Nach fatalen Test

Wut auf Söder: Rotes Kreuz verteidigt sich nach Corona-Panne - „Es entsteht der Eindruck ...“

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Keine Lust auf Sündenbock: Das Bayerische Rote Kreuz verteidigt nach der Test-Panne in einem beispiellosen Schritt die Arbeit der Ehrenamtlichen.

München – Wolfgang Obermair steht bei einer eilig einberufenen Pressekonferenz im Innenhof der Landesgeschäftsstelle in München. Der stellvertretende Landesgeschäftsführer ist ein freundlicher Mann mit weißem Hemd und grauen Haaren. Aber seine Worte sind Sprengstoff. „Es entsteht der Eindruck, dass man die Fehler, die gemacht worden sind, auf viele Schultern aufteilen will“, sagt er. „Wir wollen mit der Pressekonferenz das Signal geben, dass unsere Schulter für diese Schuld nicht zur Verfügung steht.“

Corona-Panne in Bayern: Wird dem BRK die Schuld zugeschoben?

Stein des Anstoßes ist ein Satz von Andreas Zapf, des Präsidenten des Gesundheits-Landesamts (LGL). Er hatte am Mittwoch vor Journalisten gesagt, die Hilfsorganisationen hätten wesentlich mehr Tests abgenommen als erwartet. „Und da hatten wir natürlich auch nicht den Finger drauf. Und keine Steuerungsfunktion.“ Hieß das, dem BRK die Schuld zuzuschieben? Oder war es nur ein unklug formulierter Satz eines Beamten?

Wahrscheinlich ist es noch schlimmer. Die Staatsregierung muss ein massives Test-Chaos ordnen – und verkracht sich zeitgleich mit tausenden Ehrenamtlern. Im Innenhof stellt Wolfgang Obermair die Dimensionen klar. „2300 Helfer haben 64 700 Corona-Abstriche bei Urlaubsheimkehrern genommen“, sagt er. Dann zählt er auf, welche Hilfsorganisationen dem Freistaat kurzfristig zur Seite gesprungen sind: Rotes Kreuz, Arbeiter-Samariter-Bund, Johanniter, Malteser, DLRG, das medzinische Katastrophenhilfswerk und das THW. Das muss man erst einmal schaffen, alle diese Organisationen auf einmal auf die Palme zu bringen.

Markus Söder rief in der Corona-Krise außerplanmäßig sein Kabinett zusammen.

CSU-intern ist es höchst umstritten, die Ehrenamtlichen zu hinterfragen. Hochrangige Christsoziale raufen sich am Donnerstagmorgen die Haare, wie es dazu kommen konnte, dass am Ende die Helfer als Schuldige dastehen. Das war so nicht geplant, ein Folge-Fehler, heißt es in Söders Umfeld. Dass Zapf, der Beamte, diesen Tag nicht mehr in seinem bisherigen Chefsessel übersteht, hängt vor allem mit diesem einen Satz zusammen.

Corona-Panne in Bayern: Landtagspräsidentin Ilse Aigner, Schirmherrin des BRK, stellt sich vor die Helfer

Eilig, aber zu spät läuft in der CSU die Schadensbegrenzung an. Landtagspräsidentin Ilse Aigner, Schirmherrin des BRK, stellt sich sofort ohne Wenn und Aber vor die Helfer. „Die Ehrenamtlichen haben eine unglaubliche Leistung gebracht, ein kurzfristiger Einsatz stundenlang in der prallen Sonne für Gotteslohn“, sagt sie. „Sie hätten gerne mit jedem anderen System beim Erfassen gearbeitet, wenn sie denn eines bekommen hätten.“ Aigner erinnert daran, wie plötzlich die Staatsregierung die Anlagen an den Autobahnen Ende Juli hochziehen wollte: „sehr kurzfristig von einem Tag auf den anderen aus dem Boden gestampft. Ich fände es bedenklich, wenn man jegliche Schuld bei den Ehrenamtlichen abladen würde.“ Aigner besuchte das BRK im Einsatz, ließ sich selbst testen – und wartete fortan tagelang geduldig aufs Resultat.

Nachmittags tritt dann auch Markus Söder vor die Kameras und ist auf Schadensbegrenzung aus. Er lobt die Helfer mehrfach. „Es hat mich beeindruckt, was die Ehrenamtlichen geleistet haben“, sagt er. Und entschuldigt sich Mal um Mal im Namen der Staatsregierung bei allen von der Panne Betroffenen. Reicht das, um die Wogen zu glätten?

Die Helfer des Roten Kreuzes mussten an den Teststationen jeden einzelnen Reiserückkehrer handschriftlich erfassen. „Die Bögen, die uns zur Verfügung gestellt wurden, stammen vom LGL“, sagt BRK-Mann Obermair. Früh habe man nach digitalen Lösungen gefragt, aber nie welche bekommen. Diese Bögen entwickelten sich zum Hauptproblem – denn sie mussten später natürlich auch wieder abgetippt werden. Aber nicht vom BRK.

Corona-Panne in Bayern: Politik ist noch immer mit Aufräumarbeiten beschäftigt

Das Rote Kreuz hat sogar mit bis zu 200 000 Corona-Tests gerechnet. Deswegen schmerzt es die Freiwilligen so sehr, dass sie sich jetzt anhören müssen, zu viel getestet zu haben. Sie haben sowieso nur die Corona-Abstriche gemacht, die Teststäbchen kamen dann per Kurier in die Labore. „Wann die Reiserückkehrer informiert werden, lag nie in unserer Zuständigkeit“, sagt er. Dafür waren Zapfs LGL und die Gesundheitsämter zuständig. „Eine längere Reifezeit für so ein Großprojekt wäre vorteilhaft gewesen“, sagt Obermair.

Die Politik ist noch immer mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Die ganze Nacht durch versuchten Beamte des Landesamts, die 1000 positiven Proben den richtigen Reisenden zuzuordnen. Bis zum Nachmittag wurden nicht alle erreicht, eine Lücke von gut 100 klafft noch. Bis zum Wochenende sollen alle Getesteten, auch die negativen, informiert sein. Söder deutet allerdings selbst an, dass das womöglich nicht gelingt. Er ruft nun alle auf, die bis zum Wochenende keine Nachricht bekommen, einen zweiten Test zu machen.

Corona-Panne in Bayern: Experten halten die verzögerte Übermittlung der Ergebnisse für fatal

Experten halten die verzögerte Übermittlung der Ergebnisse für fatal. „Generell gilt, dass eine möglichst frühe Unterbrechung der Infektionskette die Voraussetzung für eine wirksame Verhinderung von Übertragungen ist“, sagt Dr. Christoph Spinner, Infektiologe am Klinikum rechts der Isar in München. „Neben einem ausreichenden Angebot und der frühzeitigen Testung muss hierbei natürlich auch eine zeitnahe Kommunikation der Testergebnisse erfolgen.“

Inzwischen wurden alle acht Teststationen von privaten Betreibern übernommen. Sie sollen über die Möglichkeit verfügen, die Reiserückkehrer digital zu erfassen. Wolfgang Obermair vom BRK sagt: „Ob kurzfristig hunderttausende Tests vom privaten Labor-Dienstleister abgewickelt werden können, wird sich in den nächsten Tagen herausstellen.“ Stefan Sessler und Christian Deutschländer

Markus Söder entschuldigte sich für das bayerische Corona-Debakel, aber nicht für eigene Fehler. Die Kritik auch an Söder fällt heftig aus - und „Verdruss“ gibt es angeblich auch im Kabinett.

Unterdessen zeigt sich, dass es bereits vor der großen Panne zu Verzögerungen kam. Ein Infizierter lief nach Test in Bayern tagelang ahnungslos durch Hamburg

Rubriklistenbild: © Nicolas Armer/dpa/Pool/dpa

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