Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kommt neben Helge Braun (CDU), Chef des Bundeskanzleramtes und Bundesminister für besondere Aufgaben, zur Sitzung des Bundeskabinetts im Kanzleramt.
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Angela Merkel wird für den Corona-Öffnungsplan kritisiert.

Corona-Pandemie

Infektiologe kritisiert Merkel: „Skandal, welche politische Rolle der Inzidenzwert spielt“

  • vonDana Popp
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Der Infektiologe Matthias Schrappe kritisiert das Corona-Management der Bundesregierung scharf. Für ihn ist der Inzidenzwert hinfällig und geimpfte Heimbewohner sollten nicht mehr isoliert werden.

Köln - Nach dem Plan der Bundesregierung sind die Lockerungen an den Inzidenzwert geknüpft. Der Infektiologe Matthias Schrappe von der Universität Köln ist mit diesem Vorgehen alles andere als einverstanden. „Ich empfinde es mittlerweile als einen Skandal, welche politische Rolle der Inzidenzwert spielt“, sagt der 66-Jährige in einem Interview mit Welt. In diesem bewertet er den Öffnungs-Stufenplan aus epidemiologischer Sicht als ein „Armutszeugnis“. Seiner Ansicht nach fehlten in diesem zu viele Punkte, zum Beispiel, wie mit Geimpften umgegangen werden solle.

Experte hält Gesamtmelderaten durch die Impfungen für „überflüssig“

Laut dem Infektiologen Schrappe ist das Zählen aller Infektionen in jeder Altersgruppe nicht mehr wichtig, denn die Zahlen sollten das Risiko der älteren Bevölkerung zeigen. Diese seien jedoch nun geimpft und daher sei der Inzidenzwert „überflüssig“, so Schrappe im Interview mit Welt. Habe man heute eine Inzidenz von 50, sei diese ganz anders zu bewerten als noch im vergangenen Jahr, da sie fast nur noch jüngere Menschen betreffe. Heute wäre es viel wichtiger, spezifische Zahlen für die Altersgruppe 70 plus zu erfassen. So könne man erkennen, wie viele Menschen sich trotz Impfung noch mit dem Coronavirus ansteckten oder wie viele Infektionen es bei Impfverweigerern gebe. Erst mit der korrekten Melderate von Geimpften wisse man, wo man stehe, so der Experte.

Zudem sei es auch interessant zu sehen, wie die Infektionszahlen in Risikogruppen, wie beispielsweise Lehrern, aussehe. „Das ist die Startlinie, ab der es viel weiter gehende Lockerungen geben kann“, so Schrappe. Die Gefahr junger Menschen für einen schweren Verlauf des Coronavirus sei sehr gering. Wenn die älteren Verwandten geimpften seien, herrsche „keine Gefahr“. „Die ganze Inzidenz-Argumentation bricht da zusammen.“

Matthias Schrapp: „Warum entlässt man die Geimpften in den Altersheimen nicht aus ihrer Isolation?“

Schrappe kritisiert noch einen weiteren Punkt an der stufenweisen Öffnungs-Strategie. Die Bewohner von Altenheimen, die bereits geimpft seien, habe man nicht aus ihrer Isolation entlassen. Viele dürften immer noch keinen Besuch empfangen oder miteinander essen. Er bezeichnet dieses Vorgehen als „inhuman“.

Streeck: Kritik an der Corona-Öffnungs-Strategie auch von weiterem Experten

Mit der Kritik an der Öffnungs-Strategie der Bundesregierung steht Schrappe nicht alleine da. Der teils umstrittene Virologe Streeck findet Merkels neuen Plan „nicht logisch“. Dies sagte er in einem Interview mit Merkur.de. Er habe zusammen mit dem NRW-Expertenrat vorgeschlagen, die Öffnungskonzepte mit den Hygienekonzepten zu verbinden. Das bedeute, wer das beste Hygienekonzept habe, der sollte als Erstes öffnen dürfen – unabhängig von der Branche, so Streeck. Hat also ein Hotel ein besseres Konzept als ein Friseur, sollte dieses zuerst öffnen dürfen. Mit welchen Kriterien man das Level eines Hygienekonzeptes bestimmen könne, sagte der Experte allerdings nicht.

Streeck ist einer ähnlichen Ansicht wie Schrapp und zwar, dass der Inzidenzwert nicht alles sei. „Ein weiterer Parameter ist etwa der prozentuale Anteil der Kontaktnachverfolgung. Es geht darum, pandemisch zu denken. Es geht nicht darum, jede einzelne Infektion zu verhindern, das ist nicht möglich, sondern es geht darum, große Hotspots zu verhindern“, stellte Streeck klar. Das Brandenburg jetzt die sogenannte „Notbremse“ auf eine Inzidenz von 100 auf 200 legen will, irritiert den Wissenschaftler trotzdem.

Markus Söder und Karl Lauterbach verteidigen den Inzidenzwert

Ministerpräsident Markus Söder (CSU) will sich nicht von dem Inzidenzwert als Messlatte trennen. In einer Regierungserklärung vor einer Woche sagte er: „Die Inzidenz ist nach wie vor der mit Abstand beste und verlässlichste Wert“. Damit verteidigt Söder den Öffnungs-Plan von Bund und Länder. „Wer auf Todesraten wartet, hat die Zeit verpasst zu handeln“, so Söder. Auch der SPD-Politiker und Gesundheitsexperte Karl Lauterbach will der Inzidenz nicht den Rücken kehren.

Dieser hatte vergangenen Freitag auf Twitter geschrieben: „Die Aussage von ⁦@hendrikstreeck die „Inzidenz sage nichts aus“ teile ich nicht. Wenn nur die Hälfte der über 80-Jährigen geschützt ist, sonst niemand, bleibt die Inzidenz der mit Abstand wichtigste Faktor. Dann kommt lange nichts. Kein Tod im Pflegeheim ist nicht alles...“ Streeck antwortet auf diesen Tweet mit: „Herr Lauterbach Sie betreiben durch diese Aussage mal wieder Spaltung. Ich sage in der Diskussion klipp und klar: Es geht nicht um ein „entweder-oder“ sondern ein „und“. So wie es das @rki_de vorschlägt. Dies ist kein Wahlkampf.“(Dana Popp)

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