Blick ins Ausland

Deutschland im Lockdown: Dänemark fasst festen Öffnungs-Plan - Österreich sagt Inzidenz adé

  • Tanja Koch
    vonTanja Koch
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  • Florian Naumann
    Florian Naumann
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Deutschland geht nach dem Corona-Gipfel wieder Richtung Lockdown. In anderen Ländern Europas sieht die Stimmung teils ganz anders aus - von Notstand bis Öffnung.

  • Die deutsche Öffungsstrategie ist gescheitert: Nach dem Corona-Gipfel am Montag stehen die Zeichen wieder auf Lockdown.
  • Doch wie ist die Lage im europäischen Ausland?
  • In Dänemark und Großbritannien etwa laufen Lockerungen oder sind in Reichweite. Frankreich hingegen taumelt ebenfalls zurück in den Lockdown. Ein Überblick.

München - Erneut ist es Zeit für einen Corona-Gipfel in Deutschland - und diesmal geht es wieder ums Schließen, statt ums Öffnen. Gerade mal 14 Tage nach Start der ersten zaghaften Lockerungen stellt sich eine böse Frage: Haben es Bund und Länder verbockt? Mit einem leichtfertigen Versprechen die Pandemie-Lage nur weiter verschlimmert - oder gar die entscheidenden Weichenstellungen verpasst?

Ein Blick ins europäische Ausland erbringt zwar keine klare Antwort in dieser Angelegenheit. Aber er öffnet ein wenig den Horizont. Die Tendenz: Schwierig ist es überall und so schlecht steht Deutschland gar nicht mal da. Aber ein wenig erfinderischer und koordinierter als Kanzlerin und Ministerpräsidenten kann man mit den Covid-Erfordernissen schon umgehen... Ein Überblick von Schweden bis Frankreich und Tschechien.

Dänemark: Corona-Lockerungen frisch in Kraft - und die Zahlen steigen kaum

Corona-Zahlen aus Dänemark: 7-Tage-Inzidenz: 85,1* / Impfungsquote: 5,37%** / Todesfälle gesamt: 2.401*

Deutschland sperrt zu - Dänemark macht auf. Das Land hat sich auf einen langfristigen Plan zur Abkehr von den geltenden Corona-Maßnahmen verständigt. Die Vereinbarung zwischen der sozialdemokratischen Regierung und fast allen weiteren dänischen Parlamentsparteien sieht das Ziel vor, dass die Beschränkungen des öffentlichen Lebens mit wenigen Ausnahmen komplett aufgehoben werden, sobald alle Risikogruppen und alle Menschen über 50, die dies wünschen, ihre erste Impfung gegen Covid-19 erhalten haben. Für gewisse Bereiche sollen voraussichtlich aber Einschränkungen bestehen bleiben, etwa für Großveranstaltungen und das Nachtleben.

Wie aus der am späten Montagabend veröffentlichten Rahmenvereinbarung hervorgeht, dürfen Friseure und vergleichbare Dienstleister ab dem 6. April - also nach Ostern - landesweit wieder öffnen. Auch in den Schulen gibt es dann weitere Lockerungen: Nachdem die Schüler bis zur vierten Klasse bereits seit längerem zurück im Klassenzimmer sind, dürfen nun unter anderem auch die fünften bis achten Jahrgangsstufen zur Hälfte - das bedeutet jede zweite Woche - zum Präsenzunterricht zurückkehren. Andere Corona-Maßnahmen werden vorläufig bis zum 20. April verlängert. Bei vielen weiteren Öffnungsschritten soll ein derzeit entwickelter Corona-Pass mit Impf- und Testdaten eine zentrale Rolle spielen.

Nach einem Höchststand Mitte Dezember sind die Neuinfektionszahlen in Dänemark deutlich gesunken. Zuletzt lagen sie bei den Vergleichszahlen der EU-Gesundheitsbehörde ECDC auf die Bevölkerung heruntergerechnet in etwa auf dem Niveau von Deutschland, die Zahl der mit Covid-19 in Verbindung stehenden Todesfälle ist dagegen bei den Dänen so niedrig wie fast nirgendwo sonst in Europa. Auch die bisherigen Lockerungen der Corona-Maßnahmen haben die dänischen Zahlen bislang nicht wieder stark in die Höhe schnellen lassen.

Frankreich: Macron will Probleme aussitzen - und scheitert

Corona-Zahlen aus Frankreich: 7-Tage-Inzidenz: 254,1 / Impfungsquote: 3,62% / Todesfälle gesamt: 92.119

Wochenlang hatte sich Frankreichs Präsident Emmanuel Macron gegen einen neuen Lockdown gesperrt, trotz aller Warnungen von Virologen. Schließlich aber zwang die dritte Corona-Welle die Regierung zum Handeln. Zumindest regional: Seit Samstag (20. März) gelten für rund 21 von insgesamt 67 Millionen Bürgern bereits zum dritten Mal in der Pandemie harte Auflagen. Macron hatte gehofft, es dank Impfungen ohne größere Lockdowns in den Sommer zu schaffen. Als der Pariser Großraum Ende Januar alle Alarmwerte überschritt, geschah: nichts. Auch als die Inzidenz in dem Gebiet mit zwölf Millionen Bewohnern im März über die Marke von 400 schnellte, spielte Macron auf Zeit - zum Unmut der Menschen in anderen Regionen der „Grande Nation“.

Die unter der immensen Zahl der Corona-Intensivpatienten ächzenden Krankenhäuser und mehr als 91.000 Todesfälle ließen dem Präsidenten nun aber keine Wahl. Ab dem Wochenende müssen im Pariser Großraum und in Teilen Nord- und Südfrankreichs erneut fast alle Geschäfte des nicht täglichen Bedarfs schließen. Die Menschen dürfen ihre Häuser nur aus triftigen Gründen verlassen, etwa zum Einkaufen oder für den Arztbesuch. Schulen sollen aber offen bleiben. Sport und Spaziergänge im Freien sollen in Frankreich zudem erstmals ohne strenge zeitliche Begrenzung möglich sein, und auch Frisör- oder Buchläden bleiben offen.

Großbritannien: Johnson gibt auf „Einbahnstraße Richtung Freiheit“ Gas - protestiert wird trotzdem

Corona-Zahlen aus Großbritannien: 7-Tage-Inzidenz: 55,5 / Impfungsquote: 3,35% / Todesfälle gesamt: 126.393

Großbritannien denkt ans Öffnen: Schon im Februar hat Premier Boris Johnson vollmundig die „Einbahnstraße Richtung Freiheit“ betreten - auch aktuell will er an Lockerungsplänen festhalten. „Wir sind weiter auf dem Weg dorthin, uns das zurückzuerobern, was wir lieben“, erklärte er. Mitte April sollen die ersten Biergärten sowie nicht-essenzielle Geschäfte wieder öffnen. Vor jeder Lockerung soll jedoch eine Prüfung der Infektionslage stattfinden.

Boris Johnson (l), Premierminister von Großbritannien, hebt die Daumen in die Höhe, nachdem er die erste Impfdosis mit dem Corona-Impfstoff von AstraZeneca erhalten hat.

Gleichwohl rechnet Johnson auch für Großbritannien mit Auswirkungen durch die dritte Corona-Welle auf dem europäischen Kontinent. Das sagte der konservative Politiker am Montag beim Besuch eines Unternehmens im nordenglischen Preston. „Die Menschen in diesem Land sollten sich keine Illusionen machen. Die Erfahrung zeigt, dass eine Welle, die unsere Freunde trifft, auch bei uns landen wird“, so Johnson. Aus diesem Grund werde das Impfprogramm mit voller Kraft fortgesetzt. Die Entwicklung und Herstellung von Vakzinen seien internationale Projekte, die internationaler Kooperation bedürften, betonte er. 

Impfen bleibt im UK Hauptthema: Inzwischen hat jeder zweite Erwachsene bereits die erste Impfdosis erhalten. Doch zuletzt kam es auch in Großbritannien zu Lieferverzögerungen. Exporte könnten erneut zum Streitthema mit der EU werden. Und auch auf der Insel regt sich Unmut über Corona-Maßnahmen: Obwohl Proteste eigentlich derzeit verboten sind, versammelten sich am Samstag einige Tausend Lockdown-Gegner. Sie zogen mit Plakaten und Bannern vom Hyde Park zur St. Paul‘s-Kathedrale und durchs Regierungsviertel. Mehr als 30 Menschen wurden festgenommen, weil sie Polizisten angegriffen haben sollen.

Österreich: Kurz verteidigt Öffnungen - doch nun wird es auch für Wien eng

Corona-Zahlen aus Österreich: 7-Tage-Inzidenz: 226,2 / Impfungsquote: 3,62% / Todesfälle gesamt: 9.074

Auch in Österreich wurde am Montag bei einem Corona-Gipfel über das weitere Vorgehen in der Corona-Krise gestritten: Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) steht zu seinem - aus deutscher Sicht gewagten - Konzept. Die Infektionszahlen würden zwar linear, aber nicht exponentiell steigen, hieß es vorab. Der bisherige Weg werde in den meisten Bundesländern fortgesetzt, verlautete dann am Montag aus Regierungskreisen. Auch weitere Öffnungsschritte wurden aber nicht ausgeschlossen. Diese sollen nach Ostern möglich sein, falls die Entwicklung in den Intensivstationen stabil bleibe.

Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) hatte erst am Sonntag auf die sich zuspitzende Lage vor allem in den Intensivstationen der östlichen Bundesländer hingewiesen. Dort ist die ansteckendere britische Virusvariante teils für 95 Prozent aller Neuinfektionen verantwortlich. Um eine Überlastung der Intensivkapazitäten speziell im besonders von hohen Infektionszahlen betroffenen Wien zu verhindern, würden die Bundesländer Wien, Niederösterreich und das Burgenland in dieser Woche zusammen mit dem Gesundheitsministerium beraten, hieß es. Sobald ein Bezirk eine Sieben-Tage-Inzidenz von 400 erreiche, solle es regional zu maßgeschneiderten Maßnahmen kommen. Die Inzidenz liegt in Österreich etwa doppelt so hoch wie in Deutschland.

Am Montag wurden in Österreich binnen eines Tages 2412 Neuinfektionen verzeichnet - der höchste Montagswert seit Mitte Dezember. In einzelnen Bundesländern wie Vorarlberg oder auch Tirol ist die Situation aber deutlich besser. Es mehren sich wieder die Hinweise auf eine große Dunkelziffer bei den Infizierten. So waren in Wien die Hälfte aller, die positiv getestet wurden, zu diesem Zeitpunkt symptomfrei. Das Land hat sich unterdessen von der Inzidenz als zentraler Marke verabschiedet: In Zukunft wird für die Bewertung der Lage nicht nur der Inzidenzwert herangezogen, sondern vor allem die Auslastung auf den Intensivstationen und die Durchimpfungsquote der über 50-Jährigen.

Schweden: „Sonderweg“ fühlt sich teils nach Lockdown an - Große Museen öffnen nun wieder

Corona-Zahlen aus der Schweden: 7-Tage-Inzidenz: 314,3 / Impfungsquote: 3,77% / Todesfälle gesamt: 13.262

Schweden ist in der Corona-Krise einen international vielbeachteten Sonderweg mit relativ lockeren Beschränkungen des öffentlichen Lebens und Appellen an die Vernunft der Bürger gegangen. Vereinzelte Corona-Maßnahmen gab und gibt es aber auch bei den Schweden - wenn auch nicht so strenge wie in Deutschland oder anderswo. Unter anderem dürfen sich seit Ende November nur noch maximal acht Menschen für öffentliche Zusammenkünfte und Veranstaltungen versammeln. Darüber hinaus hat sich die Regierung mit einem im Januar verabschiedeten Pandemiegesetz die Möglichkeit zu strengeren Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus geschaffen. Viel läuft aber weiterhin über das Prinzip der Freiwilligkeit.

In Schweden wurden zuletzt wieder einige Einrichtungen oder Freizeit-Aktivitäten geöffnet: Laut dem Fernsehsender SVT öffneten zuletzt einige bekannte Museen wieder ihre Pforten, darunter das Nordiska Museet in Stockholm, am Donnerstag soll das Moderna Museet folgen - es hatte seit Anfang November geschlossen. Auch Hallen-Sportarten hatten auf Entscheidung der Verbände oder wegen geschlossener Sporthallen vielerorts zwischenzeitlich pausiert. Nach Recherchen des Senders P4 haben seitdem gerade viele ältere Jugendliche das Training aufgegeben und sind nach dem Neustart nicht wieder bei ihren Vereinen aufgetaucht.

Schweiz: Eidgenossen ziehen Lockerungs-Notbremse - aber mehr Kontakte möglich

Corona-Zahlen aus der Schweiz: 7-Tage-Inzidenz: 115,1 / Impfungsquote: 5,07% / Todesfälle gesamt: 10.213

Auch die Schweizer Regierung hat wegen steigender Corona-Infektionen für nächste Woche geplante Lockerungsschritte gestoppt. Die epidemiologische Lage lasse das nicht zu, sagte Gesundheitsminister Alain Berset am Freitag. Lediglich bei privaten Treffen ändert sich etwas: Ab Montag dürfen sich drinnen wieder zehn statt nur fünf Personen treffen. Aus der Gastronomie- und Veranstaltungsbranche wächst - wie in Deutschland - seit Wochen der Druck, zügig wieder zu öffnen. „Bitte gedulden Sie sich noch“, sagte Berset. 

Ob die Öffnung der Restaurantterrassen oder Lockerungen bei Sport- und Kulturveranstaltungen möglich sind, soll Mitte April wieder überlegt werden. Die Regierung hoffe, bis dahin mit den Impfungen weiter vorangekommen zu sein, sagte Berset. In der Schweiz wird dabei nicht nur auf die Inzidenz geblickt: Die Regierung orientiert sich an vier Richtwerten, von denen Öffnungsentscheidungen abhängen. Dabei geht es um die Veränderung bei den Neuinfektionen, die Reproduktionszahl, die Belegung der Intensivbetten und die Positivrate bei Tests.

Tschechien: Corona-Notstand im Nachbarland - Innenminister sieht immerhin kleinen Lichtstreif

Corona-Zahlen aus Tschechien: 7-Tage-Inzidenz: 628,4 / Impfungsquote: 3,38% / Todesfälle gesamt: 24.667

Tschechien befindet sich weiter in einer tiefen Corona-Krise: Die Minderheitsregierung in Tschechien will den Corona-Notstand um einen Monat bis zum 27. April verlängern. Das beschloss das Kabinett am Montag in Prag. Man müsse den „Kampf zu Ende führen“, sagte Innenminister Jan Hamacek. Das Parlament muss noch zustimmen, könnte sich aber für einen kürzeren Zeitraum entscheiden. Auf der Grundlage des Ausnahmezustands ist unter anderem die Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Die Menschen dürfen derzeit ihren Bezirk nur in Ausnahmefällen verlassen.

Die Corona-Lage in dem Land mit 10,7 Millionen Einwohnern bessert sich, wenn auch nur langsam. Auf dem Höhepunkt der Krise hatte Tschechien andere Länder wie Deutschland und Polen um Hilfe bei der Behandlung von Corona-Patienten gebeten. Diese Gesuche habe man nun wieder zurückgezogen, sagte Hamacek. „Aktuell sieht es danach aus, dass wir die Situation mit eigenen Mitteln beherrschen können.“

(fn/tk/dpa/AFP)

*Alle Daten zu Inzidenz, Impfquote und Todesfällen basierend auf Material der Johns-Hopkins-Universität, die Inzidenzen in Aufbereitung der LMU München. Stand 22.3., 18.00 Uhr.

** Die Daten zu den Impfungsquoten beziehen sich auf komplette (also zweifache) Impfungen.

Rubriklistenbild: © Christian Spicker/www.imago-images.de

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