Interview

Bayerns Gesundheitsministerin warnt: „Uns steht das Schlimmste noch bevor“

  • Christian Deutschländer
    vonChristian Deutschländer
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Zur Lage in der Corona-Krise äußert sich im Interview Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml. Die Ministerin warnt dabei vor zu großem Optimismus.

  • Zur Lage in der Corona-Krise äußert sich im Interview Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml.
  • Die Ministerin warnt dabei vor zu großem Optimismus und prophezeit, das Schlimmste stehen noch bevor.
  • In Bayern gilt wegen des Coronavirus* eine Ausgangsbeschränkung, sie ist bis zum 19. April befristet.
  • Hier finden Sie unseren Wegweiser zur Berichterstattung und die Corona-News aus Deutschland. Außerdem finden Sie hier aktuelle Fallzahlen in Bayern als Karte**.

Gibt’s Hoffnung in der Corona-Krise, oder nur immer neue schlimme Nachrichten? Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) bittet die Bayern weiter um Geduld. Sie sieht keinen Anlass zu einer generellen Entwarnung.

Haben wir das Schlimmste vor oder hinter uns?

Das haben wir leider noch vor uns. Wir bereiten Ärzte und Krankenhäuser gerade auf den Höhepunkt der Fallzahlen vor. Ich fürchte, uns steht noch einiges bevor.

Corona-Krise in Bayern: So schätzt Ministerin Huml die Lage ein

Wie viele Intensivbetten sind jetzt, Stand Sonntag, in Bayern noch frei?

Laut Führungsgruppe Katastrophenschutz Bayern sind aktuell über 1500 Intensivbetten in ganz Bayern frei.

Noch immer fehlen Masken und Schutzkleidung. Wann bekommt die Politik das wenigstens in Bayern in den Griff?

Beim Schutzmaterial sind wir wirklich auf allen Ebenen unterwegs: Wir haben selbst Millionen bestellt, fahren die Eigenproduktion hoch, verteilen Material vom Bund an Krankenhäuser, Heime und niedergelassene Ärzte. Wir werden den Verteilungsschlüssel optimieren.

Viele Getestete warten ewig auf ihr Ergebnis. Mitunter gingen Daten verloren. Was läuft da schief?

Wir haben die Testkapazitäten massiv ausgebaut, jetzt sind 13 000 am Tag möglich. Wer positiv getestet wird, den informieren die Gesundheitsämter sofort. Negative Tests soll die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns übermitteln. Da dauert es, das habe ich auch mitbekommen, einige Tage, auch durch Zeitverzug bei manchen Laboren.

Corona-Krise in Bayern: Für Pflegeheime gilt Aufnahmestopp

Sie haben am Wochenende einen Aufnahmestopp für Pflegeheime und Behinderteneinrichtungen verhängt. Ist Ihnen das schwer gefallen?

Wir mussten diese Entscheidung so treffen. Wir hatten ja mit dem Besucherstopp begonnen, schon das war nicht einfach – für die Senioren sind soziale Kontakte ja sehr wichtig. Wir müssen aber unbedingt verhindern, dass das Virus in die Heime getragen wird. Deshalb folgt nun auch dieser Aufnahmestopp.

Der VdK kritisiert das scharf. Wird der Corona-Kampf auf dem Rücken der Pflegenden und ihrer Familien geführt?

Nein. Wir wollen niemanden alleinlassen. Die Fachstellen für die Beratung pflegender Angehöriger sind weiterhin telefonisch und per Mail erreichbar. Was der VdK fordert, macht Bayern ohnehin: In Ausnahmefällen ist eine Aufnahme weiter möglich, wenn neue Patienten räumlich strikt getrennt werden können. Und die Rehakliniken sollen verstärkt Kurzzeitpflege anbieten.

Wie lange bleibt das so?

Erstmal bis einschließlich 19. April.

Corona-Krise in Bayern: Notwendige Behandlungen werden durchgeführt

Sie schränken die Behandlung und Hilfe für alle ohne Corona massiv ein. Senioren fürchten schon um ihre lebenswichtige Dialyse, andere trauen sich nicht mehr zum Arzt...

Alle notwendigen Behandlungen werden weiterhin durchgeführt – ambulant, beim Arzt und im Krankenhaus. Die Kliniken müssen planbare Operationen verschieben. Regional spezialisieren sich einzelne Kliniken eines Verbundes auch auf Corona-Patienten. Aber wer Anzeichen eines Herzinfarkts hat, wer akut Hilfe braucht, wird immer im Krankenhaus aufgenommen.

Sie brauchen massiv mehr Personal. Was tut sich?

Wir stocken die Gesundheitsämter um 3000 Beamte auf, um künftig alle Infektionsketten nachzuforschen. Ab heute werden junge Beamtenanwärter und auch Mitarbeiter des Statistik-Landesamts geschult und in Contact-Tracing-Teams verteilt: Sie identifizieren Kontaktpersonen, verordnen und überprüfen häusliche Quarantäne, halten Kontakt.

Sie haben im „Pflegepool“ freies Fachpersonal aufgerufen, sich zu melden. Was kam da zusammen?

Es haben sich 2500 Menschen freiwillig gemeldet – aus allen Fachrichtungen, Pflegepersonal, medizinische Fachangestellte, Laborassistenten. Ab jetzt werden sie in die Regionen vermittelt.

Viele Bayern hoffen aufs Ende der Restriktionen nach Ostern. Sie wissen sicher mehr – gibt’s etwas Anlass für Optimismus?

Nein, leider keinerlei Anlass zu Entwarnung, das muss ich so deutlich sagen. Wir sehen eine leicht positive Tendenz beim Abflachen des Anstiegs, aber ich muss dringend an alle appellieren: Lassen Sie sich nicht vom guten Wetter verführen, in Gruppen nach draußen zu gehen. Keine Ausflüge. Abstand halten, leider auch keine Verwandtenbesuche an Ostern.

Interview: Chr. Deutschländer

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Rubriklistenbild: © AFP / PETER KNEFFEL

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