Coronavirus: Unterricht an Schulen in Schleswig-Holstein. Eine Zwölftklässlerin mit Tablet.
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In der Corona-Pandemie wurde alles digital: „Und dann wieder die Kreidetafel?“ Eine Zwölftklässlerin mit Tablet im Unterricht.

Neues Digitalgesetz kommt

Lehren aus der Corona-Krise: CSU-Politikerin fordert Umdenken - „Schüler sind keine USB-Sticks“

  • Christian Deutschländer
    VonChristian Deutschländer
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Weniger Papierkram und mehr Mut zur Digitalisierung an Schulen und Behörden in Bayern: Das wünscht sich Digitalministerin Judith Gerlach. Im Interview spricht sie über Chancen und Probleme.

München - Virtuell ins Rathaus statt analog zum Amt: Bayern hat diese Woche ein Digitalgesetz auf den Weg gebracht, das mittelfristig fast alle Behördengänge digitalisieren soll. Im Interview spricht Digitalministerin Judith Gerlach (35, CSU) über ihr Projekt. Und fordert mehr Fortschritt in der Bildungspolitik.

Wann waren Sie zuletzt privat beim Behördengang im Rathaus?
Gerlach: Ehrlich gesagt: gerade eben. Mein Personalausweis läuft ab. Ich habe heute biometrische Fotos und meinen Fingerabdruck abgegeben.
Ab wann wird all das endlich überall digital gehen?
Gerlach: Mein Ziel ist: spätestens Ende 2022 für fast alle Dienstleistungen der Verwaltung. Wie schnell sie das umsetzen, entscheiden die Kommunen vor Ort selbst. Als Digitalministerium unterstützen wir das so gut wie möglich: mit Schulungen, Förderung, mit kostenlosen Software-Komponenten. Egal wo: Digitalisierung ist kein netter Zusatz, sondern wird am Ende jede Verwaltung in Bayern komplett neu aufstellen, effizienter und schneller machen.
Wenn am Ende die Kommune entscheidet, wann und ob sie digitalisiert oder auch nicht – dann ist Ihr Gesetz ein Papiertiger.
Gerlach: Nein. Es ist das erste Mal, dass wir uns in Bayern eine Selbstverpflichtung in allen Bereichen geben, Digitalisierung aktiv voranzutreiben. Wir setzen uns Ziele weit über die Verwaltung hinaus, wir schreiben Rechte der Bürger fest. All das ist neu.
Andersrum gefragt: Viele Menschen, gerade ältere, sehen die Digitalisierung skeptisch. Kann ich weiterhin im Amt vorsprechen?
Gerlach: Ja. Der Weg zum Rathaus steht offen. Es gibt ja auch oft Fälle, die komplizierter sind, die ein bisschen zwischenmenschliches Gespür brauchen. Das kann kein Computer. Und es wird ab und zu ein Gang zum Rathaus nötig bleiben. Eben beim Personalausweis zum Beispiel: Aus Sicherheitsgründen muss ich mich dort einmal persönlich identifizieren.

Judith Gerlach zum neuen Digital-Gesetz in Bayern: Digitale Defizite in der Bildung

Judith Gerlach, Digitalministerin in Bayern wünscht sich mehr Mut zum digitalen Fortschritt.

Unsere Schüler sind keine USB-Sticks, die man mit Daten vollpackt.

Judith Gerlach
Die größten digitalen Defizite hat ausgerechnet die Bildung. Warum gibt’s in Bayern noch tausende Schulen ohne W-Lan?
Gerlach: Aus meiner Sicht muss mehr Energie in die Digitalisierung der Schulen gesteckt werden. Vor genau einem Jahr hatten wir den großen Gipfel zur digitalen Schule. Seither ist zu wenig passiert – während sich unsere Welt in rasantem Tempo verändert. Ich werde sehr häufig von Eltern, Lehrern, Schülern angesprochen, dass sich zu wenig tut. Und die interessiert wenig, wer formell zuständig ist und welche tradierten Strukturen dieses und jenes wieder unmöglich machen. Es braucht jetzt den Mut im Kultusministerium, Bisheriges auf den Prüfstand zu stellen.
Droht ein Rückschritt ins Analoge nach Corona?
Gerlach: Wir alle hoffen auf möglichst viel Präsenzunterricht im Herbst. Aber wir müssen dabei auch stärker digitale Medien einsetzen. Die Kinder müssen den Umgang damit lernen. Es geht eben nicht nur darum, ein funktionierendes Videokonferenzsystem zu haben, bis die Pandemie vorbei ist, und dann wieder die Kreidetafel. Künftig müssen digitale Formate jeden Unterricht flankieren. Und im Optimalfall Spaß machen.
Also gibt’s auch ein Lehrplan-Problem.
Gerlach: Es ist längst überfällig, zu überarbeiten, wie und was unterrichtet wird. Unsere Schüler sind keine USB-Sticks, die man mit Daten vollpackt. Später im Arbeitsleben wird von ihnen verlangt werden, dass sie fächerübergreifend Probleme lösen, projektbezogen denken, vernetzt arbeiten, Fake News enttarnen. Wir müssen den Lehrplan neu denken. Und auch die Mittel: Bis jetzt ist in Bayern zum Beispiel kein einziges wirklich digitales Schulbuch zugelassen. Wenn Kinder unsere Zukunft sind, Bildung unser Rohstoff ist – dann muss unser Anspruch an die Bildungslandschaft höher und unser Tempo schneller sein.
Was muss sich im Lehrerzimmer ändern?
Gerlach: Selbst wenn wir überall W-Lan und Tablets hätten, heißt das noch nicht, dass guter digitaler Unterricht möglich ist. Ich habe vor anderthalb Jahren angeregt: Wir brauchen an jeder Schule mindestens einen Digitalbotschafter – eine Lehrkraft, die die Schulfamilie für digitale Formate begeistert und dafür auch Freiräume bekommt. Die Botschafter müssen untereinander vernetzt sein und „best practice“ austauschen. Zu oft wird noch an Schulen einzeln versucht, digital das Rad neu zu erfinden.
Der Kultusminister empfahl Ihnen, sich besser über bestehende Angebote zu informieren...
Gerlach: Es genügt nicht, dass der Kultusminister auf „gemeinsame Anstrengungen aller in der Schulgemeinschaft“ verweist – es muss sich jetzt wirklich etwas bewegen. Am Ende sollte es für mehr reichen als die Bewertung „War stets bemüht“.

(Interview: Christian Deutschländer)

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