1. Startseite
  2. Politik

Holetscheks Omikron-Sorge: „Dann stünden wir vor der größten Herausforderung der Pandemie“

Erstellt:

Von: Sebastian Horsch

Kommentare

Mission Corona: Klaus Holetschek übernahm vor einem Jahr mitten in der Pandemie den Posten als Gesundheitsminister.
Mission Corona: Klaus Holetschek übernahm vor einem Jahr mitten in der Pandemie den Posten als Gesundheitsminister. © Sven Simon/Imago

Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek verrät im Merkur-Interview, wie er Weihnachten feiert und was er zu Omikron und der vierten Spritze sagt.

München – Als Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU*) am Dienstagabend (21. Dezember) zum Merkur-Redaktionsbesuch kommt, laufen parallel die Beratungen der Ministerpräsidenten mit dem Kanzler. Omikron, die hoch ansteckende Corona*-Variante, hält die Welt vor den Feiertagen in Atem. Die große Frage ist, was auf Bayern zukommt.

Herr Holetschek, wie feiern Sie dieses Jahr mit Ihrer Familie Weihnachten?

So traditionell wie jedes Jahr. Unsere Kinder kommen nach Hause. Mein Sohn kommt aus Wien zu uns, meine Tochter kommt aus Augsburg. Meine Mutter wird da sein und auch mein Schwiegervater. Nachmittags besuchen wir den Familiengottesdienst und danach essen wir gemeinsam.

Und jeder macht einen Test?

Das ganz sicher. Meine Mutter ist 90 Jahre alt, mein Schwiegervater ist 86. Wir sind zwar auch alle geboostert, aber da steht für uns Sicherheit an erster Stelle.

Corona: So feiert Bayerns Gesundheitsminister Holetschek Weihnachten

Ganz ehrlich: Wenn an den Feiertagen Freunde bei Ihnen klingeln, fragen Sie dann zuerst nach einem Testnachweis?

Unsere Freunde sind alle geimpft und nehmen das Virus ernst. Ich gehe davon aus, dass sie sich in so einer Situation auch getestet hätten. Ob ich mir den Test zeigen lassen würde, weiß ich nicht, weil ich meinen Freunden vertraue. Und Freundschaften zu pflegen, halte ich in diesen Zeiten für sehr wichtig. Ich glaube, wir müssen auf Abstand gehen und trotzdem Nähe zulassen. Und dazu gehört, Freunden an Weihnachten das Gefühl zu geben, dass sie willkommen sind – wenn auch in einem anderen Rahmen als vor Corona.

Sie sprechen seit ein paar Tagen von einer drohenden „Omikron-Wand“. Was kommt da auf uns zu?

Ich habe mir die Modellierungen der Experten* angesehen. Ob der darin prognostizierte schlimmste Fall tatsächlich eintritt, kann man jetzt noch nicht genau sagen. Aber bedenken Sie: Wir sind ja immer noch in einer Situation, in der unsere Krankenhäuser noch am Limit sind. Die Pflegekräfte sind seit zwei Jahren unglaublich gefordert. Wenn nun tatsächlich ein neues Ereignis mit solch großer Wucht dazukäme, dann stünden wir vor der bisher größten Herausforderung in dieser Pandemie.

Bayerns Gesundheitsminister Holetschek „will nicht schon wieder von Lockdown sprechen“

Droht uns also bald ein neuer Lockdown?

Ich will nicht schon wieder vom Lockdown sprechen. Entscheidend ist, das richtige Maß zu finden, um die Menschen zu schützen. Und da will ich jetzt auch nichts ausschließen, weil die Pandemie gezeigt hat, dass man sich dann womöglich revidieren muss. Derzeit kann ich Ihnen nur sagen, dass die Situation ernst ist und die Kontaktbeschränkungen notwendig sind. Was wir in ein oder zwei Wochen sehen, müssen wir dann neu bewerten.

Sie fahren auf Sicht?

Ja, wir bewerten die Lage jeden Tag neu. Dafür haben wir unter anderem den Expertenrat des Bundes und unser bayerisches LGL, dessen Monitoring im Hintergrund immer läuft.

Wie gefährlich ist Omikron für Kinder?

Ich führe gerade viele Gespräche mit Experten, um mir davon ein genaueres Bild zu machen. Noch gibt es sehr unterschiedliche Einschätzungen darüber, warum es in anderen Ländern teils schwerere Verläufe bei Kindern und Jugendlichen gab. Mit Blick auf Deutschland nehme ich da einen vorsichtigen Optimismus wahr, dass die Voraussetzungen bei uns positiver sind. Wir haben eine gute Struktur von Kinder- und Jugendärzten und Kinderkliniken.

Der Bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek beim Impfen.
Der Bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek beim Impfen. © Sammy Minkoff/Imago

Klaus Holetschek: Coronavirus „schlägt uns immer wieder ein Schnippchen“

Noch sind viele Fragen offen: Muss die Politik da nicht auch aufpassen, dass Sie den Leuten nicht zu viel Angst macht?

Es geht nicht um Angst, sondern um Realismus. Wir können ja nicht ausblenden, dass gewisse Dinge gerade kritisch aussehen. Einfach „Augen zu und durch“ geht nicht. Wir sind an einer Weggabelung der Pandemie, die möglicherweise sehr hart wird. Das müssen wir den Menschen auch sagen. Und ich habe übrigens das Gefühl, dass sehr viele das auch sehen und gar nicht immer darauf warten, was die Politik vorgibt, sondern selbst Kontakte reduzieren.

Geboosterte haben offenbar einen guten Schutz gegen Omikron, jedenfalls gegen schwere Verläufe. Dürfen die, die alles getan haben, was die Politik von ihnen wollte, auf mehr Freiheiten hoffen?

Ich weiß natürlich, dass es Menschen gibt, die sagen: Ich bin jetzt mehrfach geimpft, und mir wurde gesagt, das reicht. Aber es ist nun einmal so, dass uns das Virus immer wieder ein Schnippchen schlägt und wir merken: Es reicht eben nicht. Derzeit ist es so, dass Geboosterte* dort, wo sonst die 2G-Plus-Regel gilt, zumindest keinen zusätzlichen Test brauchen. Wir müssen aber genau beobachten, wann der höhere Schutz durch die dritte Impfung nachlässt. Wenn das passiert, und wir eigentlich eine vierte Impfung bräuchten, um geschützt zu sein, kann ich das nicht ignorieren.

Video: Coronavirus: Wie gut schützt BionTech vor Omikron?

Kommt die Impfpflicht? CSU-Gesundheitsminister Holetschek will „nichts ausschließen“

Sie sind für eine Impfpflicht. Muss die für alle gelten, oder wäre auch eine Impfpflicht ab 60 Jahren denkbar?

Ich würde auch hier erst einmal nichts ausschließen. Entscheidend ist auch, was die Wissenschaft uns sagt. Mir ist aber wichtig, dass es eine allgemeine Impfpflicht* geben wird. Denn die einrichtungsbezogene Impfpflicht, die ab März ja vor allem bestimmte Berufsgruppen treffen wird, spaltet. Das nehme ich gerade in vielen Gesprächen mit Pflegekräften wahr. Sie sehen sich zunehmend in der Rolle, dass ihnen die weit überwiegende Last der Pandemie zugeschoben wird.

Sie weisen immer wieder auf die Belastungen der Pflege hin und fordern unter anderem die Verdoppelung des Gehalts in der Intensivpflege.

Das Thema ist in meiner politischen Agenda ganz oben. Und das ist wirklich keine Show. Denn wenn wir keine grundlegenden Veränderungen für die Pflege erreichen können, droht uns das Aus. Dann haben wir in 10 bis 15 Jahren keine Menschen mehr, die andere pflegen. Wir müssen da jetzt wirklich rangehen. Deshalb gefallen mir auch einige Punkte im Koalitionsvertrag der Ampel gut – zum Beispiel, dass eine Milliarde Euro in die Pflege investiert werden soll.

Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek: „Die Ampel muss jetzt liefern“

Überhaupt hört man von Ihnen relativ wenige parteipolitische Angriffe auf die Ampel-Regierung in Berlin.

Ich halte es für falsch, dass die Ampel* die epidemische Notlage aufgehoben hat. Das war das falsche Signal zum falschen Zeitpunkt. Aber jetzt ist die Zeit, Kräfte zu bündeln und sich nicht in parteipolitischem Klein-Klein zu verheddern. Trotzdem sagen wir deutlich, was wir erwarten. Die Ampel muss jetzt liefern und zeigen, wo es hingeht.

Kommen wir zurück nach Bayern: Es gibt den Vorwurf, das LGL hätte unter Ihrer Führung die wöchentlich veröffentlichte Inzidenz der Ungeimpften verfälscht. Eine Steilvorlage für Querdenker ...

Das LGL hat aus seiner damals fachlich begründeten Auffassung heraus die Zahl derer mit unbekanntem Impfstatus der Gruppe der Ungeimpften zugerechnet. Das hat man – genau wie andere Länder – getan, weil man gemerkt hat, dass man so der Realität am nächsten kommt. Aufgrund von Meldeverzügen ist die Gruppe mit unklarem Status aber immer größer geworden, wodurch eine immer größere Lücken in der Aussagekraft* entstanden ist. Da haben wir dazugelernt und die Berechnung deshalb jetzt auch ausgesetzt. Unabhängig davon: Klar ist, dass wir die Datengrundlage in der Pandemie insgesamt verbessern müssen.

Und LGL-Präsident Walter Jonas muss seinen Hut nehmen ...

Dass Walter Jonas im Februar Regierungspräsident der Oberpfalz* wird, wurde ja nicht erst in den letzten zwei Wochen auf die Schienen gebracht. Er hat uns im LGL sehr viel geholfen. Und mit seinem Nachfolger, dem Mediziner Prof. Christian Weidner, wird das LGL einen weiteren Entwicklungsschritt machen.

Klaus Holetschek (CSU): Erst Verstärkung, dann Chef

Klaus Holetschek (CSU) hat die Politik schon von verschiedenen Seiten gesehen. Er war Bundestagsabgeordneter in Berlin (1998 bis 2002) und Bürgermeister in Bad Wörishofen (2002 bis 2013). Als Bau-Staatssekretär holte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) den Landtagsabgeordneten und Bürgerbeauftragten 2020 schließlich in die Staatsregierung. Schon kurz darauf zog Holetschek als Verstärkung für die damalige Ministerin Melanie Huml (CSU) ins Gesundheitsressort weiter, wo der 57-Jährige sich politisch zuhause sieht. Anfang dieses Jahres machte Söder Holetschek dort schließlich zum Minister. Privat lebt der Jurist gemeinsam mit seiner Frau Birgit im oberschwäbischen Memmingen. Die beiden sind seit mehr als 30 Jahren verheiratet und haben zwei erwachsene Kinder.

Sie sind vor einem Jahr mitten in der Pandemie Gesundheitsminister geworden. Stehen Sie seither nur unter Dauerdruck?

Es war für mich tatsächlich ein völlig verrücktes erstes Jahr. Man wird teilweise von den Entwicklungen getrieben, zumal ich ja auch gleich den Vorsitz in der Gesundheitsminister-Konferenz der Länder übernommen habe. Da kommst du schon an Punkte, an denen du deine eigenen Grenzen fühlst und dich fragst: Was passiert hier eigentlich gerade mit dir? Und man sieht auch, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Ministerium an diese Punkte kommen, an denen es zu viel wird. Und trotzdem raffen wir uns alle immer wieder auf.

Glauben Sie, dass Sie in Ihrer Amtszeit als Gesundheitsminister noch einmal ein anderes Hauptthema als Corona beschäftigen wird?

Ja, das glaube ich.

*Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Auch interessant

Kommentare