Immerhin mit Sicherheitsabstand: Angela Merkel mit Bodyguards.
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Immerhin mit Sicherheitsabstand: Angela Merkel mit Bodyguards.

Verzicht auf Schutz

Warum Merkel die Maske meidet

  • Marc Beyer
    vonMarc Beyer
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Schutzmasken sind in diesen Zeiten unverzichtbar, das sagt auch Angela Merkel. Die Bundeskanzlerin selbst trägt in der Öffentlichkeit allerdings nie eine. Einige internationale Spitzenpolitiker halten es ähnlich. In guter Gesellschaft ist die Kanzlerin aber nicht.

Auch von Angela Merkel gibt es jetzt ein Bild mit Schutzmaske. Entstanden ist es Ende April in Berlin, und schon auf den ersten Blick muss der Betrachter stutzig werden. Direkt hinter der Kanzlerin steht Donald Trump, ebenfalls mit Mund-Nasen-Schutz, und beide wirken ein wenig, nun ja, starr. Wie man halt wirkt in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett.

Die leibhaftige Merkel legt in der Öffentlichkeit keine Masken an. In den Archiven tauchen beim entsprechenden Stichwort nur Aufnahmen von Bürgern auf, die sich ein Bild der Kanzlerin vors Gesicht gespannt haben. Als Merkel am Mittwoch von der Fragestunde im Bundestag zum Kanzleramt ging, waren sowohl sie als auch ihre Bodyguards oben ohne. Immerhin wahrten sie einen angemessenen Abstand.

Dass Schutzmasken in Corona-Zeiten unverzichtbar sind, betont auch die Bundeskanzlerin. Sie hat sich mit dem Textil allerdings erst anfreunden müssen. Anfangs lehnte sie eine Tragepflicht noch ab, unter anderem mit dem Argument, eine von Atemluft durchfeuchtete Maske werde selbst zur Virenschleuder. Mittlerweile hat sie umgedacht. Mund und Nase zu bedecken sei so wichtig wie Abstand und Hygiene. Öffentlich bleibt sie dennoch stets unverhüllt.

Die Frage, wie man in der Öffentlichkeit mit der Maske verfährt, ist eine Grundsatzentscheidung. Politiker wie Markus Söder und Sebastian Kurz legten bereits ein Stück Stoff an, als die Diskussion über eine Pflicht in Handel und Verkehr noch in vollem Gange war. Beide stehen in der M-Frage für einen besonders offensiven Ansatz. Sie präsentieren sich als Macher, die in Corona-Zeiten tun, was eben getan werden muss.

„Das ist eine andere Generation“, sagt der Berliner Politikberater Udo Sonnenberg. „Mein Eindruck ist, dass die eher progressiven Politiker anders ticken und ganz bewusst ein Statement aussenden wollen.“ Söder in München, Kurz in Wien, auch Emmanuel Macron in Paris. Als Bayerns Ministerpräsident zum ersten Mal das Rautenmuster im Gesicht trug, „war das ein PR-Coup“, sagt Sonnenberg. Söder ist ein so forscher Träger, dass selbst enge Vertraute nicht immer mit seinem Eifer mithalten. Bei Minister-Auftritten ohne den Chef ist die Maskendichte wesentlich niedriger.

Merkel wiederum, sagt Sonnenberg, sei „eine moderate Persönlichkeit“, die in dem Moment nicht an Kategorien wie den PR-Effekt denke. „Wahrscheinlich käme es ihr auch komisch vor.“ Mit Eitelkeit habe der Verzicht nichts zu tun. Sorglosigkeit dürfte ebenfalls kein Motiv sein. Die Kanzlerin hat schon persönlich Corona-Erfahrungen gemacht, nach dem positiven Test eines ihrer Ärzte begab sie sich zwölf Tage in Quarantäne. Aber für jemanden, der auch in weniger turbulenten Zeiten nicht das Bad in der Menge sucht, könnte es ganz einfach normal sein, weiterhin Distanz zu wahren. Und nichts zu ändern, trotz aller Vorbildfunktion. Vielleicht, sagt Sonnenberg, „denkt sie sich jetzt: Ich bleibe bei meiner Linie.“

Das Tuch hat auch seine Tücken. Wer eine Maske trägt, sollte es akkurat tun, sonst erntet er Spott wie NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, der bei einem seiner ersten Versuche die Nase frei ließ. Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro ließ die Maske anfangs fast schon provokant von einem Ohr baumeln. Von Kremlchef Wladimir Putin wiederum gibt es Fotos, die ihn Ende März bei einem Krankenhausbesuch bei Corona-Patienten zeigen. Einen Schutz trägt er selbst hier nicht.

Es gibt einen Typus Politiker, der sich mit Masken sichtbar schwertut. Breitbeinige Anführer, die sich öffentlich keine Blöße geben und keinerlei Verwundbarkeit einräumen wollen. Während Bolsonaro mittlerweile Mund und Nase verhüllt, weigert sich Donald Trump weiterhin rigoros. Der US-Präsident scheint Masken als Symbol der Schwäche zu sehen. Selbst als er neulich eine Maskenfabrik besuchte, verzichtete er auf jeglichen Schutz, abgesehen von einer Brille. Im Hintergrund lief dazu der Song „Live and let die“, wie eine makabre Metapher für Trumps Corona-Politik.

In Berlin läuft alles ein paar Nummern kleiner. Auch die Kanzlerin befolge die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts, sagt ein Sprecher. „Dass es noch keine Fotos mit Mund-Nasen-Schutz gibt, ist davon unbenommen.“

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