Dachaus Kulturamtsleiter Tobias Schneider ist „maximal erstaunt“ über EM-Pläne in München
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In der Allianz Arena sind mindestens 14.500 EM-Zuschauer angedacht - Dachaus Kulturamtsleiter Tobias Schneider ist „maximal erstaunt“.

„Kultur hat bei österreichischer Politik anderen Stellenwert“

14.500 EM-Zuschauer? Kulturamts-Chef ist „maximal erstaunt“ - und rügt weiteren „absurden Vorgang“

  • Florian Naumann
    vonFlorian Naumann
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Für die Fußball-EM fasst Bayern trotz Corona ein „Leitszenario“. Dachaus Kulturamtschef berichtet im Interview von seinem Erstaunen, der prekären Lage der Kulturszene - und „absurden Vorgängen“ in der Politik des Freistaats.

München/Dachau - Viele Wirtschaftszweige und Menschen in Bayern leiden unter der Corona-Krise und den notwendigen Schutzmaßnahmen - vom Einzelhandel bis zur Gastronomie. Hart ist aber nicht zuletzt auch die Kulturszene betroffen: Seit langen Monaten liegt Stille über Konzert- und Theatersälen, über Kinos, Clubs und Galerien. Vielleicht am schmerzlichsten und prekärsten für viele Betroffene: Eine klare Öffnungsperspektive ist in Bayern im 14. Monat der Pandemie nicht in Sicht. Nicht einmal für Veranstaltungen unter freiem Himmel.

Der Freitag (23. April) hat die Szene nun noch einmal durchgeschüttelt. In München gibt es nun offiziell Planungen für eine Fußball-EM vor mehr als 10.000 Zuschauern, das nahegelegene Österreich öffnet schon im Mai die Kultur sogar für Großveranstaltungen. Und zwischen Freilassing und Aschaffenburg mangelt es weiterhin an einem Plan für den Sommer.

Erstaunt hat die Entwicklung auch Tobias Schneider. Der umtriebige Dachauer Kulturamtsleiter hat vielbeachtete Events in die kleine Kreisstadt gebracht - und steht weiter vor einem kaum planbaren Jahr 2021. Im Interview mit Merkur.de* erläutert er die Probleme der Kultur in Bayern und äußert deutliche Kritik an der Politik im Freistaat, nicht zuletzt mit Blick auf bislang unerfüllte Versprechen an die Kulturschaffenden.

Merkur.de: Herr Schneider, am Freitag hat der Freistaat sein Okay für ein „Leitszenario“ zur Fußball-EM in München gegeben - mindestens 14.500 Fans im Stadion seien in wenigen Wochen realistisch, heißt es. Wie haben Sie als Kulturamtsleiter in Dachau, 20 Kilometer nordöstlich der Allianz Arena, die Entscheidung aufgenommen?

Tobias Schneider: Mit maximalem Erstaunen darüber, dass die Staatsregierung in der Lage ist, für Mitte Juni ein solches Leitszenario freizugeben. Um genau so ein Leitszenario für Kulturveranstaltungen im Freien bittet die Kulturszene in Bayern die Staatsregierung seit Wochen vergeblich. Der Vorgang ist für mich symptomatisch für den aktuellen Umgang mit Kunst und Kultur.

Für die Kulturschaffenden in Bayern ist die Lage seit Monaten schwierig. Aus Ihrer Sicht: Wie könnte die Politik jetzt eine Perspektive geben?

Mit einem gleichartigen Leitszenario für die Kultur, das aufzeigt, was im besten Falle im Sommer möglich sein könnte, mit welchen maximalen Besucherkapazitäten und unter welchem Rahmenhygienekonzept – alles selbstverständlich unter dem Vorbehalt der Pandemie-Entwicklung. Das Kunstministerium hat dieses Rahmenkonzept schon vor Wochen angekündigt, nun hört und sieht man davon nichts mehr.

Österreich als Anschauungsbeispiel für Bayerns Corona-Politik? „Kultur hat dort bei Spitzenpolitik ganz anderen Stellenwert“

In Österreich soll es ab 19. Mai für Getestete, Geimpfte und Genesene wieder Kulturveranstaltungen geben - sogar in geschlossenen Räumen. Ein gutes Konzept, oder vielleicht etwas zu gewagt?

Das österreichische Konzept für die Öffnung der Kultur verdient höchsten Respekt. Deutschland und Bayern sind davon noch meilenweit entfernt. Kultur hat in Österreich und vielen anderen europäischen Ländern einen ganz anderen Stellenwert in der Spitzenpolitik als bei uns. In Deutschland kommt sie in den perspektivischen Überlegungen der Regierungen meist schlicht und ergreifend gar nicht vor, auf Pressekonferenzen vielleicht mal in einem Nebensatz. Die Besucherkapazitäten, die die österreichische Regierung ermöglicht, - 1.500 innen, 3.000 im Freien - fallen erstaunlich großzügig aus. Aber auch Frankreich plant im Freien Ähnliches. Die Veranstalter:innen in Bayern wären schon dankbar, wenn überhaupt mal perspektivisch eine Zahl irgendwo zwischen 400 und 1.500 für Veranstaltungen im Freien ins Spiel gebracht würde.

Haben Sie bereits Konzepte in der Schublade? Oder konkret gefragt: Wie lassen sich Kulturveranstaltungen im Freien in Pandemiezeiten zu einer möglich sicheren Sache machen?

Wir haben erste bestuhlte Konzerte und Picknickkonzerte für den Dachauer Musiksommer bereits im Vorverkauf. In Ermangelung von Vorgaben der Staatsregierung gehen wir aktuell von den Rahmenbedingungen aus, die im August letzten Jahres in Bayern galten. Mit bestuhlten Abstandskonzerten im Freien inklusive Testangebot und digitalisierter Kontaktnachverfolgung kann man vollkommen sichere Sommer-Kulturerlebnisse anbieten. Wir hatten im vergangenen Jahr bei rund 30 Corona-konformen Veranstaltungen mit insgesamt mehreren tausend Besucher:innen* nicht einen Fall von Kontaktnachverfolgung. Professionell organisierte Kulturveranstaltungen sind für mich der sicherste Ort, an dem Menschen derzeit mit Abstand zusammenkommen können. Es wäre für den Sommer strategisch sinnvoller, die Menschen dort hingehen zu lassen, als unkontrollierbare Ansammlungen im privaten und öffentlichen Raum zu riskieren.

Corona in Bayern: Freistaat fordert Open-Air-Veranstaltungen und bleibt Rahmen schuldig - „Absurder Vorgang“

Sicher gab es auch schon einige Initiativen und Kontakte mit der Politik. Wie sind die Reaktionen auf Wünsche und Vorschläge zuletzt ausgefallen?

Das Dilemma ist doch, dass die wesentlichen politischen Entscheidungen zu den Infektionsschutzmaßnahmenverordnungen nur auf oberster Ebene formuliert werden. Wenn man da nicht das Glück hat, dass jemand ein echtes Interesse an Kunst und Kultur hat, tut sich nichts. Die Bayerische Staatsregierung hat vor wenigen Wochen einen Brief an die Kommunen versandt und einen „Bayerischen Kultursommer“ unter dem Motto „Bayern spielt“ ausgerufen. Sie fordert die Städte darin auf, Open-Air-Veranstaltungen zu planen und Freiflächen zur Verfügung zu stellen – aber ab wann und unter welchen Bedingungen Bayern im Sommer „spielen“ soll und darf, das wird nicht mitgeteilt. Ein absurder Vorgang.

Überregional bekannt ist Dachau für seinen „Musiksommer“ - im vergangenen Jahr ist unter anderem ein Konzert mit der international gefeierten Band Khruangbin ausgefallen. Wie sehr schmerzt das als Veranstalter?

Jedes ausgefallene Konzert, das man langfristig vorbereitet hat, schmerzt. Wir konnten aber letztes Jahr schnell reagieren, haben als erste Stadt in Bayern Autokonzerte veranstaltet* und im Juli und August dann auch Picknickkonzerte und bestuhlte Konzerte. Sogar unser Literaturfestival haben wir im Oktober noch durchführen können. Mittlerweile habe ich mir angewöhnt, nur noch auf Sicht zu planen und zu denken.

Dachaus Kulturamtsleiter Tobias Schneider bei einem Autokonzert im Corona-Jahr 2020.

Corona-Krise in Bayern: Kulturschaffende in „finanzieller“ und „psychischer Not“ - Völlige Perspektivlosigkeit

Als Mitarbeiter einer öffentlichen Einrichtung sind Sie dabei noch in einer vergleichsweise privilegierten Situation. Aber Sie haben als Kulturamtsleiter ja auch Kontakt zu vielen Veranstaltern und Künstlern. Wie prekär ist deren Lage im Frühjahr 2021?

Die Lage ist in mehrfacher Hinsicht schlimm. Da ist zum einen die finanzielle Not. Viele mussten bereits ihre Rücklagen und Altersvorsorgen anbrechen. Viele mussten den Job wechseln. Ich kenne Tontechniker und Konzertagenten, die jetzt als Hausmeister oder auf dem Bau jobben. Die staatlichen Hilfen funktionieren mal mehr, mal weniger. Sie können aber in keinem Fall den Einnahmeverlust kompensieren. Dann ist da die psychische Not: es herrscht aktuell völlige Perspektivlosigkeit in der Szene, das setzt vielen extrem zu. Und dann ist da noch der existenzielle Aspekt: Kunst und Kultur sind eben nicht Freizeitvergnügen, sie sind für viele Menschen eine lebensnotwendige Nahrung, sozusagen täglicher Bedarf. Der lässt sich nicht beim Streamen stillen, er braucht die Begegnung mit dem Publikum. Spanien hat das als eines der wenigen Länder in Europa verstanden und die Theater durch die Pandemie hindurch weitgehend geöffnet gelassen.

In die Zukunft zu blicken ist gerade in der Corona-Pandemie schwierig. Nichtsdestotrotz: Wird die Kulturszene im Münchner Raum nach der Pandemie noch dieselbe sein wie im März 2020?

Sie wird sich verändern und einige Akteur:innen werden vielleicht aufgegeben haben. Ich glaube aber an die Kraft der Kulturszene, die sich schon während der Pandemie immer wieder neu erfinden musste. Keine der vom Lockdown gleichermaßen hart betroffenen Branchen hat so viel Kreativität, so viel Flexibilität und so viel Ausdauer gezeigt wie die Kultur.

Zum Abschluss einmal optimistisch gedacht: Wenn Sie sich den bestmöglichen realistischen Fall ausmalen könnte - wie sieht der Sommer 2021 in Bayern kulturell aus? Wäre da auch ein kleiner „Musiksommer“ noch eine Option?

Ich bin Optimist. Ich glaube fest daran, dass im Sommer 2021 Corona-konforme und sichere Kulturveranstaltungen im Freien möglich sein können und müssen. Insofern werden wir in Dachau zwischen Ende Juni und Mitte September bestimmt Musiksommer-Konzerte und weitere kulturelle Veranstaltungen durchführen. Wir haben die Freiflächen und die Konzepte – jetzt braucht es nur noch die Politik, die den Rahmen und die Perspektiven gibt.

Interview: Florian Naumann / *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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