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Grafik enthüllt: Gibt es einen Zusammenhang zwischen deutscher Sprache und niedriger Impfquote?

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Von: Bettina Menzel

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Deutsche Sprache in Luxemburg, Österreich, Belgien, Schweiz, Liechtenstein, Deutschland und Südtirol
EU: In Luxemburg, Österreich, der Schweiz, Liechtenstein, Deutschland und Südtirol sprechen die Menschen Deutsch. Welchen Einfluss hat die deutsche Sprache auf die Impfquote? (Symbolbild) © picture alliance / dpa | Jens Büttner

Deutschsprachige Länder haben einen ähnlich hohen Anteil an Ungeimpften. Ist das Zufall oder hat die gemeinsame Sprache etwas damit zu tun?

München - Was haben Österreich, Deutschland und die Schweiz gemeinsam? Was klingt wie der Beginn eines schlechten Witzes, ist eigentlich eine Beobachtung der Financial Times. In einer Grafik stellte die Zeitung fest, dass die DACH-Länder in Westeuropa jene mit der höchsten Quote der Ungeimpften sind. Die Zeit titelte gar mit „DACH-Schaden“. Doch gibt es einen Zusammenhang zwischen niedriger Corona-Impfquote und deutscher Sprache?

DACH-Länder: So sieht die Impfquote in Europa aus

Ein Blick auf die Impfquoten Europas zeigt, dass Österreich, Deutschland und die Schweiz eine ähnlich hohe Rate von Ungeimpften aufweisen. Über 20 Prozent der Menschen sind in diesen Ländern nicht geimpft. In der Schweiz wird sogar eine Tendenz innerhalb des Landes deutlich: In den italienisch- und französischsprachigen Teilen liegt die Impfquote deutlich höher als in der deutschsprachigen Region. Auch in Litauen und Luxemburg spricht ein Teil der Bevölkerung Deutsch, die Impfquote in diesen beiden Ländern ist ebenfalls mit der DACH-Region vergleichbar.

In Italien fällt die deutschsprachige Region Südtirol aus der Reihe: Der Anteil der Geimpften liegt mit 68 Prozent deutlich unter dem italienischen Durchschnitt von rund 77 Prozent. Ein Zusammenhang zwischen der deutschen Sprache und der Impfquote drängt sich auf. Belgien hat eine verschwindend kleine deutschsprachige Minderheit, die scheinbar keinen Einfluss auf die Impfbereitschaft der Menschen hat, denn die Quote liegt vergleichsweise hoch bei rund 74 Prozent. Stellt sich also die Frage: Warum haben deutschsprachige Länder und Regionen so niedrige Impfquoten?

Diese Theorien gibt es zur niedrigen Impfquote in deutschsprachigen Ländern

Ein vielzitierter Erklärungsansatz für dieses Phänomen ist die deutsche Romantik. Das klingt weit hergeholt, doch die Anthroposophie sehen viele als Gemeinsamkeit zwischen den deutschsprachigen Ländern. Diese esoterische Weltanschauung wurde von Rudolf Steiner ins Leben gerufen und wird noch heute an Waldorfschulen gelehrt. Wer dieser Richtung folgt, ist eher Impfskeptiker, Schlagworte sind hier „Ökologie“ und „Natur“. Außerdem vermengt diese Denkschule allerlei Konzepte, etwa die christliche Mystik, das Weltbild Goethes und fernöstliche Religionen. Sie entstand im 19. Jahrhundert und damit zu einer Zeit, als die Wissenschaft nicht die gleichen Erkenntnisse über Impfungen hatte wie heute.

Tatsächlich waren zu Beginn der Corona-Pandemie viele verwundert, dass Esoteriker, „Ökos“ und Nazis sich gemeinsam auf Querdenker-Demos einfanden. Allen gemein könnte ihr antiautoritäres Denken sein, so eine Vermutung des Soziologen Oliver Nachtwey gegenüber dem Standard. Esoterische Neigungen waren auch im Nationalsozialismus keine Unbekannten, Heinrich Himmler soll Anhänger der „Ariosophie“ gewesen sein. Auch Impfgegner sind im deutschen Kulturraum kein neues Phänomen, erste Impfgegner-Organisationen wurden bereits um 1869 gegründet, damals ging es gegen die Pocken-Impfung und es bestand die Befürchtung, sich nach der Impfung in eine Kuh zu verwandeln. Immerhin sind die unbegründeten Ängste vor Impfungen heute etwas ausgereifter. Die Kuh kam nicht von ungefähr, denn das Wort Vakzin stammt ursprünglich von „Vacca“. Kuhpocken halfen dabei, die erste Pockenimpfung zu entwickeln.

Niedrige Impfquote: Andere Pandemieentwicklung und rechtspopulistische Parteien

Doch es gibt auch pragmatischere Erklärungsansätze. In ganz Europa gibt es einen Rechtsruck – wie oft in Krisenzeiten. Doch in Österreich, Deutschland und der Schweiz sind die rechtspopulistischen Parteien besonders laut. Die FPÖ in Österreich organisierte Proteste gegen Corona-Maßnahmen und wettert genau wie die AfD in Deutschland und die SVP in der Schweiz auch rhetorisch immer wieder gegen die Restriktionen und Impfungen. Die Populisten erhoffen sich dadurch einen stärkeren Zulauf und bieten einfache Antworten auf komplizierte Fragen.

Portugal, Spanien oder Italien hatten 2020 zudem einen sehr schweren Pandemieverlauf. Die Bevölkerung war direkt mit den Auswirkungen konfrontiert, die Regierungen setzten teils strengere Maßnahmen als etwa Deutschland. Portugal und Spanien waren zudem noch in den 70ern von Polio-Erkrankungen gezeichnet, da sie spät mit dem Impfen begannen, die Wirkung von Impfungen ist in der Bevölkerung daher noch sehr präsent, wie die portugiesische Zeitung Publico berichtet.

Ist die Gemeinsamkeit wirklich die deutsche Sprache?

Die Grafik der Financial Times suggeriert auf den ersten Blick, dass die deutschsprachigen Länder das Impf-Schlusslicht in Europa sind. Doch ganz hinten in der Statistik liegen Rumänien (36.96%) und Bulgarien (24.46%). Ähnlich niedrig wie in Deutschland ist die Impfquote in Schweden (68.82%) und Frankreich (68.95%). Die Datenlage ist vielleicht nicht so eindeutig, wie gedacht.

Die Theorien zum Zusammenhang zwischen Impfquote und Sprache sind aktuell genau das: Theorien. Grundsätzlich bedeutet Korrelation nicht Kausalität. In Zukunft werden Forscher die Gründe für die Impfskepsis sicherlich genauer untersuchen. Doch solange können die Länder nicht warten. Österreich hat mittlerweile eine Impfpflicht beschlossen. „Nur wer die Fakten nicht verstanden hat oder von Desinformation getäuscht wurde, entscheidet sich bewusst gegen eine Impfung“, sagt die Wissenschaftlerin Mai Thi Nguyen-Kim zur aktuellen Impfdebatte.

Die Impfquote der europäischen Länder im Überblick

Stand zwischen 7. und 18. November

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