1. Startseite
  2. Politik

Mediziner kritisieren Lauterbachs Booster-Empfehlung - Virologe zieht gar negative Impfeffekte in Betracht

Erstellt:

Von: Kathrin Braun

Kommentare

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hält eine rede.
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach: Der SPD-Politiker spricht sich für eine vierte Corona-Impfung bei jüngeren Menschen aus. © dpa/Michael Kappeler

Für viele Menschen ist seit der letzten Impfung mehr als ein halbes Jahr verstrichen. Nun empfiehlt der Gesundheitsminister einen zweiten Booster für alle – und stiftet damit große Verwirrung. 

München – Karl Lauterbach im Alleingang: Wieder prescht er vor, diesmal zum Ärger der Ständigen Impfkommission (Stiko). „Wenn jemand den Sommer genießen will“, sagt der SPD-Minister, „dann würde ich in Absprache natürlich mit dem Hausarzt auch Jüngeren die Impfung empfehlen.“ Dann habe man eine „ganz andere Sicherheit“.

Im Interview mit dem Spiegel wirbt der Bundesgesundheitsminister plötzlich für einen zweiten Booster gegen das Coronavirus auf breiter Front – und hinterlässt damit bei vielen Menschen Ratlosigkeit. Die Stiko empfiehlt die vierte Impfung ab 70, EU-Fachbehörden ab 60, Lauterbach gleich allen. Und dann ist da noch das groß angekündigte Impfstoff-Update: speziell auf Omikron angepasste Impfstoffe, die im Herbst kommen sollen – wann genau, ist aber unklar. Die Lage ist ohnehin schon diffus: Jetzt boostern oder warten?

Mediziner kritisieren Lauterbachs medizinische Empfehlungen

Und nun der Lauterbach-Vorstoß – eine Nervenprobe für die Stiko, wie es aus Expertenkreisen heißt. „Ich halte es für schlecht, medizinische Empfehlungen unter dem Motto ,Viel hilft viel’ auszusprechen“, kritisiert Stiko-Chef Thomas Mertens. Er kenne keine Daten, die eine vierte Impfung für jüngere Menschen rechtfertigten.

Christoph Spinner, Infektiologe am Uni-Klinikum rechts der Isar, sieht das ähnlich. In jedem Fall sollten sich Risikogruppen nach sechs Monaten ein zweites Mal boostern lassen – das könne das Risiko eines tödlichen Verlaufs etwa um das 3,5-Fache reduzieren. Auf die angepassten Impfstoffe zu warten, lohne sich nicht, denn „die derzeit zugelassenen Impfstoffe schützen gut vor schweren Verläufen durch Omikron“. Bei Jüngeren aber sei „die Datenlage zu dünn, um den Nutzen einer weiteren Booster-Impfung definitiv zu bewerten“. Immerhin kämen schwere Verläufe nur selten vor. „Nach allem, was wir wissen, würde eine Auffrischungsimpfung der breiten Bevölkerung nicht schaden – aber bei der Frage nach Kosten und Nutzen bin ich nicht sicher, ob eine Empfehlung für alle Altersgruppen zwingend notwendig ist.“

Virologe zieht negative Effekte von zu vielen Booster-Impfungen in Betracht

Virologe Alexander Kekulé geht noch weiter: Durch zu viele Booster-Impfungen seien auch negative Effekte denkbar, sagt er. „Es gab in der Geschichte noch nie eine Krankheit, bei der die breite Bevölkerung immer wieder mit demselben Impfstoff nachgeboostert wird.“ Es sei nicht auszuschließen, dass „unser Immunsystem dadurch einen Ermüdungseffekt erleidet“. Das komme auch bei Influenza-Vakzinen vor. „Wenn die Abwehr immer wieder mit dem gleichen Impfstoff angeregt wird, reagiert sie möglicherweise irgendwann nicht mehr so gut darauf.“ Bei Corona gebe es da „ein großes Fragezeichen“.

Das sei auch der Grund, weshalb die Stiko und die Europäische Arzneimittelbehörde eine vierte Impfung nur für Menschen mit besonders hohem Risiko empfehlen, sagt Kekulé. „Der Bundesgesundheitsminister sollte seiner eigenen Fachkommission nicht öffentlich widersprechen, das verunsichert die Menschen nur.“

Bayerischer Gesundheitsminister grundsätzlich auch für Viertimpfung

Auch der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) sieht in Lauterbachs Vorpreschen nicht die feine Art. „Einige Menschen sind – zu Recht – verunsichert, wenn von verschiedenen Experten ständig unterschiedliche Empfehlungen ausgesprochen werden.“ Lauterbach solle darauf achten, dass er nicht „die Ärzteschaft verärgert“. Zudem hätte sich Holetschek zuvor „eine Rücksprache mit den Ländern gewünscht, denn in der Praxis gibt es noch einiges zu klären“. Inhaltlich stimmt er aber dem Vorschlag, auch Jüngeren eine Viertimpfung zu empfehlen, zu: „Es ist wichtig, die Auffrischungsimpfungen voranzutreiben.“

Zuspruch bekommt der Vorstoß auch von Virologe Uwe Gerd Liebert: „Ich würde allen Menschen einen zweiten Booster empfehlen, deren letzte Impfung länger als ein halbes Jahr zurückliegt.“ Das wäre die sicherste Vorbereitung auf einen Winter, „der sicher nicht angenehm wird“. Wer sich erst kürzlich mit Corona infiziert hat, könne das allerdings wie eine Booster-Impfung betrachten und auf die angepassten Impfstoffe warten. (kb)

Auch interessant

Kommentare