Eine Polizistin und ein Polizist laufen während einer Kontroll-Streife zur nächtlichen Corona-Ausgangssperre in Dresden einen von Laternen erleuchteten Parkweg entlang.
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Wie wirksam sein einzelne Corona-Maßnahmen? Eine europäische Daten-Erhebung will diese Frage jetzt beantworten.

Erfolg einzelner Lockdown-Maßnahmen

Ausgangsbeschränkungen wirksam? Lauterbach teilt „sehr bedeutsame“ Studie zu Corona-Maßnahmen auf Twitter

  • Franziska Schwarz
    vonFranziska Schwarz
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Menschen können sich leichter an Corona-Maßnahmen halten, wenn sie ihre Sinnhaftigkeit einsehen. Eine Datenauswertung rankt nun ihren jeweiligen Effekt.

  • Karl Lauterbach (SPD) fordert im Kampf gegen Corona bundesweite Ausgangssperren.
  • Großbritannien hat Erfahrung mit der Maßnahme - dort wurde jetzt eine Studie zum Thema publiziert.
  • Einem Epidemiologen zufolge fehlen belastbare Daten in der Frage für Deutschland bislang.

Berlin - „Diese Studie ist sehr bedeutsam und kommt zur richtigen Zeit“, jubelte Karl Lauterbach am Montag - wohl, weil er selbst bei der Lockdown/ „Notbremsen“/ Ausgangsbeschränkungen-Debatte mitmischt. Der SPD-Gesundheitsexperte plädiert für nächtliche Ausgangsbeschränkungen, also die Anordnung, ab einer bestimmten Uhrzeit das eigene Heim nur noch aus sehr triftigem Grund zu verlassen.

Eine Maßnahme von vielen, die aktuell im „Werkzeugkasten“ der Politik liegen. Aber hat sie die gewünschte Wirkung? Darauf deutet die von Lauterbach bejubelte Studie zumindest hin.

Studie zu Corona-Maßnahmen: Ausgangsbeschränkungen und Gastro-Schließungen fast gleichauf

Forscher der Universität Oxford und andere europäische Wissenschaftler hatten ausgewertet, wie stark verschiedene „nicht-pharmazeutische Interventionen“ den R-Wert beeinflussen - also inwiefern sie die Verbreitung des Virus bremsen. Ihr Ergebnis: Die wirksamste Maßnahme sind strenge Kontaktbeschränkungen (Begrenzung aller Treffen auf maximal zwei Personen). Sie reduziert den Forschern zufolge den R-Wert um geschätzt rund 26 Prozent.

Auch nächtliche Ausgangsbeschränkungen sind den Forschern zufolge eine wirksame Maßnahme, ihr Beitrag zur Reduktion des R-Werts wird auf rund 13 Prozent geschätzt. Die Schließung der Gastronomie liegt mit zwölf Prozent Reduktion in einem ähnlichen Bereich.

Wie wirksam sind Ausgangsbeschränkungen? Studie wurde in zweiter Welle durchgeführt

Um diese geschätzten Werte berechnen zu können, haben die Wissenschaftler die Corona-Fallzahlen sowie die verhängten Maßnahmen aus dem Zeitraum August 2020 bis zum 9. Januar 2021 in mehreren europäischen Ländern analysiert und auf die einzelnen Maßnahmen heruntergerechnet. Anders als in der ersten Welle sei es in der zweiten Corona-Welle leichter gewesen, den Beitrag einzelner Maßnahmen zu errechnen, da nicht alle gleichzeitig verhängt worden seien.

Dennoch empfahlen die Forscher politisch Verantwortlichen, auch andere Aspekte bei der Verhängung von Corona-Maßnahmen einzubeziehen. So könne die Studie etwa keine Aussagen dazu machen, wie sich Impfungen sowie die zunehmende Ausbreitung von Corona-Varianten auswirke. Die Forscher haben sich bei ihren Analysen auf den Zeitraum beschränkt, in dem die hochinfektiöse britische Variante B.1.1.7 noch nicht in den untersuchten Regionen vorherrschend war.

Die aktuelle Oxford-Studie wurde noch nicht von Fachleuten begutachtet und bislang nicht in einem Fachmagazin veröffentlicht.

Vorbild Kanada? Epidemiologe aus Montral verweist auch auf Impfquote und andere Faktoren

„Während der letzten Monate hatte Québec stabile oder sinkende Fallzahlen während sie in anderen Provinzen stiegen“: Das sagte diese Woche ein Epidemiologe zum Thema Ausgangsbeschränkungen dem Sender Deutsche Welle (DW). Jay Kaufmann lehrt in Montreal, der größten Stadt Québecs, und ist überzeugt, dass Ausgangsbeschränkungen das Infektionsgeschehen in der kanadischen Region eindämmten.

Aber nur im Bündel mit anderen Faktoren, schränkte Kaufmann im Gespräch mit der DW ein. Die Impfquote, Anzahl der täglichen Corona-Testungen oder digitaler Schulunterricht. „Wie die verschiedenen Maßnahmen zusammenwirken und was der Beitrag jedes einzelnen ist, müsste in einer Studie untersucht und nicht durch einen vagen Eindruck bestimmt werden“, so der Epidemiologe.

So eine gibt es dem Gesundheitsminsterium von Quebec zufolge bislang nicht. „Beobachtungsstudien zeigen, dass diese Maßnahme Zusammenkünfte verhindert“, teilte die Behörde der DW lediglich mit.

Auch in Deutschland gibt es noch keine wissenschaftlich belastbare Studie zum Thema Ausgangssbeschränkungen, zitiert die DW schließlich Professor Christof Schütte. Er ist Präsident des Zuse-Institut Berlin, das an Modellierungen und Simulationen arbeitet. Er glaube an ihre Wirksamkeit - „wenn sie, mit den anderen Maßnahmen zusammen, wirklich beachtet werden“, sagte Schütte dem Sender. (frs mit Material der dpa)

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