Der Virologe Alexander Kekulé 2011 in der ZDF-Sendung „Maybrit Illner“
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Alexander Kekulé (Archivbild) sieht in der Corona-Krise eine deutsche „Betondeckel-Mentalität“.

Virologen uneins

Verschärfter Corona-Lockdown: Kekulé attackiert Merkel und Länderchefs - und erklärt, wie es auch gehen könnte

  • Andreas Beez
    vonAndreas Beez
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Im Kampf gegen Corona fiebern führende Politiker einer Verschärfung des Lockdowns entgegen. Doch Virologen diagnostizieren Schwachstellen bei der Strategie von Merkel, Laschet, Söder & Co.

  • Wie können die Infektionszahlen von Sars-CoV-2 in Deutschland schnellstens verringert werden?
  • Die Politik hält offenbar einen verschärften Corona-Lockdown für die optimale Lösung.
  • Doch renommierte Virologen zweifeln an den Plänen der Bundeskanlerin und der Ministerpräsidenten.

München – Stau beim Abtransport der Leichen: Die Bilder von Bergamo haben sich ins Gedächtnis gebrannt. Umso sensibler gehen deutsche Intensivmediziner mit Verlautbarungen rund um die erhöhte Sterblichkeit auf den Corona-Stationen um. „Wir haben die Lage noch im Griff“, beteuern sie gebetsmühlenartig. Wahr ist aber auch: Selbst in München, der Hochburg der Hightech-Medizin, will niemand ausschließen, dass die aktuelle Todeswelle eskaliert. So hat das Helios Klinikum München West vorsorglich zusätzliche Leichen-Kühlplätze in einem Container geschaffen.

Corona: Schärferer Lockdown sinnvoll? Virologe skeptisch - „Betondeckel ist nicht ganz dicht“

Neben der beklemmenden Lage schüchtert die Aussicht auf neue, noch ansteckendere Virusvarianten das Land ein. Vor diesem Hintergrund reagiert die Politik nervöser, bereits am Dienstag wollen Bund und Länder über eine Verschärfung des Lockdowns beraten. Taugt diese Strategie wirklich dazu, Corona einzudämmen? Virologen melden in Gesprächen mit unserer Zeitung Zweifel an. „Wir haben in Deutschland eine gewisse Betondeckel-Mentalität“, analysiert Professor Alexander Kekulé von der Uni Halle, ein Liebhaber aussagekräftiger Bilder. „Der Lockdown wird über das Land gestülpt – in der Hoffnung, dass das Virus unterdrückt wird. Das Problem ist: Der Betondeckel ist nicht ganz dicht.“

Die allermeisten Virologen befürworten zwar einen Lockdown, nicht aber die Art, wie er von der Politik umgesetzt wird. „Weil es wegen der hohen Infektions- und Todeszahlen brennt, versuchen unsere Politiker, den Lockdown wie eine Löschdecke über Deutschland zu werfen. Aber es gibt Brandherde, die weiter lodern“, kritisiert Kekulé.

Der wohl beständigste schwelt in den Alten- und Pflegeheimen. „Es wäre möglich, sie besser zu schützen – jedenfalls dann, wenn man alle organisatorischen und finanziellen Möglichkeiten ausschöpft“, betont Prof. Jonas Schmidt-Chanasit von der Uni Hamburg. Neben speziellen PCR-Tests zum Gurgeln alle zwei Tage schlägt er den Einsatz freiwilliger Helfer vor, etwa aus der derzeit weniger beschäftigten Reisebranche. „Sie könnten auch Schnelltests durchführen. Dazu braucht man nicht zwingend eine medizinische Ausbildung“, so Schmidt-Chanasit. Zur logistischen Unterstützung der Heime bringt er neben Hilfsorganisationen die Bundeswehr ins Spiel.

Corona-Infektion: Werden die Gefahren der Arbeitswelt unterschätzt?

Auch in der Arbeitswelt liegt vieles im Argen. „Dort gibt es nur vage Empfehlungen, nötig wären aber klare Regeln. Sinnvoll wäre beispielsweise eine generelle Maskenpflicht immer dann, wenn Menschen am Arbeitsplatz in geschlossenen Räumen zusammen sind“, kritisiert Kekulé. „Eine der größten Gefahren lauert bei gemeinsamen Pausen am Arbeitsplatz“, erläutert Privatdozent Dr. Christoph Spinner vom Uniklinikum rechts der Isar. „Wenn mehrere Menschen in kleinen, geschlossenen Räumen zusammensitzen und ihre Masken zum Essen oder Kaffeetrinken absetzen, besteht ein hohes Infektionsrisiko.“

Nach Kekulés Meinung wird auch das Risiko daheim unterschätzt: „Infizierte bleiben zu Hause und stecken dort ihre Mitbewohner an.“ Stattdessen sollten positiv Getestete ohne Symptome lieber in „Fieberhotels“ einquartiert werden – staatlich angemietete Hotels, in denen fitte Patienten mit Essen versorgt werden und ab und zu ein Arzt vorbeischaut. Wem es schlechter geht, der kommt in die Klinik, soweit die Idee.

Vielleicht wird aber auch die Lockdown-Strategie in naher Zukunft gar nicht mehr so entscheidend sein. „Wir werden schon in wenigen Monaten eine Auswahl von gut bis fantastisch wirkenden Impfstoffen zur Verfügung haben“, prophezeit Prof. Peter Kremsner von der Uni Tübingen. „Das wird uns große Fortschritte im Kampf gegen die Pandemie bringen.“

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