Eine Frau erhält eine Spritze in den linken Oberarm
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Der erste Schritt: Millionen Menschen werden in den kommenden Wochen weltweit die erste Impfdosis erhalten.

Staatenbund setzt auf das falsche Pferd

Miserable Impfstoff-Beschaffung der EU: Experte erwartet „drei weitere Lockdowns“

  • Marcus Mäckler
    vonMarcus Mäckler
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Mittlerweile werden die ersten Menschen gegen Corona geimpft. Doch in der EU wird sich der Vorgang lange hinziehen. Das hängt mit falschen Entscheidungen der Politik zusammen.

München - Anfang der Woche klang Gesundheitsminister Jens Spahn schon ein wenig genervt: Überall gibt es Kritik, weil die EU im Allgemeinen und Deutschland im Besonderen zu wenig Impfstoff bestellt habe. „Der ist überall knapp, für alle auf der Welt“, sagte Spahn. Doch tatsächlich könnte das zögerliche Vorgehen in Berlin und Brüssel die Politik noch eine Weile unangenehm begleiten. Der Focus-Kolumnist Jan Fleischauer schrieb: „Wir brauchen noch drei weitere Lockdowns, um die Lage unter Kontrolle zu behalten, während wir mit Neid nach Amerika oder Kanada sehen, wo die Bevölkerung dann längst durchgeimpft ist.“ Er wirft auch Angela Merkel* persönliches Versagen vor.

Generell richtet sich der Fingerzeig vor allem auf Brüssel: Schon vor zwei Wochen berichtete der Spiegel, die EU habe zu spät zu wenig eingekauft - und noch dazu bei den falschen Herstellern. Brüssel setzte nämlich auch auf die französische Firma Sanofi und den britisch-schwedischen Hersteller AstraZeneca, die die Zulassung ihrer Impfstoffe beide deutlich verschieben mussten. Vom in Mainz entwickelten Biontech/Pfizer-Impfstoff gibt es jetzt ausgerechnet in Deutschland zu wenig.

Video: Spahn spricht sich gegen Sonderrechte für Corona-Geimpfte aus

Politisches Versagen bei der Impfstoff-Beschaffung: Biontech und Moderna wurden kurzgehalten

Wie konnte es dazu kommen? Eigentlich überlässt die EU die Gesundheitsversorgung ihren Mitgliedsländern. Im Frühjahr hatte Deutschland deshalb mit Frankreich, Italien und den Niederlanden eine Impfallianz angestoßen und erste Vereinbarungen getroffen. Dann aber einigte man sich darauf, doch europaweit einmütig vorzugehen. Ab August wurden erste Verträge geschlossen, wobei mit Biontech und Moderna ausgerechnet jene beiden Anbieter kurzgehalten wurden, die heute als erste ihren Impfstoff am Markt haben. Die USA hatten sich dagegen bereits im Juli 600 Millionen Dosen von Biontech und 500 Millionen von Moderna gesichert. Zum Vergleich: Deutschland soll bis Ende März elf bis 13 Millionen Dosen erhalten.

Zur Wahrheit gehört natürlich, dass es lange Zeit unklar war, welche Bemühungen um ein Vakzin zum Erfolg führen würden. Auch deshalb streute Brüssel seine Beschaffungen - zwei Milliarden Impfdosen von bislang sechs Herstellern. Doch laut Spiegel scheiterten später größere Bestellungen bei besonders aussichtsreichen Unternehmen auch am Widerstand bestimmter Länder. Auffällig ist, dass Brüssel vom deutschen Biontech und dem französischen Sanofi je 300 Millionen Dosen bestellte. Biontech hätte jedenfalls mehr liefern können. Und auch Moderna-Chef Stéphane Bancel berichtete dem Spiegel: „Wir hätten mehr bereitstellen können.“ Für Moderna wird die Zulassung am 6. Januar erwartet. Sanofi hat die Zulassung dagegen aufs letzte Quartal 2021 verschoben. Die Folge: Bei 700 Millionen von der EU georderten Dosen herrscht Unsicherheit.

Sie schießen wie Pilze aus dem Boden: Impfzentren wurden auf der ganzen Welt in Windeseile vorbereitet.

Politisches Versagen bei der Impfstoff-Beschaffung: Deutliche Preisunterschiede

Und noch ein Teil der Wahrheit: Natürlich ging es auch um den Preis. Die belgische Verbraucherschutz-Staatssekretärin Eva De Bleeker hatte versehentlich auf Twitter eine Preisliste der Vakzine gepostet: Demnach ist das Mittel des US-Unternehmens Moderna am teuersten: Es kostet 18 Dollar pro Dosis. Der US-Konzern Johnson & Johnson würde 8,50 Dollar verlangen. Die Preise der anderen Anbieter waren in Euro angegeben: Der Impfstoff des Mainzer Unternehmens Biontech und seines US-Partners Pfizer liegt demnach bei zwölf Euro pro Dosis, die Tübinger Firma Curevac verlangt zehn Euro, die Franzosen von Sanofi 7,56 Euro. Mit Abstand am günstigsten wäre das Mittel von AstraZeneca mit nur 1,78 Euro. Der Eintrag wurde kurz darauf wieder gelöscht. (mm) *Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

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