Bundesgesundheitsminister Jens Spahn verlässt eine Pressekonferenz
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Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) in der Kritik: Wie soll die Corona-Teststrategie ungesetzt werden?

Mangel in den Bundesländern

Deutschlands Corona-Schnelltest-Strategie: Ärzte und Gastronomen ungehalten - „Kein Tag der offenen Tür“

  • Cindy Boden
    vonCindy Boden
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Kritik an der Bundesregierung wegen Corona-Tests gibt es momentan zuhauf. Die Landesregierungen sind wütend und auch für Ärzte und Gastronomen fehlt ein konkreter Plan.

Update vom 7. März, 10.13 Uhr: Corona-Test-Chaos*: Der Bund sagt, die Länder müssten sich um Tests kümmern. Die Länder wiederum sind sauer, weil auf den Bund kein Verlass scheint (siehe Erstmeldung). CSU*-Generalsekretär Markus Blume legt mit Kritik an Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU)* in der Bild am Sonntag nach: „Man kann nicht die Verantwortung beim Testen auf die Länder schieben und sich selbst für komplett unzuständig erklären.“ Die Leidtragenden sind schlussendlich Schulen, Gastronomen, Ärzte oder Apotheker, die die Tests vor Ort umsetzen sollen.

Doch vieles ist derzeit noch nicht geregelt. Die Bundesregierung betont zwar, Schnelltests - durchgeführt von geschultem Personal - sind vorhanden. Doch dabei hängt offenbar noch viel in der Luft. Während die Discounter-Regale mit den Tests am Samstag schnell leergekauft waren*, ist bisher noch nicht geklärt, was verpflichtend passiert, wenn ein Test ein positives Ergebnis bringt. Eine Meldepflicht gibt es bisher nicht. Kostenlos sind die Corona-Testkits zurzeit auch nicht. Der Bund übernimmt ab Montag lediglich einen Schnelltest pro Person und Woche, durchgeführt von Dritten.

Schnelltest und Selbsttest: Hausärzte, Apotheker und Gaststätten warnen

Testen lassen können soll sich jeder beispielsweise in Apotheken oder Arztpraxen. Der Chef des Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt, warnt ­jedoch in der Bild am Sonntag: „Was wir nicht anbieten können, ist ein Tag der offenen Tür für alle, die sich mal eben spontan testen lassen wollen.“ Man wisse noch gar nicht, wann die Schnelltest in welcher Menge von wem bestellt und zu wem geliefert werden sollen. Auch der Apothekenverband ABDA sagt, dass „vielleicht 20, 30 Prozent“ der Apotheken nur mitmachen würden.

Im aktuellen Beschluss der Bund-Länder-Beratungen steht zudem, dass frühestens ab 22. März und wenn die Inzidenz zwischen 50 und 100 liegt, ein tagesaktueller Schnell- oder Selbsttest vorgelegt werden muss, damit Gäste (bei vorheriger Terminbuchung) wieder die Außengastronomie mit mehreren Haushalten nutzen dürfen. Ob dafür jedes Restaurant vor dem Eingang eine Teststation aufbauen muss, ist unklar. Die Hauptgeschäftsführerin vom Hotel- und Gaststättenverband Dehoga, Ingrid Hartges, sagte der Zeitung aber bereits: „Nicht jeder Gastronom kann sich ein eigenes Testzelt vor den Eingang stellen, das ist gerade für kleinere Betriebe schlicht nicht leistbar.“

Corona-Test-Strategie in Deutschland: Schwesig stinksauer, weil Aldi und Co. Tests „verramscht“

Manuela Schwesig ist wütend: Sie macht den Bund für fehlende Schnelltests in den Ländern verantwortlich.

Erstmeldung vom 6. März: Schwerin - Manuela Schwesig (SPD) reiht sich in die lange Reihe der Kritiker von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ein. Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin hat die Teststrategie der Bundesregierung scharf kritisiert. Denn während der erste Discounter ins Schnelltest-Geschäft einsteigt, fehlen sie den Bundesländern als wichtiges Instrument in der Bekämpfung der Corona-Pandemie.

„Ich will an dieser Stelle nicht verhehlen, dass ich sehr verärgert bin darüber, dass der Bund es zulässt, dass zunächst Aldi* und Co. Selbsttests verramschen können und wir die Selbsttests erst Mitte März geliefert bekommen“, sagte Schwesig am Samstag in Schwerin. Die Verantwortlichen sind aus ihrer Sicht eindeutig.

Merkel und Spahn in der Kritik: Teststrategie grundlegend falsch? Manuela Schwesig kritisiert Bund scharf

Mecklenburg-Vorpommern habe bereits vor der Ministerpräsidentenkonferenz zwei Millionen dieser Selbsttests geordert, „weil wir geahnt haben, dass wir uns nicht auf den Bund verlassen können“, führte sie weiter aus. Das Land hat rund 1,6 Millionen Einwohner. Es könne in der Corona*-Pandemie nicht sein, dass der Markt über den Schutz für Kinder und Jugendliche bestimme. Dies hätte der Staat tun müssen, sagte Schwesig. Mit mehr Selbsttests seien Lockerungen in Kitas und Schulen eher möglich.

Noch Ende Februar hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Jens Spahns Schnelltest-Vorstoß kassiert und den Gesundheitsminister auflaufen lassen. Jetzt begann der Discounter Aldi am Samstag (6. März) überraschend früh damit, die Schnelltests in Filialen zu verkaufen. Zwar ärgerten sich viele Kund:innen über die geringen Stückzahlen, aber die Kette hatte sich mit dem frühen Termin einen Vorteil gegenüber anderen Ketten und Drogeriemärkten verschafft. Diese werden in den kommenden Tagen und Wochen aber nachziehen*. Eine Packung der Schnelltests für zu Hause kostet an der Supermarktkasse bei Aldi 24,99 Euro. In einer Packung sind fünf Tests enthalten. Das macht einen Preis von fünf Euro pro Test.

Corona-Schnelltests: Schwesig mit wütendem Vorwurf - Reaktion aus CDU folgt prompt

Zu Lieferengpässen für die Bundesländer darf es trotz des „Marktstarts“ aber eigentlich nicht kommen. Denn vor wenigen Tagen hatte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) noch versprochen: „Von diesen Schnelltests sind mehr als genug da, sie sind verfügbar, sind einfach bestellbar.“ Die Hersteller hätten seinem Gesundheitsministerium versichert, dass die Lager voll seien.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) glaubt auch nicht, dass es zu einem echten Engpass für die Bundesländer kommen wird und verteidigt die Regierung gegen die Anschuldigungen von Schwesig. „Schnelltests* sind im Übermaß produziert und lieferbar. Die neuen Selbsttests sind erst seit wenigen Tagen zugelassen. Der Vorwurf an den Bund ist billig“, sagte Kretschmer am Freitag der dpa. Die Zusage des Bundes, die Hälfte der Kosten für die Testung in Schulen und Kitas zu übernehmen, sei eine wichtige Unterstützung. Schwesig warf er „Corona-Wahlkampf“ vor. In Mecklenburg-Vorpommern wird am 26. September parallel zum Bundestag ein neues Landesparlament gewählt. (dpa/mam) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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