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„Das Gesundheitswesen ist faktisch erneut überlastet“: Chefarzt spricht von „realitätsfremder“ Annahme

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Von: Sebastian Horsch

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Chefarzt Dr. Dr. Peter Neubauer von der Schön-Klinik Vogtareuth spricht über die Impfpflicht-Debatte.
Chefarzt Dr. Dr. Peter Neubauer von der Schön-Klinik Vogtareuth spricht über die Impfpflicht-Debatte. © Schön-Klinik

Die Impfpflicht-Debatte beschäftigt ganz Deutschland. Chefarzt Peter Neubauer hält eine Impfpflicht im Gesundheitswesen nur für die zweitbeste Lösung - das Interview.

München – Die einrichtungsbezogene Impfpflicht für Praxen, Kliniken und Pflegeheime soll eigentlich ab 15. März in Kraft treten. Doch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder* (CSU*) hat angekündigt, die Umsetzung vorerst auszusetzen. Eine gute Entscheidung? Wir haben Dr. Dr. Peter Neubauer gefragt – Chefarzt am Fachzentrum für Anästhesie und Intensivmedizin der Schön Klinik Vogtareuth.

Bayern wird die einrichtungsbezogene Impfpflicht in Gesundheitswesen und Pflege vorerst nicht umsetzen. Sind Sie als Chefarzt erleichtert oder enttäuscht?

Ich bin darüber enttäuscht, dass die einrichtungsbezogene Impfpflicht nicht konsequent umgesetzt wird. Noch wesentlich sinnvoller wäre es allerdings, eine allgemeine Impfpflicht einzuführen – die Diskussionen um die einrichtungsbezogene Variante hätten sich damit erübrigt.

Einige Einrichtungen fürchten ein Personalproblem, wenn impfunwillige Mitarbeiter gehen. Sie nicht?

Wir haben die Hoffnung, dass wir die Impfbereitschaft weiter erhöhen und tun hierfür alles für die Mitarbeiter. Einige Mitarbeiter würden sicher kündigen, viele allerdings auch nicht – die Alternativen sind ja nicht unendlich.

Wie nehmen Ihre Mitarbeiter die Diskussion wahr?

Viele unserer Mitarbeiter fühlen sich durch die einrichtungsbezogene Impfpflicht ungerecht behandelt und fordern eine allgemeine Impfpflicht. Es ist ja auch aus epidemiologischer Sicht nicht verständlich, warum der Schutz von zu betreuenden Menschen nur so einseitig gestaltet werden soll.

Chefarzt im Merkur-Interview: „Ich persönlich halte die allgemeine Impfpflicht für notwendig“

Warum halten Sie eine allgemeine Impfpflicht für nötig – und sehen Sie sie jetzt in Gefahr?

Ich persönlich halte die allgemeine Impfpflicht für notwendig, um uns auch vor zukünftigen möglicherweise aggressiveren Corona*-Varianten zu schützen. Ich fürchte nur, dass eine allgemeine Impfpflicht derzeit nicht durchsetzbar ist. Spätestens im Herbst werden wir deshalb ohne ausreichende Impfquote fast zwangsläufig in die nächste Welle kommen. Von der Politik würde ich mir ein ähnlich beherztes und konsequentes Handeln beim Thema allgemeine Impfpflicht wünschen, wie es uns Österreich, Italien und Griechenland gerade vormachen.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft geht nicht mehr von einer Überlastung des Gesundheitswesens in der Omikron-Welle aus. Teilen Sie diese Einschätzung?

Ich halte diese Einschätzung für realitätsfremd. Unser Gesundheitswesen ist faktisch bereits erneut überlastet – durch den umfangreichen Ausfall von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aufgrund von Infektionen und Quarantäne sowie der vielen zahlreichen Operationen und Maßnahmen, die jetzt verschoben werden und irgendwann von immer noch massiv überlastetem Personal nachgeholt werden müssen.

Interview: Sebastian Horsch - *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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