Vor Bund-Länder-Treffen

Corona-Debatte um Merkels „Ein-Kind“-Regel - Mutter entsetzt: „Idee von Menschen, die keine Kinder haben“

  • Marc Beyer
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Kinder sollen wegen der Corona-Ansteckungsgefahr in der Freizeit nur noch ein anderes Kind treffen. Eltern sind empört, Experten wundern sich. Erste Politiker distanzieren sich.

  • Bund und Länder planen offenbar, zur Bekämpfung von Corona* neue Kontaktbeschränkungen einzuführen.
  • Dabei könnte am Mittwoch beschlossen werden, dass Kinder privat nur noch eine einzige Person treffen dürfen.
  • Viele Eltern laufen Sturm gegen die geplante Ein-Kind-Regelung. Doch es gibt auch Befürworter.

München – Neulich, sagt Angela Graas, sei ihre zehnjährige Tochter mit einer Freundin shoppen gewesen. In den dm, „aus lauter Verzweiflung“, weil Vereinssport gerade verboten ist. Ein Nachmittag im Drogeriemarkt, das klingt nicht nach purem Vergnügen. Zuerst, berichtet die Mutter, wollte ein drittes Mädchen mit, „aber da habe ich gleich gesagt, das geht nicht“.

Aus virologisch-politischer Sicht hat die Familie da schon eine Menge richtig gemacht. Bund und Länder wollen die Kontakte von Familien drastisch beschränken, auch Kinder sollen in den kommenden Wochen nur noch einen einzigen Freund treffen – immer denselben. Als Angela Graas, Regisseurin aus Herrsching, von diesen Plänen erfuhr, „da dachte ich, mich trifft der Schlag“.

Corona: Setzt der Bund Ein-Kind-Politik durch? „Da kann eine Welt einstürzen“

Sie ist auf so vielen Ebenen empört, dass sie kaum weiß, wo sie mit ihren Einwänden anfangen soll. Kinder brauchen Kontakt zu anderen Kindern, das hat ihr der erste Lockdown im Frühjahr in aller Deutlichkeit gezeigt. „Die Wochen waren echt schlimm.“ Schon jetzt sind sie extravorsichtig. Die Tochter trifft sich privat nur noch mit Kindern aus Herrsching, nicht mehr mit Mitschülern aus anderen Orten. Die Familie tut, was sie kann, und hat doch das Gefühl, dass es am Ende gar keine Rolle spielt. Weil die Einschnitte noch viel tiefer gehen sollen. „Da wird’s Tränen geben“, das weiß Angela Graas jetzt schon.

Gerade noch erlaubt: Nach den Plänen von Bund und Ländern könnten sich zwei Kinder treffen. Ein drittes dürfte nicht hinzukommen.

Noch ahnt die Tochter nicht, was auf sie zukommen könnte. Bisher haben die Eltern das Thema von ihrem Kind ferngehalten, doch wenn es sich in seiner ganzen Tragweite entfaltet, wird ein zehnjähriges Mädchen vor einer Entscheidung stehen, die zehnjährige Mädchen nicht treffen sollten: Welche meiner zwei besten Freundinnen will ich noch sehen? Auf welche verzichte ich? Und was, wenn die Freundinnen sich für eine andere entscheiden? Die Mutter ahnt: „Da kann eine Welt einstürzen.“

Ein-Kind-Regelung wegen Corona? Noch gibt es laut Bundesfamilienministerin Giffey Hoffnung

In ihrem Kern ist die geplante Beschränkung für Kinder nur einer von vielen Punkten auf einer Liste. Freizeiteinrichtungen sind geschlossen, private Treffen stark limitiert, Veranstaltungen abgesagt. Das Vermeiden von Kontakten ist der gemeinsame Nenner aller Maßnahmen, aber Angela Graas findet, dass Kinder mehr sein sollten als nur ein Glied in einer Kette. Und dann auch noch das schwächste. „Das ist überhaupt nicht durchdacht“, ruft sie. „Eine Idee von Menschen, die selber keine Kinder haben.“

So ganz stimmt das allerdings nicht. Franziska Giffey zum Beispiel hat einen Sohn, er ist jetzt elf. Kein einfaches Alter, trotzdem findet die Bundesfamilienministerin die Ein-Kind-Regelung nicht halb so problematisch wie Angela Graas mit ihrer fast gleichaltrigen Tochter. Noch sei ja nichts beschlossen, sagte sie dem Tagesspiegel. Und wenn, „dann ginge es nur um die Freizeit, und die Kinder hätten trotzdem weiterhin Kontakte in Kita und Schule – oft sind das die wichtigsten Freundinnen und Freunde.“ Aber auch bei diesen Kindern müsste man sich am Ende halt wieder für das eine entscheiden. Und was, wenn die Schulen schließen?

Je länger man über die Regelung nachdenkt, desto klarer zeigen sich ihre Tücken und Fallstricke. In gewisser Weise haben Angela Graas und ihre Familie dabei sogar noch Glück. Ein Kind, das bedeutet einen Kontakt nach außen. Aber was machen Eltern mit zwei oder drei Kindern? Und möchten sie vielleicht auch eigene, erwachsene Freunde treffen?

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Es gibt viele offene Fragen und viele Experten, die sich gerade mächtig wundern. Michael Kölch, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, mahnt an, man müsse darauf achten, dass keiner „übrig bleibt“, wenn denn tatsächlich ein fester Kontakt gewählt werde. „Nach denen, die sonst wenige Kontakte haben, muss man jetzt schauen, damit die nicht völlig vereinsamen.“ Heinz Hilgers, Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, ärgert sich über eine Ungleichbehandlung. Im Zentrum der Beschränkungen stünden die jüngsten. „Gleichzeitig läuft in den Bürohäusern ein völlig ungeregelter Präsenzbetrieb weiter.“

Der Kinderschutzbund Bayern hofft, dass sich mit „kreativen“ und technischen Lösungen der Schaden begrenzen lässt: „Man kann per Videochat oder klassisch über das Telefon mit den anderen Freunden in Kontakt bleiben“, sagt Alexandra Schreiner-Hirsch, pädagogische Leiterin. Susanne Arndt aus Icking, Vorsitzende der Landes-Eltern-Vereinigung der Gymnasien in Bayern, ist Mutter von vier Kindern. „Gott sei Dank“ seien sie schon erwachsen, das mache es etwas leichter. Aber gerade für die Jüngeren „ist das jetzt ganz furchtbar“. In der Schule dürften sie zusammen sein, im Bus sitzen sie dicht an dicht. „Und sobald es ins Privatleben geht, ist der Kontakt verboten. Das ist schwer vermittelbar.“

Corona: Ein-Kind-Regelung wird von einigen Bundesländern abgelehnt - auch Bayern

Aber es gibt auch Elternvertreter, die die Regelung befürworten. Gerade weil sie so rigoros ist. Klaus Grantner, der Vorsitzende des Landeselternbeirats der Schulen und schulvorbereitenden Einrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung in Bayern, hat eine behinderte Tochter. Er weiß, was eine Schulschließung für sie bedeuten würde: „Das wäre fatal.“ Bei Kindern mit geistiger Behinderung sei die Schule eine sehr wichtige Institution. „Wenn unsere Kinder nicht mehr zur Schule gehen können, entwickeln sie sich zurück. Verlernen sie dann das Erlernte, kann es sein, dass sie es nie wieder erlernen.“ Damit das nicht passiere, sei es wichtig, alle notwendigen Maßnahmen umzusetzen, die die Zahlen minimieren.

Kommenden Mittwoch entscheiden Bund und Länder, wie es weitergeht. Nicht jeder ist noch so überzeugt wie Familienministerin Giffey. Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger hat sich schon festgelegt: „Das geht zu weit.“ In den Planungen des Freistaats für das Bund-Länder-Treffen spielt die Ein-Kind-Regelung dann auch keine Rolle. Und nicht nur da. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff sagte der Bild, als Opa von fünf Enkeln wisse er, „dass das nicht funktioniert“.

An Angela Graas’ Befürchtungen ändern solche Zwischentöne aber nichts: Mit Blick auf Mittwoch sagt sie: „Ich bin sehr beunruhigt.“ Die Zahl der an Corona infizierten Kinder in Deutschland steigt im Vergleich zum September immens. Besonders eine Gruppe Kinder* steckt sich wohl eher an. *Merkur.de ist ein Angebot des Ippen Digital Netzwerks

Rubriklistenbild: © Uli Deck/dpa

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