Leopoldina-Mitglied wittert „Propaganda“

„Missbrauch von Wissenschaft!“ Experten wettern gegen Merkels Corona-Plan - „Man nennt es Kuba-Syndrom“

  • vonMayls Majurani
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Angela Merkel und ihre Corona-Politik stehen in der Kritik. Zwei Wissenschaftler melden sich unabhängig zu Wort und attestieren der Bundeskanzlerin das Kuba-Syndrom.

Update, 15.06 Uhr: Auch der Infektiologe Matthias Schrappe stellt sich entschieden gegen die Corona-Politik des Bundes - und wirft der Bundesregierung Eindimensionalität bei der Auswahl ihrer Berater vor. Der Bundeskanzlerin bescheinigt er das Kuba-Syndrom. Der 66-Jährige hat sich mit anderen Wissenschaftlern in der Plattform „CoronaStrategie“ zusammengetan und fordert konkretere Lösungen als den Lockdown.

„Die Problematik beim Lockdown ist, dass man damit die Zahlen zwar schönen kann. Aber was macht man, wenn man wieder aufhören will?“, erklärt Schrappe. Denn nach Ende des Lockdowns sei mit steigenden Zahlen zu rechnen. Kontaktverbote alleine seien „nach allen Regeln der Infektionswissenschaft nicht adäquat“. Denn während bundesweit die Infektionszahlen sinken, steige die Sterblichkeit der über 80-Jährigen.

Infektiologe Schrappe kritisiert Bundeskanzlerin wegen Corona-Politik: „Merkel leidet an Kuba-Syndrom“

Stattdessen müsse die Politik mehr experimentieren und auch Fehler eingestehen: „Wenn Frau Merkel mal sagen würde: Wir haben das bisher nicht besonders hingekriegt. Wir machen mal einen neuen Start und dafür brauchen wir Euch alle – da würde die Stimmung und Bereitschaft mitzumachen, gleich wieder besser werden.“ Aktuell seien die Menschen von den Verboten und Drohungen eher genervt und seien auf der Suche nach Schlupflöchern.

Die Kanzlerin würde er sehr gern beraten, erklärt Schrappe im Interview weiter. Doch Angela Merkel habe sich in einen Tunnel vergraben. „In der Risikoforschung nennt man das Kuba-Syndrom, wenn sich eine Führungsgruppe nur mit Menschen umgibt, die alle der gleichen Meinung sind.“ So könne es nur die Fortsetzung der Fehler geben.

Angela Merkel: Unerwarteter Corona-Angriff - Leopoldina-Mitglied attestiert „politischen Missbrauch von Wissenschaft“

Erstmeldung vom 15. Februar, 11.06 Uhr: München – In einer Stellungnahme vom 8. Dezember 2020 forderte die Nationale Akademie der Wissenschaften, kurz Leopoldina genannt, einen harten Lockdown, um das Infektionsgeschehen in der Corona-Pandemie wieder unter Kontrolle zu bekommen. Wenige Tage später beschlossen Bund und Länder den zweiten harten Lockdown. Das sorgt mit etwas Verzögerung in eigenen Reihen für heftige Kritik.

Es handle sich um „ein ganz eindeutiges Beispiel von politischem Missbrauch von Wissenschaft“, kritisiert Michael Esfeld. In der Bild-Zeitung geht der Wirtschaftsphilosophie-Professor hart ins Gericht mit der Politik von Angela Merkel, Markus Söder und Co., aber auch mit der Leopoldina selbst, deren Mitglied er ist.

Merkels Corona-Experten in der Kritik: Leopoldina-Mitglied erteilt heftige Rüge - „Nicht Aufgabe der Wissenschaft“

Es sei nicht die Aufgabe der Wissenschaft, einen Lockdown zu fordern, sagt Esfeld. „Wissenschaft kann herausfinden, dass es einen kausalen Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs gibt. Aber zu schlussfolgern, dass niemand mehr rauchen soll, ist nicht Aufgabe der Wissenschaft“, wird der 55-Jährige zitiert.

Esfeld geht noch weiter. Die Regierung hole derzeit ohnehin nur von jenen Wissenschaftlern Rat ein, die auch das sagen, was die Regierung hören will. Der Streit knüpft an einen Vorfall aus Bayern an Bayern: Der Wirtschaftsethiker Christoph Lütge wurde aus dem Bayerischen Ethikrat geworfen, nachdem er wiederholt die Corona-Politik des Freistaats kritisiert hatte.

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Corona-Politik in Deutschland: Wirtschafts-Philosoph wettert gegen Leopoldina-Kollegen - „Für Propaganda eingespannt“

Über andere Kollegen sagt Esfeld: „Diese Wissenschaftler haben sich von der Regierung für Propaganda einspannen lassen.“ Das schade der Reputation der Wissenschaft und führe zu populistischen Gegenreaktionen. Viele Menschen könnten sich deshalb von der Wissenschaft abwenden, meint er.

Die Leopoldina hätte im Dezember „den Stand der Debatte abbilden müssen“ statt die Marschrichtung vorzugeben, erklärte Esfeld der Bild - also etwa auch Positionen berücksichtigen, die sich auf den Schutz von Risikogruppen fokussieren. Doch die Bundesregierung instrumentalisiere die beratenden Experten, um die öffentliche Meinung zu bestimmen. Die Corona-Politik in Deutschland hätte das Kanzleramt „in einem transparenten, öffentlichen und kritischen Diskurs nie (...) durchsetzen können“, so Esfeld. (ma)

Rubriklistenbild: © Kay Nietfeld/dpa

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