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China setzt auf Zero-Covid - „Flip-Flop-Ansatz ist noch kostspieliger“

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Von: Christiane Kühl

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Zwei Gesundheitsmitarbeiter in weißen Schutzanzügen versprühen Desinfektionsmittel auf einer Straße in der Stadt Xining, China
Chinas Null-Covid-Politik: Mitarbeiter der Gesundheitsbehörden versprühen vor einer Runde Massentests Desinfektionsmittel in der westchinesischen Stadt Xining. © Zhang Long/Imago/Xinhua

China ist das einzige Land der Welt, das strikt an einer Null-Covid-Strategie festhält. Doch die Delta-Variante ermöglicht das nur noch mit radikalen Maßnahmen. Viele Expats verlassen das Land.

Peking/München – Dreimal in den vergangenen fünf Monaten hat China* lokale Ausbrüche von Covid-19 durch harte Maßnahmen auf Null gedrückt. Doch das wird immer schwieriger, seit auch in der Volksrepublik die Delta-Variante dominiert. Die Ausbrüche folgen im immer schnelleren Takt aufeinander. Der Vierte begann Mitte Oktober und hat inzwischen 20 von 31 Provinzen erfasst. Und auch, wenn die Fallzahlen – mit seither insgesamt mehreren hundert Erkrankten – aus deutscher Sicht fast märchenhaft niedrig wirken, sind die Gesundheitsbehörden des Landes seit Wochen in Alarmbereitschaft.

Chinas Impfquote liegt mit mehr als einer Milliarde Geimpften bei offiziell 76 Prozent. Booster-Impfungen und die Immunisierung von Kindern laufen ebenfalls. Aber es ist unklar, wie gut die lokalen Vakzine von Sinopharm und Sinovac vor der Delta-Variante schützen. Ausländische Impfstoffe sind in China nicht zugelassen. „Die Ausbrüche in Chinas Nachbarländern und auf der ganzen Welt sind nach wie vor groß. Und das macht diesen Winter und das nächste Frühjahr zu einer komplizierten und ernsten Herausforderung“, sagte Wu Liangyou von der Nationalen Gesundheitskommission am Samstag laut Bloomberg. China werde seine Zero-Covid-Politik nicht ändern.

China: Einziges Land mit Null-Covid-Politik in der Welt

Mit diesem Ansatz ist China inzwischen das einzige Land der Welt. Während Australien, Neuseeland oder Singapur inzwischen von ihrer Null-Covid-Politik abrückten, ziehen China und seine Sonderverwaltungszone Hongkong die harte Linie weiter durch. Die Behörden schicken ganze Stadtviertel in den Lockdown, sobald dort nur ein einziger Fall auftaucht. Steigen die Fälle auf ein Dutzend oder mehr, werden für ganze Städte Ausgangssperren verhängt. So dürfen die rund vier Millionen Einwohner der nordwestchinesischen Stadt Lanzhou am Gelben Fluss seit vergangener Woche ihre Wohnungen nur noch in Notfällen oder zum Einkauf von Lebensmitteln verlassen.

Zuvor hatte China ganze 29 neue lokale Corona-Infektionen gemeldet, davon sechs in der Provinz Gansu, deren Hauptstadt Lanzhou ist. Alle Einwohner wurden seither mehrmals auf das Virus getestet. Auch in der Stadt Xining wurden am Montag alle knapp 1,5 Millionen Einwohner das zweite Mal getestet, obwohl in einer ersten Runde Massentests alle negativ waren.

China: Mikromanagement bei lokalen Corona-Ausbrüchen

Dabei scheuen die Behörden auch kein Mikromanagement im Kampf gegen das Coronavirus*. Als es in Peking* am Wochenende überraschend schneite, forderten die Behörden alle Räumkommandos nach lokalen Medienberichten auf, Schnee aus Wohnvierteln mit Ausgangssperre keinesfalls in anderen Gegenden abzuladen. In Shanghai* schlossen die Gesundheitsbehörden kürzlich ohne Ankündigung wegen eines Verdachtsfalls knapp 34.000 Menschen im Disneyland ein, um sie alle einem Coronatest zu unterziehen. Erst nach Mitternacht waren die Tests beendet, 220 Spezialbusse brachten die Menschen nach Hause. Alle Tests waren negativ, aber trotzdem mussten sich die Disneyland-Besucher zwei Tage zuhause isolieren und sich nächste Woche noch ein zweites Mal testen lassen.

Ein Landkreis in der Inlandsprovinz Jiangxi stellte kürzlich sämtliche Ampeln auf Rot, nachdem dort erstmals seit 600 Tagen wieder Corona-Fälle registriert wurden. Die absurd erscheinende Maßnahme sollte die Mobilität reduzieren. Sie wurde nach einem Aufschrei in sozialen Medien aber sofort beendet. Die nordchinesische Stadt Shijiazhuang schickte über 1.100 Desinfektions-Spezialisten in Wohnviertel mit vereinzelten Corona-Fällen, um dort sämtliche Apartments zu sterilisieren. Die Kleinstadt Ruili an der Grenze zu Myanmar musste in den letzten sieben Monaten viermal in den Lockdown, insgesamt rund 200 Tage. Immer wieder hatten Menschen das Virus aus Myanmar über die poröse Grenze im Dschungel gebracht. Solche Berichte gibt es zuhauf.

Am stärksten betroffen sind derzeit Provinzen im Nordosten und Nordwesten, allerdings mit nur jeweils zwischen 100 und 200 Fällen seit Beginn der jüngsten Welle. Bilder und Videos von dort zeigen Menschen, die in eisiger Kälte für die Massentests anstehen. Die Behörden der nordchinesischen Stadt Heihe an der Grenze zu Russland bieten zudem 100.000 Yuan (rund 13.500 Euro) für Informationen zu möglichen Quellen des dortigen Ausbruchs an. Wer importierte Waren im Internet gekauft hat, soll diese „sofort sterilisieren“ und für Tests einschicken, verlangen die Stadtväter. Auch sollten sie Schmuggel oder illegale Fischerei am Grenzfluss melden.

Menschen stehen in einer Schlange vor einer Covid-Teststation in Henantun, Heihe, Heilongjiang, China.
Null-Covid-Politik: In eisiger Kälte warten Menschen im zum Kreis Heihe gehörenden Dorf Henantun nahe der chinesisch-russischen Grenze auf ihren Corona-Test. © Wang Song/Imago/Xinhua

Null-Covid in China: Was treibt die Regierung an?

Der Epidemiologe und wichtigste Corona-Berater der Regierung, Zhong Nanshan, räumte im Staatssender CGTN ein, dass diese Politik hohe Kosten mit sich bringe. Doch viele Länder hätten nach einer vorzeitigen Öffnung wieder Restriktionen einführen müssen. „Tatsächlich ist dieser Flip-Flop-Ansatz noch kostspieliger, und die psychologischen Auswirkungen auf Bürger und Gesellschaft sind größer“ als konsequentes Null-Covid, sagte Zhong. Ein Ende der Null-Covid-Politik hänge auch vom Ausland ab, so Zhang. Erst, wenn weltweit die meisten Menschen geimpft worden seien, verringere sich die Gefahr für China, immer wieder Fälle zu importieren.

Angesichts steigender Fallzahlen im Rest der Welt, wird mit einer Öffnung der seit dem Frühjahr 2020 weitgehend geschlossenen Grenzen frühestens Mitte 2022 gerechnet. Derzeit muss jeder Ankommende mindestens für zwei Wochen in Hotelquarantäne und sich mehreren PCR-Tests unterziehen. Während der Olympischen Winterspiele in Peking im Februar 2022 werden keine ausländischen Zuschauer einreisen dürfen. Alle ungeimpften Olympia-Athleten müssen nach der Ankunft in Peking für 21 Tage in Quarantäne. Athleten, Offizielle, Journalisten und Helfer* müssen sich zudem während der Spiele im Februar täglich testen lassen, egal ob geimpft oder nicht.

China: Geschlossene Grenzen sorgen für Isolation - und Ausreise vieler Ausländer

Die lange Isolation durch die geschlossenen Grenzen kappt nicht nur den auch angesichts der angespannten geopolitischen Lage so wichtigen menschlichen Austausch zwischen China und der Welt. Präsident Xi Jinping hat das Land seit Beginn der Pandemie nicht mehr verlassen – auch bei der Klimakonferenz COP26 in Glasgow war er nicht*. Die Zero-Covid-Politik macht es zudem in China arbeitenden Expats de facto unmöglich, etwa Weihnachten zum Familienbesuch nach Hause zu fliegen – und das bereits das zweite Jahr in Folge. Es kommen praktisch keine ausländischen Studierenden mehr nach China. Mitarbeitende ausländischer Firmen erwägen die dauerhafte Ausreise.

Für internationale Firmen wird es daher immer schwerer, Jobs in China mit Personen aus dem Heimatland zu besetzen. Laut einer Umfrage der EU-Handelskammer in China (EUCCC) vom Juni sahen 73 Prozent der befragten Firmen Probleme mit der Corona-Politik*. Ähnliche Umfragewerte gab es bei der Amerikanischen Handelskammer (Amcham). Die beiden Präsidenten der Amcham in Peking und Shanghai, Ker Gibbs und Alan Beebe, werden nach einem Bericht der Financial Times China nun wegen der Zero Covid-Politik den Rücken kehren.

China: Selbst Inlandsreisen werden zum Planungsrisiko

Wegen der harten Corona-Politik verließen auch Mitarbeitende europäischer Firmen das Land, sagt Ioana Kraft, EUCCC-Geschäftsführerin in Shanghai zu Merkur.de*. „Auch Inlandsreisen werden wegen Zero-Covid immer schwieriger, was für eine große Verunsicherung sorgt“, sagt Kraft. Kürzlich seien sämtliche Passagiere je eines Hochgeschwindigkeitszüge aus Shanghai und aus der nahen Stadt Jiaxing auf dem Weg nach Peking plötzlich auf einer Zwischenstation für zwei Wochen in Quarantäne gestellt worden, weil jeweils einzelne Personen in den Zügen Kontakte zu Covid-Patienten gehabt hatten.

Wer in eine Stadt reise, in der während des Aufenthaltes Corona-Fälle festgestellt werden, müsse nach der Rückkehr mit der gesamten Familie in Quarantäne, so Kraft. „Die Kinder können dann nicht mehr in die Schule.“ Auch würden viele Veranstaltungen kurzfristig abgesagt. Das macht Planungen praktisch unmöglich und zermürbt auf Dauer viele Menschen. Dass deutsche Expats daheim die laufende vierte Corona-Welle erwarte, spiele bei Überlegungen zur Ausreise daher keine Rolle, sagt Kraft.

China: Erste Zweifel an Null-Covid-Strategie

Bislang haben die Chinesen die Null-Covid-Politik relativ stoisch mitgemacht. Sorge vor Krankheiten ist in der Bevölkerung ausgeprägt, was die Akzeptanz der Maßnahmen stets hoch gehalten hat. Doch nun scheinen auch manche Chinesen müde. Videos aus der südwestchinesischen Stadt Chengdu zeigen Bürger, die über Zäune ins Gebüsch flüchten, um einem Massentest in nasskaltem Wetter zu entgehen, der wegen eines einzigen Falls im einem riesigen Bürogebäude angesetzt worden war.

Auch erste Experten äußern Zweifel: Es werde nicht gelingen, das Virus komplett auszumerzen, sagte am Montag Guan Yi vom State Key Laboratory of Emerging Infectious Diseases der südchinesischen Universität Shantou dem Hongkonger Sender Phoenix TV. Statt dauernd Massentests anzuordnen, sollten die Behörden lieber regelmäßig das Niveau der Immunisierung in der Bevölkerung prüfen. Wenn lokale Behörden auf verstreute Fälle weiterhin immer mit Null Toleranz reagierten, „wird die Wirtschaft kollabieren, denke ich“, so Guan. Das Virus habe in der Menschheit Fuß gefasst und werde bleiben: „Das ist eine Tatsache, ob sie uns nun gefällt oder nicht.“ Noch haben sich die Behörden dieser Sichtweise nicht angeschlossen. (ck) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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