Maybrit Illner führt durch die Sendung
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Maybrit Illner führt durch die Sendung

„Außer Lockdown nichts eingefallen“?

Corona-Impfung für Kinder? Lauterbach zweifelt bei „Illner“ offen an Stiko-Empfehlung

Maybrit Illner rechnete unter dem Titel „Der Sommer wird gut – wird die Corona-Politik besser?“ mit der Corona-Politik ab. Karl Lauterbach äußert Kritik an Impf-Plänen.

Berlin - „Hinterher ist man immer schlauer“, weiß ein geflügeltes Wort. Das Motto könnte auch für Maybrit Illners Talk im ZDF gelten. Die Moderatorin setzte eine Analyse der deutschen Corona-Politik aufs Programm - aber gibt ihrer Runde vor, dass sie sich einen „Blick zurück ohne Zorn“ wünsche.

Zunächst berichtet Hausärztin Birgid Puhl aus einem Hamburger Impfzentrum - und schildert den Andrang: „Wir haben eine Liste, da stehen circa 2000 Patienten drauf. Wenn wir die durchtelefonieren wollten, würden wir einen Arzt für vier Wochen binden.“ Eine Priorisierung - so wie ursprünglich vorgesehen - sei nicht mehr möglich. Es werde inzwischen vor Ort frei entschieden. Der Impfstoffmangel sei bis heute spürbar, fügt Puhl hinzu. Sie sei auch heute noch nicht an dem Punkt „wo ich so viel impfen kann, wie ich möchte und wie ich müsste“.

Mit Blick auf den digitalen Impfausweis, den Gesundheitsminister Jens Spahn jüngst vorgestellt hatte, beklagt die Hausärztin mangelnde Kommunikation. Bislang wisse niemand, wie das funktioniere. Puhl: „Eine tolle Sache, aber ich wüsste gerne, wo ich meinen QR-Code bekomme, damit ich das generieren kann. Das kann keiner meiner Kollegen.“

Kanzleramtschef Helge Braun sieht das anders. Er lobt im Verlauf des Talks die Corona-Warn-App über den grünen Klee: „Sie hat jetzt den Impfpass, die Möglichkeit, Schnelltests abzubilden. Datenschutzkonforme Warnungen bei Events. Vernetzt mit den Apps vieler europäischer Länder“. Sein Fazit: „Das sucht seinesgleichen auf der Welt.“

„maybrit illner“ - diese Gäste diskutierten mit:

  • Helge Braun (CDU) - Kanzleramtsminister
  • Prof. Karl Lauterbach (SPD) - Bundestagsabgeordneter
  • Prof. Jonas Schmidt-Chanasit - Virologe am Bernhard-Nocht-Institut der Universität Hamburg
  • Dr. Birgid Puhl - Hausärztin, z.T. in einem Impfzentrum Hamburg
  • Robin Alexander - Stellv. Chefredakteur „Die Welt“
  • Diana Zimmermann - Leiterin ZDF-Studio, London

Corona-Impfungen: Lauterbach will drei wichtige Punkte vortragen - Illner reichen zwei

Nächster aktueller Streitpunkt ist die Frage zu den Impfungen von Kindern und Jugendlichen. Virologe Jonas Schmidt-Chanasit unterstützt die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (Stiko): „Impfungen dürfen keine Bedingung für den Schulbesuch sein“.

Doch da fällt ihm prompt Karl Lauterbach ins Wort: „Nicht für die Teilnahme der Kinder!“, sagt er bestimmt und mit Blick auf die Mitarbeitenden im Schulbetrieb. Lauterbach will für seine Argumentation drei Punkte auf den Tisch packen - „zwei würden reichen“, wendet Illner leicht amüsiert in Richtung des mitteilungsfreudigen Talkshow-Gastes ein. Doch Lauterbach verhandelt mit süffisantem Unterton: „Wenn ich schneller rede, darf ich dann alle drei nennen?“ Und zählt schließlich auf: Langfristige Schäden könnten sich erst in anderthalb Jahren zeigen - denke man das zu Ende, bedeute das, dass es für die ganze Zeit keine Impfungen geben wird. Zudem sei die Wahrscheinlichkeit eines späten Impfschadens selten.

Lauterbach beruht sich auf Studien und formuliert mutig: „Was wir jetzt nicht sehen, werden wir auch später nicht sehen.“ Im Gegensatz dazu wisse man aber schon von einer Gefahr für Kinder, die beispielsweise von der britischen Mutante ausging. Lauterbach: „Ein Prozent der erkrankten Kinder in England müssten ins Krankenhaus.“ Es sei also falsch, das Impfen von Kindern nur als Schutz der Gemeinschaft zu sehen - auch die Kinder selbst würden profitieren, mein Lauterbach.

Schmidt-Chanasit zeigt sich zum Ende hin versöhnlich und macht klar: „Uns hat immer alle vereint - auch bei unterschiedlicher Einschätzung der Datenlage - dass wir diese Infektionslage möglichst gering halten wollten. Das Ziel sei nicht die Frage gewesen, „es ging immer um den Weg“, so der Hamburger Virologe. Klar sei auch immer gewesen, dass „dieser Weg zu Deutschland passen muss“ - der taiwanische oder schwedische Weg hätte nicht „eins zu eins“ übernommen werden können.

Merkels Kanzleramtschef bei „maybrit illner“ zur Corona-Politik: „relativ gut durchgekommen“

Illner geht ans Eingemachte und fragt nun Braun: „War in ihren Augen die Corona-Politik ein Erfolg?“. Der findet: „Wir sind im europäischen Vergleich relativ gut durchgekommen“. „Viele andere Länder hatten Inzidenzen von über 1000 und dementsprechend auch eine deutlich höhere Sterblichkeit als wir.“

Braun betont, dass die Kontaktbeschränkungen „die Bevölkerung auch immer gut mitgetragen“ hätte und widerspricht der These, der GroKo sei „außer Lockdown nichts eingefallen“. Die vulnerablen Gruppen seien etwa unter großem Einsatz der Bundeswehr geschützt worden. Doch die Hoffnung, dass die junge Bevölkerung sich ohne Auflagen an Kontaktbeschränkungen gehalten hätte, hätte so einfach nicht geklappt, findet Braun.

Corona-Politik bei „Illner“ in der Kritik: „Wenn Krieg ausbricht …“

Lauterbach wendet ein, dass „die Zahl der Todesopfer noch weiter“ gesenkt hätte werden können, wenn in den Betrieben getestet worden wäre. Dazu sei es aber nicht gekommen. „Es gab bei den Gesundheitsämtern und im Robert Koch-Institut die Angst, dass dann positive Teste nicht gemeldet würden.“ Lauterbach berichtet von einem „Misstrauen“ der Politik gegenüber der Bevölkerung. Dort habe es geheißen: „Die Menschen testen sich selbst, gehen nicht in Quarantäne, und es wird nichts gemeldet.“

Auch Welt-Journalist Robin Alexander attestiert der Bundespolitik „keine gute staatliche Organisation.“ Corona habe Mängel in der Digitalisierung und in der Durchsetzung aufgezeigt. Doch das seien Probleme gewesen, so Alexander, „die wir schon da hatten, die wir nicht so wirklich wahrhaben wollten“. Für die nächste Pandemie wünscht er sich eine klare Entscheidungsbefugnis der Bundesregierung - und bekommt dafür ein zustimmendes Kopfnicken von Braun.

„Wenn Krieg ausbricht, gibt es den Fall, dass die Bundesregierung entscheiden kann über viele Grenzen hinweg“, erläutert Alexander seinen Standpunkt. „Man sollte so eine Pandemie-Lage ähnlich bearbeiten.“

Fazit des „maybrit illner“-Talks

Die Gemüter kochten im letzten Jahr hoch: Beschimpfungen, Streits, Pleiten, Gewaltausbrüche. Das zeugte von den Belastungen in der Gesellschaft, die über die Gesundheitsgefahren der Pandemie hinausgingen. Die aktuelle Runde bei Maybrit Illner ließ diese Thematik außen vor. Es ging - wie die vielen Monate wieder - um Detailfragen. Sehr wissenschaftlich, sehr virologisch. Und sehr plaudernd statt kritisch diskutierend.

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