Neuer Richtwert

Mutationen in Deutschland unberechenbar - Ist Merkels Corona-Inzidenz von 35 haltbar?

  • VonMayls Majurani
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Ist der neue Grenzwert von 35 bei der Sieben-Tages-Inzidenz gerechtfertigt? Die Meinungen gehen auseinander. Auch, weil die Mutationen langsam Überhand gewinnen.

München - Monatelang war das Ziel der deutschen Landkreise und kreisfreien Städte eine Sieben-Tage-Inzidenz unter 50, bezogen auf 100.000 Einwohner. Der Gedanke dahinter war: Wenn der Wert unter 50 ist, haben die Gesundheitsämter ausreichend Kapazitäten für die Kontaktermittlung. So könnten Infektionsketten unterbrochen werden, indem die Kontaktpersonen frühzeitig in Quarantäne geschickt werden.

Ein Sieben-Tage-Wert über 50 bedeutet dagegen: „umfassende Maßnahmen“, so steht es im Infektionsschutzgesetz. Im bisher letzten Bund-Länder-Gipfel fiel diese Zahl nun auf 35. Darüber greifen „breit angelegte“ Maßnahmen. Wenn die Inzidenz stabil unter 35 liegt, sind vorsichtige Öffnungen möglich.

Corona in Deutschland: Sieben-Tage-Inzidenz von 35 - Endet der Lockdown zu früh, droht ein weiterer

Doch wie sinnvoll sind diese Werte? Wie der Spiegel berichtet, wünscht sich etwa SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach den Richtwert auf 25 festzulegen. Denn der Anteil der verschiedenen neuen Mutationsvarianten verbreitet sich schnell. Mittlerweile liegt der Anteil der deutlich ansteckenderen britischen Mutation B.1.1.7 schon bei 20 Prozent aller Corona-Infektionen in Deutschland. Wenn die Öffnungen zu schnell vorgenommen werden, steigen die Zahlen auch schnell wieder an - eine dritte Welle, noch bevor die zweite richtig zu Ende ist.

Über einer Sieben-Tage-Inzidenz von 50 ist die Kontaktverfolgung also unmöglich. Oder doch nicht? „Im Moment können wir auch mit deutlich höheren Werten als 50 sehr gut umgehen und alle Kontakte nachverfolgen“, wird Kaschlin Butt, Chefin des Wiesbadener Gesundheitsamts im Spiegel zitiert. Zwischenzeitlich hatte Wiesbaden aber auch einen 7-Tage-Wert von über 200 - und da gelang die Kontaktverfolgung nicht mehr.

Kontaktverfolgung bei Coronavirus-Infektionen: Beteiligte müssen mit Gesundheitsämtern kooperieren

Zudem sei eine Voraussetzung auch, dass die Infizierten kooperieren. Denn logisch ist auch: Wenn ein Infizierter die Kontaktbeschränkungen nicht so ernst nimmt, gibt er das gegenüber den Behörden auch ungern zu. Und insgesamt kommt es bei der Kontaktverfolgung nicht darauf an, wie viele Menschen sich mit dem Coronavirus ansteckten, sondern wie viele Kontakte sie hatten. „Der Wert zeigt ja nur, wie viele positive PCR-Tests in der vergangenen Woche gemeldet wurden“, so Butt.

Trotzdem raten nun Wissenschaftler, erst dann zu öffnen, wenn die Neuinfektionen wirklich im Keller sind. Bei überhasteten Öffnungen wäre womöglich schon bald ein weiterer Lockdown nötig.

Kritik am Lockdown: Risikogruppen schützen, oder „alle einsperren“?

Auf der anderen Seite werden auch immer wieder Stimmen laut, die Sieben-Tage-Werte nicht so ernst zu nehmen. So sagte etwa CDU-Vorsitzender Armin Laschet bei einer Videoschalte mit Unternehmern: „Wir können unser ganzes Leben nicht nur an Inzidenzwerten abmessen.“ Christoph Lütge, ehemaliges Mitglied des Bayerischen Ethikrats, twitterte: „Pandemiebekämpfung heißt NICHT, Inzidenz überall möglichst tief, z.B. unter 35, zu drücken, sondern Kranken- und Todesfälle zu minimieren. Risikogruppen schützen statt alle einsperren!“ Für seine wiederholte Kritik an der Politik schmiss ihn Bayerns Ministerpräsident Markus Söder aus dem Ethikrat. Klar ist aber auch: Die Mutationen machen den weiteren Pandemieverlauf unberechenbarer. (ma) Alle wichtigen Nachrichten über die Corona-Pandemie in Deutschland finden Sie in unserem Corona-News-Ticker.

Rubriklistenbild: © Markus Schreiber/dpa

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