Pharmaziestudentinnen ziehen Impfdosen auf. Ab April will Bayern 111.000 Menschen am Tag impfen
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Pharmaziestudentinnen ziehen Impfdosen auf. Ab April will Bayern 111.000 Menschen am Tag impfen.

Interview

Bayern will den Impfturbo zünden: Gesundheitsminister über Corona-Schnelltests und die Sorgenkinder

  • Sebastian Horsch
    vonSebastian Horsch
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Im Merkur-Interview spricht Gesundheitsminister Klaus Holetschek über Bayerns Verzug bei den Impfstoffen, das Sorgenkind Astrazeneca und Schnelltest-Probleme beim Bund.

München – Einen „Impfturbo“ hat Klaus Holetschek (CSU) eingefordert. Im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt Bayerns Gesundheitsminister, wie er den zünden will. 

Herr Holetschek, mehr als 200.000 Dosen Astrazeneca-Impfstoff wurden Bayern geliefert. Verimpft wurden davon bisher nur 35.000. Wollen wirklich so wenige diesen Impfstoff?
Klaus Holetschek: Natürlich gibt es einige, die diesen Impfstoff ablehnen, aber sicher nicht in diesem Verhältnis.
Also liegt ein großer Teil derzeit auf Halde?
Holetschek: Grundsätzlich gilt: Der Astrazeneca-Impfstoff ist gut haltbar. Es gibt also nicht das Problem, dass er verderben würde. Ein Teil ist derzeit in der Verimpfung. Berücksichtigen muss man dabei aber auch immer einen gewissen Meldeverzug bei den Zahlen des RKI. Zur Wahrheit gehört aber auch: Es gibt auch bei uns Impfwillige, die den Astrazeneca-Impfstoff tatsächlich abgelehnt haben.
Sie haben mit Blick auf Astrazeneca dazu aufgerufen, in den „Impfturbo“ zu schalten. Wann wird der in Bayern gezündet?
Holetschek: Die 200.000 Beschäftigten an Schulen und Kindergärten, die wir nun in die zweite Priorisierungsgruppe vorziehen und so schnell wie möglich impfen, sind nur der erste Schritt. Wir müssen jetzt sehr flexibel und schnell durch die Priorisierungsgruppen kommen. Ich möchte, dass wir auch denen möglichst schnell ein Angebot machen, die möglicherweise übrige Astrazeneca-Impfungen jetzt schon haben wollen, aber eigentlich noch nicht dran sind. Am 25. Februar konstituiert sich unsere bayerische Impfkommission. Die werde ich bitten, hier Möglichkeiten und Wege zu prüfen, wie das gelingen kann.

Corona-Impfungen: Muss sich Bayern an die Verordnung vom Bund halten?

Kann das bedeuten, dass Priorisierungsgruppen aufgelöst und Impfstoff, der übrig bleibt, freigegeben werden könnte?
Holetschek: Ich will das für die kommenden Monate nicht in letzter Konsequenz ausschließen. Im Moment gilt aber die Priorisierung, und das ist auch gut. Ich bin sehr froh, dass wir so bereits für 83 Prozent der Menschen in Altenheimen ein Impfangebot machen konnten. Und wir dürfen nicht vergessen: Auch viele kranke Menschen warten nun darauf, in ihrer Priorisierungsgruppe geimpft zu werden. Die Entscheidung, von einer Priorisierung abzuweichen, muss man sich also sehr gut überlegen. Es gibt aber für mich in diesem wichtigen Thema kein Denk- und erst recht kein Diskussionsverbot.
Ist es auch denkbar, dass Bayern hier einen eigenen Weg gehen könnte?
Holetschek: Für uns gilt die Impfverordnung des Bundes. Die Impfverordnung wird aber sicherlich in der nächsten Zeit noch die eine oder andere Überprüfung erfahren. Dafür sorgen nicht nur die Länder mit ihren praktischen Erfahrungen aus der Umsetzung, sondern auch die Stiko. Ich weiß, dass auch andere Ländervertreter über dieses Thema nachdenken.
Anderer Impfstoff: Könnten mit vorhandenen Biontech-Dosen Erstimpfungen vorgezogen werden, indem man auf die 50 Prozent Rücklage für die Zweitimpfung verzichtet?
Holetschek: Eine strikte 50-Prozent-Rücklage praktizieren wir aktuell nicht mehr. Natürlich gibt es aber immer eine Reserve, um Lieferausfälle kompensieren zu können. Und natürlich soll die Zweitimpfung innerhalb von drei Wochen stattfinden. Wir haben aber eine flexible und dynamische Impfplanung, die uns mit zunehmenden Liefermengen auch bei den Rücklagen Spielräume eröffnet. Je mehr Menschen wir mit der Erstimpfung schützen können, desto besser ist es.
Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) Ende Januar bei der Pressekonferenz nach der Kabinettssitzung.

Corona-Bekämpfung in Bayern: Wovon die Einbindung der Hausärzte abhängt

Bald soll viel mehr Impfstoff zur Verfügung stehen. Dann muss das bisherige Tempo vervielfacht werden. Schafft Bayern das?
Holetschek: Wir werden vorbereitet sein, wenn bald deutlich mehr Impfstoff kommt. Deshalb fahren wir in unseren 100 Impfzentren ab April auch die Kapazitäten hoch. Wir können dann bis zu 111.000 Menschen am Tag impfen. Das ist eine Verdoppelung der jetzigen Kapazität. Wir sind also in der Lage, sehr schnell mehr zu verimpfen – und das müssen wir auch. Denn es sind weitere Impfstoffe kurz vor der Zulassung. Johnson & Johnson kommt. Ich denke, Curevac ist auch nicht mehr weit weg.
Wann steigen die Hausarztpraxen in der Fläche ein?
Holetschek: Ich möchte das so schnell wie möglich. Wir haben dazu bereits aktuell Pilotprojekte in Bayern laufen, um hier erste Erfahrungen zu sammeln und stehen bereits im Austausch mit Berufsverbänden. Grundsätzlich hängt die breite Einbindung der Hausärzte aber davon ab, dass zuerst einmal genug Impfstoff da ist.

Corona-Schnelltests: Österreich ein Vorbild? Darum benötigt Bayern mehr Zeit

Ein anderer wichtiger Bestandteil im Kampf gegen Corona sind Selbsttests. Könnte Bayern die Tests, die Österreich längst verwendet, selbst einführen?
Holetschek: Nein. Entscheidend ist auch für uns die Anfang März erwartete Zulassung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte. Es geht ja um Qualität. Wenn es so weit ist, werden uns die Selbsttests aber sehr helfen – unter anderem wollen wir sie in die Testabläufe in den Schulen oder beim Kitapersonal einbeziehen. Dazu haben wir jetzt schon Verträge über 8,6 Millionen Selbsttests pro Monat für die Menschen im Freistaat abgeschlossen, diese jedoch an die Zulassung des Produktes gekoppelt.
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatte kostenlose Antigen-Schnelltests für jeden ab 1. März angekündigt. Ärgert es Sie, dass sich das verzögert?
Holetschek: Es war auf Bundesebene offenbar noch nicht ganz ausgegoren, wie der Einsatz der Tests genau ablaufen soll. Bei den Kosten, aber zum Beispiel auch bei der Einbindung der Apotheken scheinen noch Dinge unklar zu sein. Insofern hat mich das nicht überrascht. Ich fände es allerdings besser, wenn man das, was man ankündigt, auch einhält.

Interview: Sebastian Horsch

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