WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus bei einer Online-Pressekonferenz in Genf (Archivbild).
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WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus bei einer Online-Pressekonferenz in Genf (Archivbild).

Bestellungen bei Herstellern schuld?

Zehn Millionen Dosen binnen weniger Tage nötig: WHO schlägt Impf-Alarm - und übt harsche Kritik

  • Florian Naumann
    vonFlorian Naumann
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Das Wehklagen über mangelnden Corona-Impfstoff ist aller Orten groß. Doch die WHO warnt vor weit massiveren Problemen - und hofft auf 10 Millionen Dosen.

Genf - Nicht nur in Deutschland oder Österreich fehlt Corona-Impfstoff - in anderen Teilen der Welt ist Mangel ungleich größer: Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat nun reiche Länder aufgerufen, so schnell wie möglich Impfstoffdosen für ärmere Staaten zu spenden und damit auf ein oft und gerne übersehenes Problem hingewiesen.

Innerhalb der nächsten Tage seien zehn Millionen Dosen erforderlich, sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus am Freitagabend in Genf. Dann könnten auch 20 Länder, die ansonsten bis Anfang April nicht beliefert würden, mit Impfungen starten. „Es gibt jede Menge Länder, die es sich ohne großen Einfluss auf ihre eigenen Impfkampagnen leisten könnten, Impfdosen zu spenden.“

Corona-Impfungen: Millionen Dosen in ärmeren Ländern fehlen - „Covax“ steht vor Problemen

Das Projekt Covax, das vor allem ärmere Länder mit Impfstoffen versorgen soll, hat große Schwierigkeiten mit dem Nachschub. Ein Problem sind Exportkontrollen in Indien, wo ein erheblicher Anteil produziert wird. Wegen steigender Infektionszahlen will Indien mehr Impfstoff für die eigene Bevölkerung nutzen.

Covax wollte bis Mai eigentlich 237 Millionen Impfdosen an mehr als 100 Länder liefern. Fast die Hälfte davon sollte vom Serum-Institut in Indien kommen, das AstraZeneca-Impfstoff* produziert. 90 Millionen Dosen, die zur Auslieferung im März und April vorgesehen waren, verzögern sich wegen der Kontrollen.

Corona: WHO-Chef rügt „Impfnationalismus“ - Auch Banden sind auf Geschäfte aus

Tedros zeigte aber Verständnis. Indien brauche den Impfstoff selbst, sagte der WHO-Chef. Man hoffe auf eine Lösung, damit sowohl die dortige Bevölkerung als auch Menschen in anderen Ländern versorgt werden könnten. Tedros kritisierte Länder und Staatengemeinschaften, die Impfstoff direkt bei Herstellern bestellt haben. „Impfnationalismus“ habe den Markt verzerrt.

Der Westen musste sich zuletzt von China und Russland Vorhaltungen in Sachen Impfstoff-Verteilung* machen lassen. Aber auch in Deutschland gibt es Kritik: Vier Bundestagsfraktionen hatten sich unlängst bei Merkur.de* für eine bessere Ausstattung des globalen Südens mit Vakzinen ausgesprochen. Der FDP-Abgeordnete und Infektiologe Andrew Ullmann warnte zudem vor einem womöglich nicht mehr kontrollierbaren Mutationsgeschehen, sollten Länder bei der Verteilung leer ausgehen. Gerade China* hat sich bislang mit Spenden hervorgetan.

Die WHO zeigte sich zudem besorgt, dass kriminelle Banden die hohe Nachfrage ausnutzen könnten. Gesundheitsministerien mehrerer Länder hätten verdächtige Angebote erhalten, sagte Tedros. Andernorts würden gelieferte Impfdosen abgezweigt und separat verkauft. Dabei sei unklar, ob Kühlketten eingehalten werden. Außerdem würden leere Ampullen mit gefälschten Produkten wieder gefüllt. Tedros mahnte, nur Impfdosen von staatlichen Programmen zu beziehen. (dpa/fn) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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