff, um COVID-19-Patienten zu behandeln. Und es wird wahrscheinlich noch schlimmer werden. Nur wenige Menschen in Kabul tragen in der Öffentlichkeit Masken, und es gibt kaum Anzeichen dafür, dass die Ratschläge gegen Menschenansammlungen befolgt werden. Sogar während des Lockdowns im letzten Jahr haben die meisten Afghanen zugegeben, dass dieser zu einem Vorwand für große Zusammenkünfte zu Hause wurde, während der Lockdown trotzdem verheerend für die Wirtschaft war.

Trotz Versprechen der Regierung, dass bis Ende nächsten Jahres der größten Teil des Landes geimpft sein soll, werden Impfungen von der Bevölkerung so stark gemieden, dass riesige Mengen vernichtet werden müssen, da sie ungenutzt ablaufen. In der Zwischenzeit sind die Kosten für die medizinische Grundausstattung in die Höhe geschossen. Eine einfache Schachtel mit Masken, die vor einem Jahr noch bei 1 Dollar für 100 Masken lag, kostet jetzt etwa 15 Dollar. Alles – von einfachen Gegenständen wie Thermometern bis hin zu hochwertigen Geräten wie Beatmungsgeräten – wurde offenbar auf den Schwarzmarkt umgeleitet, was dazu führt, dass die Mittel, um COVID-19 in Schach zu halten, für viele Afghanen unerreichbar sind.

Corona in Afghanistan: Annahme, das Lage noch schlimmer wird

Afghanistans amtierender Gesundheitsminister, Wahid Majrooh, hat die Öffentlichkeit angefleht, Masken zu tragen, und vor einer drohenden „Katastrophe“ gewarnt, da es in den Krankenhäusern im ganzen Land an Sauerstoff fehle. Als die Pandemie ausbrach, berichteten lokale Medien, dass Afghanistan nur 400 Beatmungsgeräte besaß. Schülerinnen haben einen Weg gefunden, billige Versionen aus Autoteilen herzustellen.

Gul Ahmad Ayubi, Leiter der Gesundheitsbehörde in der nördlichen Provinz Balkh, sagte, dass 179 Sauerstoffflaschen aus dem Hauptkrankenhaus der Provinz verschwunden seien, nachdem berichtet worden war, dass lokale Machthaber die Sauerstoffvorräte für ihren eigenen Gebrauch beschlagnahmt hätten.

Man geht davon aus, dass die Lage noch schlimmer werden wird. Die Aussage eines Geschäftsmannes in Kabul, der die verzweifelten Plädoyers der Regierung für Vorsicht als unbedeutend abtat, spiegelt die fehlende Besorgnis vieler Afghanen wider: „Es gibt hier schlimmere Dinge, die dich umbringen werden.“

von Lynn O‘Donnell

Lynne O‘Donnell ist eine australische Journalistin, Autorin und Analystin. Zwischen 2009 und 2017 war sie die Leiterin des Afghanistan-Büros von Agence France-Presse und Associated Press.

Dieser Artikel war zuerst am 7. Juni 2021 in englischer Sprache im Magazin „ForeignPolicy.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern von Merkur.de zur Verfügung.

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Rubriklistenbild: © Rahmat Gul/dpa

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