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Corona: Ethikerin über Impfpflicht und Triage - „Behaupten, das sind Verweigerer, geht überhaupt nicht“

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Von: Marc Beyer

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Bei vielen Intensivstationen ist die Belastungsgrenze wegen Corona noch angespannter, als ohnehin schon (Symbolbild)
Bei vielen Intensivstationen ist die Belastungsgrenze wegen Corona noch angespannter, als ohnehin schon (Symbolbild). © Axel Heimken / AFP

Ethikerin Sigrid Graumann spricht über die angespannte Lage auf den Intensivstationen und die Flucht aus Pflegeberufen. Ungeimpfte möchte sie nicht stigmatisieren.

München – Der Ethikrat hat sich für eine Impfpflicht im Gesundheitsbereich ausgesprochen. Die Ethikerin Sigrid Graumann, Mitglied des Gremiums, spricht über die Gründe, die schwierige Lage auf den Intensivstationen und Druck auf Ungeimpfte, die ein Vakzin gegen das Coronavirus ablehnen.

Die Debatte über eine Impfpflicht schwelt seit Monaten. Was hat die Abwägung für Sie so lange so schwierig gemacht?

Sigrid Graumann: Es ist ja immer die Frage: Wofür sind wir zuständig? Wir beraten die Politik, aber wir schalten uns nicht in einzelne Entscheidungen ein. Jetzt haben wir aber die Situation, dass durch Impfdurchbrüche, aber auch durch nicht geimpftes Personal erhöhte Risiken auf vulnerable Gruppen zukommen.

Ungeimpft zu sein, ist fast schon ein Stigma.

Graumann: Wir haben offenbar in der Gesellschaft eine Gruppe, die impfskeptisch ist. Laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sind nur zwei bis vier Prozent generell impfskeptisch. Was wir jetzt gesehen haben, ist, dass der Druck eine Rolle spielt, zum Beispiel bei der Abschaffung der kostenlosen Bürgertests. Ein indirekter Impfzwang überzeugt die Leute nicht.

Corona: Ethikerin nimmt Impfskeptiker in Schutz - „Hochgradig belastend“

Aus den Intensivstationen hört man von renitenten Patienten und Aggression gegen das Personal. Um wessen Gesundheit muss man sich mehr sorgen?

Graumann: Beide. Das ist auch ein Grund, warum wir in unserer Stellungnahme sehr zurückhaltend waren mit moralischem Druck oder Vorwürfen gegen das Personal. Man muss immer sehen, dass alles, was in der Pflege passiert, hochgradig belastend ist. Viele waren selbst erkrankt. Ohne gesicherte empirische Grundlage zu behaupten, das sind Impfverweigerer, geht überhaupt nicht.

Wo ist für das medizinische Personal die Grenze des Zumutbaren erreicht?

Graumann: Wir sind über die Belastungsgrenze deutlich hinaus. Man sieht das auch daran, dass so viele die Flucht aus dem Beruf angetreten haben. Das ist das letzte Mittel, das Menschen ergreifen.

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Wie kann man damit umgehen, dass man sogar dafür angefeindet wird, Menschen helfen zu wollen?

Graumann: Dafür gibt es keinen guten Umgang. Das ist einfach hochgradig frustrierend. Wir müssen trotzdem daran festhalten. Es gab ja auch schon die Forderung, dass Nicht-Geimpfte bei Knappheit auf Intensivstationen zurückstehen müssen. Das können wir auch nicht machen. Das wäre ein Dammbruch. In der Medizin gilt, dass diejenigen versorgt werden, die bedürftig sind. Ohne moralische Qualifizierung.

In Thüringen hat Ministerpräsident Ramelow neulich gesagt, Ungeimpften könne man keine Behandlung in seinem Land mehr garantieren. In der Schweiz wird bereits über eine Triage bei Ungeimpften debattiert.

Graumann: Ethisch ist das nicht vertretbar. Wir machen auch keinen Unterschied, ob jemand straffällig geworden ist oder nicht. Der Anspruch auf medizinische Behandlung ist Menschenrecht. Das dürfen wir nicht infrage stellen. Ich habe Verständnis dafür, dass Bodo Ramelow frustriert ist. Aber aus ethischer Sicht geht das natürlich nicht.

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Braucht es ein Triage-Gesetz?

Graumann: Ich glaube nicht. Ärztinnen und Ärzte sind immer wieder in Situationen, wo sie sehr schwere ethisch relevante Entscheidungen treffen müssen. Ich glaube aber, man kann diese Entscheidungen den individuell Verantwortlichen nicht ersparen.

In Singapur sollen Ungeimpfte ihre Behandlung künftig selber bezahlen. Können Sie das nachvollziehen?

Graumann: Nein. Das sind Debatten, die wir in der Medizinethik seit Jahren führen. Wir diskutieren auch darüber, ob Personen, die Risikosportarten betreiben, ihre Behandlung selber zahlen müssen. Oder ob Raucher für ihre Lungenkrebs-Behandlung aufkommen müssen. Noch einmal: Wir haben einen menschenrechtlichen Anspruch auf Gesundheitsversorgung. Ohne Ansehen der Person.

Interview: Marc Beyer

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