Stühle sind in einem Klassenzimmer auf die Tische gestellt
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Tote Hose in den meisten Schulen in Deutschland: Diese Maßnahme finde LMU-Professor Göran Kauermann in der aktuellen Phase der Pandemie kontraproduktiv.

Plädoyer für Schulöffnungen

LMU-Professor über aktuelle Corona-Maßnahmen: „Manche sind sogar kontraproduktiv“

  • Sebastian Horsch
    vonSebastian Horsch
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In Deutschland gelten auch ein Jahr nach Beginn der Corona-Pandemie umfangreiche Einschränkungen des Lebens. LMU-Professor Göran Kauermann kann einige Maßnahmen nicht nachvollziehen.

München - Professor Göran Kauermann ist Direktor des Instituts für Statistik an der Münchner LMU. Er ist zudem Teil der „Covid-19 Data Analysis Group“ der Universität. Wir haben mit ihm über die Corona-Krise und die Auswirkungen der Maßnahmen gesprochen.

Herr Kauermann, Sie beleuchten in Ihren Berichten regelmäßig auch die Corona-Todeszahlen. Welche Entwicklung sehen Sie?
Kauermann: Wir sehen, dass die wochenspezifische Übersterblichkeit, die wir zum Ende des letzten Jahres besonders in Sachsen und Thüringen gesehen haben, nicht mehr da ist. Die Todeszahlen durch Covid-19* sind stark zurückgegangen. In den meisten Bundesländern geht es im Moment sogar in Richtung Untersterblichkeit. Auch in Bayern sterben derzeit weniger Menschen als in den Vergleichsjahren 2016 bis 2019.
Was sind die Gründe dafür?
Kauermann: Die jährliche Grippe-Welle im Frühjahr ist 2021 ausgeblieben.* Und die vulnerable Gruppe der über 80-Jährigen ist weitestgehend durchgeimpft. Diese Gruppe hat zum Jahresende noch den Großteil der Todesfälle ausgemacht.
Lange galt: Wenn die Inzidenzzahlen steigen, gehen rund drei Wochen später auch die Todesfälle in gleichem Maß nach oben. Das war zuletzt nicht mehr so.
Kauermann: Auch das ist im Prinzip eine Folge dessen, was ich gerade beschrieben habe. Durch die Impfung der Älteren* entkoppelt sich die Todeszahl von der Inzidenzzahl. Das ist eine gute Nachricht, weil es zeigt, dass die Impfungen wirken.
Könnte es auch daran liegen, dass mehr Tests die Inzidenzen erhöht haben?
Kauermann: Das ist wiederum ein eigenes Thema für sich. Denn die Inzidenz als Gesamtzahl ist derzeit aus vielerlei Hinsicht nicht mehr aussagekräftig. Sie bildet das tatsächliche Infektionsgeschehen nicht mehr ab. Man müsste viel mehr unterscheiden. Die Inzidenzzahlen bei den Über-80-Jährigen sind rückläufig. Steigende Inzidenzzahlen sehen wir hingegen bei den Schülern und Jugendlichen - mutmaßlich auch wegen der Virus-Varianten*. Wir können aber auch nachweisen, dass durch die Tests an Schulen ganz einfach die Dunkelziffer deutlich gesunken ist. Eine einzige Maßzahl, die das alles über sämtliche Altersgruppen hinweg zusammenwirft, zeigt nicht mehr als ein äußerst verwässertes Bild.
Wo würden Sie stattdessen genauer hinschauen?
Kauermann: Auf die Situation in den Intensivstationen. Denn die größte Gefahr droht in der dritten Welle eben nicht mehr durch hohe Todeszahlen, sondern durch Engpässe in den Intensivstationen. Die dortigen Neuaufnahmen sind deshalb eine wichtige Kenngröße. Und natürlich muss man auch die Todeszahlen im Auge behalten, dort zeigt sich aber wie gesagt derzeit kein Trend nach oben.
Noch vor einigen Wochen wurden durch Modellrechnungen deutlich drastischere Entwicklungen vorausgesagt.
Kauermann: Solche Modellrechnungen basieren weniger auf unserer statistischen Herangehensweise, sondern auf Szenarien und Simulationen. Wenn die Realität sich anders entwickelt als die angenommenen Szenarien, dann entwickeln sich auch die Zahlen anders. Grob zusammengefasst muss man sagen: Die dritte Welle war nicht vergleichbar mit der zweiten Welle, weil es anders als von einigen befürchtet nie ein exponentielles Wachstum gab.
Sind die aktuellen Maßnahmen der Politik in dieser Lage denn dann die richtigen?
Kauermann: Ich glaube, dass manches sogar kontraproduktiv ist.
Zum Beispiel?
Kauermann: Aus statistisch-epidemiologischer Sicht ist es nicht richtig, die Schulen wie in Bayern ab einem Inzidenzwert von 100 zu schließen. Unsere Analysen zeigen klar, dass offene Schulen sogar zur Pandemiebekämpfung beitragen, solange dort verpflichtend und dicht getestet* wird. Man findet auf diese Weise nämlich zwei- bis dreimal so viele infizierte Kinder und Jugendliche.
Aber stecken sich die Schüler nicht auch erst in der Schule an?
Kauermann: Wir haben uns die erste Woche nach den Osterferien angesehen. Die Inzidenzen bei den Kindern, die in dieser Woche zur Schule gegangen sind und dort getestet wurden sind deutlich angestiegen. Diese gefundenen Infektionen können aufgrund der Inkubationszeit von ca. fünf Tagen nicht auf Infektionen an der Schule zurückgeführt werden. In der Schule wurden sie dann aber durch die Testpflicht gefunden.
Die Schule als Testzentrum?
Kauermann: Wenn man es so sieht, wird einem klarer, dass die Schule mit Testpflicht in der Pandemiebekämpfung* ein sinnvolles Instrument ist.
Das Risiko von Ansteckungen zwischen Schülern besteht aber doch trotzdem noch.
Kauermann: Das stimmt. Und selbstverständlich müssen deshalb alle Hygienemaßnahmen weiter aufrechterhalten werden. Aber statistisch gesehen ist die Gefahr, einen infizierten Schüler zu übersehen, um ein Vielfaches geringer als der Nutzen, der entsteht, wenn in den Schulen sehr viele symptomlose Infektionen herausgefiltert werden, bevor es zu weiteren Ansteckungen* kommt.

Interview: Sebastian Horsch *merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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