Modellversuch

Saarland öffnet trotz hoher Corona-Zahlen: Bürgermeister gesteht „große Angst“

  • vonDana Popp
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Im Saarland öffnen wieder die Kinos und Fitnessstudios, obwohl die Infektionszahlen hoch sind. Ein Bürgermeister steht dahinter, hat aber „große Angst“.

Nalbach - Seit Dienstag hat das Saarland als einziges Bundesland in Deutschland die ersten flächendeckenden Öffnungsschritte gewagt; und das mitten in der dritten Welle. Die Außengastronomie, Fitnessstudios, Theater und Kinos werden wieder geöffnet. Zugangsvoraussetzung ist ein negativer Corona-Test. Vor allem Experten, wie der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, warnen vor den verfrühten Öffnungen. Der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans verteidigt sein Modell jedoch gegen alle Widerstände.

Am Dienstag bekräftigte der CDU-Politiker, dass die Öffnungen im Saarland konform seien mit den geltenden Beschlüssen von Bund und Länder. Auch wenn in diesen eigentlich nur von „ausgewählten Regionen“ die Rede ist und nicht von ganzen Bundesländern. Der parteilose Bürgermeister vom saarländischen Nalbach verteidigt das Projekt ebenfalls gegenüber dem Spiegel.

Wenn die Corona-Lockerungen im Saarland funktionieren, „werden die anderen es bald kopieren.“

Darin gibt Peter Lehnert, der Bürgermeister von Nalbach, an, er sehe keine Alternative zu den Lockerungen: „Wir müssen endlich Lösungen finden, wie unsere Gesellschaft trotz Corona funktionieren kann – dafür müssen wir Dinge ausprobieren, Risiken eingehen, aus Fehlern lernen“, so Lehnert. „Die Leute sind erschöpft, vielen Unternehmen und Selbstständigen droht die Pleite.“ Die Sieben-Tage-Inzidenz im Saarland liegt laut Robert Koch-Institut am Donnerstag bei 79. Wenn der Wert drei Tage lang über 100 liegt, müssen die Öffnungen nach den Beschlüssen von Bund und Ländern schrittweise zurückgenommen werden.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hat sich am Dienstag besorgt über das Vorgehen im kleinsten Flächenland geäußert. Lockerungen seien in der verschärften Pandemie-Situation ein falsches Zeichen, ein „harter Lockdown“ mit mehr staatlichen Beschränkungen wäre der richtige Weg, sagte er im RTL/ntv-„Frühstart“.

Lehnert erklärte im Spiegel-Interview weiter, er könne die Ansichten des Gesundheitsexperten nachvollziehen. „Herr Lauterbach hat aus wissenschaftlicher Sicht völlig recht, aber es gibt im Leben ja nicht nur Politik und Wissenschaft. Außerdem sehen wir doch seit Wochen, dass bundesweit einheitliche Maßnahmen im Föderalismus kaum durchsetzbar sind. Meine Hoffnung: Wenn es hier im Saarland ein erfolgreiches System gibt, werden die anderen es bald kopieren“, so der Bürgermeister von Nalbach gegenüber dem Spiegel.

Corona-Lockerungen im Saarland: „Ehrlich gesagt, habe ich große Angst, dass es nicht klappt“

„Bevor ich Bürgermeister wurde, war ich selbst Unternehmer, glauben Sie mir: Wir können die Firmen und Schulen nicht noch länger geschlossen halten – jedenfalls nicht so, wie das bislang geschieht“, so Peter Lehnert. Trotzdem sei er besorgt und habe „große Angst“, dass der Modellversuch möglicherweise scheitere. „Wenn man etwas ausprobiert, und das tun wir im Saarland gerade, dann braucht man nicht nur Idealismus und Ehrgeiz. Sondern auch Menschen, die einen vertrauensvoll begleiten, Risikobereitschaft, ein bisschen Glück – und den Mut, zu scheitern“, so Lehnert.

Erst kürzlich machte Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Talk-Sendung Anne Will deutlich, dass sie Öffnungen zu diesem Zeitpunkt für den falschen Weg hält. Am Ostermontag forderte dann der zunächst ebenfalls von der Kanzlerin gerügte CDU-Chef Armin Laschet einen „Brücken-Lockdown“, der so schnell wie möglich greifen müsse. Aus dem Saarland kam keine Unterstützung für den Parteichef. (dp/dpa)

Rubriklistenbild: © Oliver Dietze/dpa/picture alliance

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