1. Startseite
  2. Politik

Riesige Corona-Dunkelziffer? Neue Studien zeigen jetzt, wie ansteckend Kinder wirklich sind

Erstellt:

Kommentare

Kinder bleiben oft symptomfrei - doch sie können genauso am Virus erkranken und es weiter verteilen wie Erwachsene. Neue Studien lassen den Schluss zu, dass das Virus sich in Schulen besonders vermehrt.

München - Die Corona*-Zahlen sind so hoch wie nie - und immer noch ist nicht klar, wo sich das Virus am schnellsten verbreitet. Was sind die „Treiber“ der Pandemie? Die Wissenschaftsakademie Leopoldina rät der Politik zum Schließen der Schulen. Wohl zurecht: Anders als noch im Frühjahr deutet vieles darauf hin, dass Kinder und Jugendliche in bisher nicht vermutetem Ausmaß zum Verbreiten von Corona beitragen.

Ein noch unveröffentlichter Massentest aus Österreich beispielsweise belegt, dass Schüler genauso häufig infiziert werden wie Lehrer. Studienleiter Michael Wagner, Mikrobiologieprofessor an der Uni Wien, sagte dem „Spiegel“: „Schulen sind keine Insel der Seligen. Wenn man sie nicht schließt, geht man ein erhebliches Risiko ein.“

Kinder bei der Virus-Verbreitung zu unterschätzen, fällt leicht: Sie haben seltener Symptome und werden seltener getestet. Obwohl sie theoretisch wohl schwerer anzustecken sind, gleichen sie dies durch ihr Verhalten und ihre vielen engen Sozialkontakte aus. Zu diesem Schluss kommt auch eine britische Studie: „Bei einer abnehmenden Anzahl (Infizierter, d. Red.) in allen Altersgruppen sind die Positivquoten bei Kindern in weiterführenden Schulen weiterhin am höchsten.“

Ein Junge wird auf Corona getestet. Kinder sind oft symptomfrei, aber laut Studien genauso anfällig für das Virus wie Erwachsene.
Ein Junge wird auf Corona getestet. Kinder sind oft symptomfrei, aber laut Studien genauso anfällig für das Virus wie Erwachsene. © dpa Picture Alliance/ZUMA Press

Drosten-Studie zeigte: Kleinkinder infizieren sich genauso wie Erwachsene

Symptomfreie Superspreader also? Bei der Grippe sind Kinder meist auch für eine große Verteilung der Krankheit verantwortlich. Wagner glaubt, Kinder seien „deutlich untertestet“. Die Studie dreier österreichischer Universitäten testete 15.000 Kinder und 1.200 Lehrer in 240 Schulen, meist mit einem halsschonenden Gurgel-Test. Unter den Getesteten waren 0,4 Prozent infiziert, ohne es zu wissen. Wie eine Studie in Bayern vom Helmholtz-Zentrum in München mit 11.000 Probanden belegt die Wagner-Studie: Die Dunkelziffer bei Schülern und Lehrern ist ähnlich hoch.

Die Ergebnisse machen deutlich, dass Kinder genauso von Covid-19 betroffen sind wie Erwachsene - Kleinkinder eingeschlossen. Dies belegte der Berliner Virologe Christian Drosten bereits mit einer Studie im Frühjahr. Einer Studie aus Chicago zufolge sind die Ergebnisse sogar noch dramatischer: Ausgerechnet die Jüngsten (bis fünf Jahre) hatten zehn- bis hundertmal mehr Viren im Rachen als ältere Testpersonen.

Dass auch symptomfreie Kinder andere anstecken, lässt sich durch eine Studie im Salt Lake County vermuten: Zwölf infizierte Kinder hatten dort mindestens ein Viertel ihrer Kontakte außerhalb der Kita angesteckt. Eine Fallnachverfolgung des Teams um die Medizinerin Magdalena Okarska-Napierała von der Uniklinik in Warschau fand heraus, dass acht Krippenkinder das Virus auf drei Geschwister, acht Mamas und Papas und einen Großelternteil übertragen hatten. Auch Studien aus 101 Haushalten in Nashville, Tennessee, und in Marshfield, Wisconsin kamen zu dem Ergebnis, dass bei vielen Familien die Kinder das Virus eingeschleppt hatten.

Kinder als Corona-Supersspreader? „Natürlich ist es so, dass das Geschehen in die Schulen getragen wird“

Auch in Kanada ergibt sich ein solches Bild: Der Präsident des Verbands der Mikrobiologen und Infektiologen in Québec sagte, nachdem die Fallzahlen nach dem Schul-Neustart in die Höhe schnellten: „Die Schulen waren entscheidend daran beteiligt, die zweite Welle in Québec auszulösen.“ 

Und auch das Robert-Koch-Institut lässt keinen Zweifel: „Natürlich ist es so, dass das Geschehen in die Schulen getragen wird“, so RKI-Chef Lothar Wieler. „Und auch aus den Schulen rausgetragen wird.“

Kaum vorstellbar also, dass ein Schul-Lockdown aktuell keine angemessene Maßnahme ist - auch, wenn die schulische Entwicklung der Kinder sowie die enorme Belastung der Eltern zweifellos in Betracht gezogen werden muss. Aber Vorsicht gilt auch zum Schutz der Kinder: Corona-Spätfolgen betreffen laut einer Meta-Studie auch sie. - *Merkur.de ist Teil des Ippen-Netzwerks.

Auch interessant

Kommentare