Sigmar Gabriel bei Maybrit Illner
+
Sigmar Gabriel bei Maybrit Illner

Herbe Worte bei „Illner“

Talk-Zorn über Merkels GroKo: Gabriel sieht Deutschland zum Corona-Gespött werden - Star attestiert „Kreisklasse“

Versagt Deutschland in der Corona-Krise? Maybrit Illner diskutiert mit ihren Gästen über ein mögliches Strukturproblem. Sigmar Gabriel findet deutliche Worte.

Berlin - Maybrit Illners ZDF-Talk geriet am Donnerstagabend zu einer schweren Stunde für die Bundesregierung: Die Sendung lieferte harte Urteile über die Corona-Politik der GroKo von Kanzlerin Angela Merkel. Gewissermaßen war der Zorn der Runde die direkte Fortsetzung des Talktitels. Der lautete: „Priorisieren statt improvisieren – warum scheitern die Deutschen?“. Illner bohrt gemeinsam mit ihren Gästen tief um herauszufinden: Gibt es in diesem Land einen Systemfehler? Sind die Strukturen veraltet oder steht uns gar ein kulturelles Selbstverständnis im Weg, um in der aktuellen Krise effektiv und schnell zu agieren?

„Maybrit Illner“ - diese Gäste diskutierten mit:

  • Sigmar Gabriel (SPD) - Ehemaliger Vizekanzler und Außenminister
  • Thorsten Frei (CDU) - stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion
  • Anna Kebschull (Bündnis 90/Die Grünen) - Landrätin des Landkreises Osnabrück, zugeschaltet
  • Georg Mascolo - Leiter des Rechercheverbund von NDR, WDR und der Süddeutschen Zeitung
  • Ralf Moeller - Schauspieler, zugeschaltet
  • Anne McElvoy - leitende Redakteurin The Economist, zugeschaltet

„Haben Sie verstanden, was wir da noch treiben?“, provoziert Maybrit Illner zu Beginn der Sendung Unions-Fraktionsvize Thorsten Frei (CDU). Doch der Abgeordnete geht der Moderatorin am Wochenende vor den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz nicht auf den Leim. Frei ignoriert die Frage und präsentiert Ergebnisse der erfreulichen Art: „Wir haben zwei Drittel der Bewohner der Alten- und Pflegeheime geimpft. Wir haben gesehen, dass die Zahl der Toten deutlich zurückgegangen ist. Die Intensivstationen sind etwa halb so stark ausgelastet, wie das noch Mitte Januar der Fall war.“

ZDF: Schauspieler Ralf Moeller wütet bei Maybrit Illner: „Wir haben gepennt!“

Schauspieler Ralf Moeller wird kurz darauf deutlich: „Klar ist doch, dass wir gepennt haben, dass wir nicht in der Bundesliga, sondern in der Kreisklasse sind“. Moeller verweist auf seine Eltern, 87 und 92 Jahre alt, die erst nächste Woche mit dem Impfen dran sind und denen abverlangt worden sei, online einen Termin zu machen - wozu sie gar nicht in der Lage gewesen seien.

Die britische Journalistin Anne McElvoy zeigt sich überrascht über die Lage auf dem Kontinent. „Ich wundere mich sehr über die Probleme in Deutschland.“ Das sage sie frei von nationalem Stolz. McElvoy mutmaßt, dass sich Deutschland auf den ersten Erfolgen im Frühjahr zu sehr ausgeruht hat. Großbritannien ist beim Impfen deutlich weiter als die EU - was zuletzt auch wiederholt zu Streit führte.

„Offensichtlich haben wir verlernt, wie man mit einer Krise umgeht“, diagnostiziert Gabriel. Der frühere Vize-Kanzler zieht einen Vergleich zum Umgang mit Terrorismus in den 1970er Jahren, damals tagte der Krisenstab drei bis fünfmal am Tag. In der aktuellen Corona-Krise sei es bloß einmal in der Woche.

Zu viel Bürokratie, zu wenig Handwerk, zu wenig Pragmatismus - Gabriel holt zum Rundumschlag aus

Gabriel attestiert seinem Heimatland zudem einen Hang zur „Überbürokratisierung“ und einen Mangel an „Flexibilität“. Der Ex-Außenminister: „In anderen Ländern wird gesagt: ‚Das ist typisch deutsch‘.“ Da, wo früher Bewunderung für deutsche Qualitätsarbeit gewesen sei, mache sich nun ein gewisser Spott bemerkbar. „Was die Amerikaner wirklich besser machen, ist, mit einer solchen Krise relativ pragmatisch umzugehen“, betont Gabriel und nennt das Beispiel Bundeswehr: „Bei uns haben wir eine Riesen-Debatte, ob man die Bundeswehr bei den Impfungen einsetzt“ - in Amerika sei der Rückgriff auf die Armee völlig selbstverständlich.

Handwerkliche Fehler wirft Gabriel der Bundesregierung auch beim nächsten Konfliktpunkt vor: Ausbleibende Hilfszahlungen. Aber zunächst darf Moeller erneut wüten: „Die Politik hat absolut versagt, das muss man ganz klar sagen!“. Politiker bekämen jeden Monat ihr Geld, viele Unternehmer in Deutschland seien nun dagegen pleite. „Die denken an Selbstmord“, schimpft der Ex-Bodybuilder.

Bei den Corona-Hilfen sei das Wirtschaftsministerium der falsche Ort gewesen, findet auch Gabriel. Dem Ressort fehlten die nötigen Ressourcen, meint er. Die Finanzämter hätten eingesetzt werden müssen, so Gabriel. Er behauptet - mit subtilem Schlag gegen seinen Nach-Nachfolger, den Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) - bei der Aufgabenverteilung habe nicht Logik, sondern politische Profilierung den Ausschlag gegeben.

Besteht eine Vertrauenskrise zwischen Kanzleramt und Länderchefs?

Investigativ-Journalist Mascolo bemerkt unterdessen nach eigenen Angaben seit letztem Herbst einen zunehmenden Vertrauensverlust zwischen Kanzlerin und Ministerpräsidenten. Immer mehr Landespolitiker sagten inzwischen: „Das Kanzleramt und die Kanzlerin sind sehr gut darin, uns zu sagen, was wir alles tun sollen. Aber die liefern ja selber auch nicht ab“, so Mascolo.

Womit die Runde beim nächsten Thema angekommen ist: Lobbyismus. Zuletzt machten die Vermittlungen zweier CDU/CSU-Bundestagsabgeordneten Schlagzeilen, die als Provisionen für die Akquise von Mund-Nasen-Schutz zusammen 900.000 Euro kassiert hatten. Auch wenn wohl kein strafbares Handeln nachweisbar sein wird, empört sich Grünen-Landrätin Anna Kebschull über die Abgeordneten, die mit Schutzmasken Geld verdient hätten: Die seien „ganz weit weg von der Realität“.

Gabriel stimmt dem zu. Seine Einschätzung: „Sie können noch so viele Regeln machen: Wenn Sie kein Störgefühl haben bei der Frage, ob Sie in der größten Krise an der Not der Menschen Geld verdienen können, werden Sie immer genug kriminelle Energie aufbringen - ich sag‘s jetzt mal ganz böse - um irgendein Schlupfloch zu suchen.“ 

Fazit des „Maybrit Illner“-Talks

Das Talk-Tempo des Abends war langsam, doch die Kritik sehr deutlich. Sigmar Gabriel unterhielt mit interessanten Struktur-Interna, Muskelmann Ralf Moeller als personifizierte „Volksstimme“ und Mascolo gab den Bedenkenträger. Aber waren das Analysen - oder doch bloß Meinungen? So ganz eindeutig war die Trennlinie nicht. Ob das Glas nun halbvoll oder halbleer ist - es wurde dem Zuschauer überlassen.

Auch interessant

Kommentare