Selbst Lindner lobt Grünen-Bürgermeister

Corona-Vorbild für ganz Deutschland? Wie Tübingen und OB Palmer wirksam Senioren schützen

  • Marc Beyer
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Tübingen setzt auf Eigenverantwortung bei Corona-Risikogruppen. Mit Schnelltests, kostenlosen FFP2-Masken und Sonderregeln sanken die Infektionen in Heimen auf null.

  • Mit seiner speziellen Corona-Strategie sorgt die Stadt Tübingen derzeit für Aufmerksamkeit.
  • Im Vergleich zu anderen Regionen Deutschlands stechen besonders die Altenheime hervor.
  • Was macht die schwäbische Stadt anders? OB Boris Palmer hat daran einen großen Anteil.

München/Tübingen – Die 7-Tage-Inzidenz im Landkreis Tübingen betrug gestern 109,3. Sie liegt ein gutes Stück unter den 147, die für ganz Deutschland gezählt wurden, aber diese Zahl allein erklärt nicht, warum sich gerade so viele Blicke auf die Region südlich von Stuttgart richten. In Tübingen – Stadt, nicht Landkreis – gibt es noch eine Ziffer, die in diesen trüben Zeiten für Furore sorgt. Die 0.

Kein einziger Corona-Fall ist aktuell in den Altenheimen der Stadt bekannt. Das wäre erstaunlich genug, denn bundesweit sind Senioreneinrichtungen ein Epizentrum der Krise, aber in Tübingen kennt man es gar nicht mehr anders. Seit Mai ist in den Einrichtungen, die rund 1000 Personen Platz bieten, keine Infektion mehr notiert.

Corona in Tübingen: Spezieller Schutz für Senioren und kostenlose Schnelltests

Wer heute einen Verwandten in einem Tübinger Pflegeheim besucht, unterzieht sich am Eingang einem Schnelltest. Bewohner und Pflegepersonal werden regelmäßig untersucht, auch FFP2-Masken sind Standard. In der Summe haben diese Instrumente eine durchschlagende Wirkung. Und das ist nur ein Teil der Maßnahmen, die speziell Senioren schützen sollen.

In Tübingen finden täglich unkomplizierte Corona-Schnelltests statt (Symbolbild).

An jedem Wochentag werden auf dem Marktplatz der Stadt zwei Stunden lang kostenlos Schnelltests angeboten und FFP2-Masken an Alte und Kranke ausgegeben. Die Zeit zwischen neun und elf Uhr vormittags ist in Tübingen seit Anfang November als Zeitfenster etabliert, in dem Risikogruppen ihre Einkäufe erledigen können. Als Alternative zu öffentlichen Verkehrsmitteln gibt es Sammeltaxis zum Preis eines Bustickets. Bei der Identifizierung der Hauptrisikogruppe, sagt Boris Palmer, gebe es nun mal „ein ziemlich einfaches Merkmal: Alter“.

Der grüne Oberbürgermeister, der schon mal mit Freibier für die Corona-App warb, hat zuletzt in vielen Medien das Vorgehen erklärt. Das Stadtoberhaupt, als streitbarer Geist bundesweit bekannt, ist so etwas wie das Gesicht des Tübinger Weges geworden, aber Lisa Federle ist die Schaltzentrale. Fünf Tage die Woche steht sie auf dem Marktplatz und testet die Tübinger, täglich über 100. Die Medizinerin machte schon im Februar Alte und Pflegebedürftige als schwächstes Glied in der Infektionskette aus. Sie baute eine Teststation und eine Fieberambulanz auf. Zugute kam ihr, dass sie als Notärztin rasche Entscheidungen nicht scheut: „Ich bin es gewohnt zuzupacken.“

Corona-Bekämpfung: Tübingens polarisierender OB machte Geld locker

Tatsächlich hat Federle die Mühlen der Bürokratie ordentlich in Schwung versetzt. Bereits im Frühjahr setzte sie regelmäßige Tests in Senioreneinrichtungen durch, obwohl die Corona-Infektionszahlen auf den ersten Blick unverdächtig schienen – und stieß auf einer einzigen Station auf 17 unentdeckte Fälle. Von den sinkenden Zahlen im Sommer ließ sie sich ebenso wenig beirren wie von der anfänglichen Weigerung des Sozialministeriums, Tests bereitzustellen und die Kosten zu tragen: „Da hatte ich richtig Krach.“ Es war dann OB Palmer, der aus dem Haushalt der Stadt 250.000 Euro gewährte.

Corona-Strategie von Tübingen: Selbst FDP-Chef Lindner lobt Grünen-Politiker Palmer

Mittlerweile läuft eine Spendenaktion der örtlichen Zeitung, die die öffentlichen Tests und die Masken für Bedürftige finanziert. Anfang Oktober hat Lisa Federle für ihr Engagement das Bundesverdienstkreuz erhalten, zeitgleich mit dem Virologen Christian Drosten, und auch das Ministerium hat sich von den Tübinger Zahlen überzeugen lassen. Am 23. und 24. Dezember finden landesweit in mindestens 25 Städten Schnelltests auf öffentlichen Plätzen statt. Selbst FDP-Chef Christian Lindner lobt den Grünen-Politiker Palmer und die Tübinger: „Davon können andere lernen.“

Lisa Federle würde ihre Erfahrungen nur zu gerne weitergeben. Zum Beispiel ins Nachbarland Bayern: „Hätte ich Kontakt zu Herrn Söder, hätte ich ihn schon darauf angesprochen.“

Rubriklistenbild: © Hauke-Christian Dittrich/dpa

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