Plötzlich allein: Nicht nur in Pflegeheimen ist das Personal knapp, auch in der häuslichen Pflege wird es eng. Foto: Ullstein

Corona-Virus

Wenn in der Krise die Pflege wegbricht

  • Wolfgang Hauskrecht
    vonWolfgang Hauskrecht
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  • Sebastian Horsch
    Sebastian Horsch
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In der Corona-Krise stehen Pflegeheime und ambulante Dienste zunehmend unter Personal-Druck. Dazu kommt, dass im ganzen Land osteuropäische Haushaltshilfen ihre Koffer gepackt haben. Das System gerät ins Wanken.

Anna N., 77, lebt im Betreuten Wohnen in einer Einrichtung im Landkreis Dachau. Sie leidet unter fortschreitender Demenz, kann nicht mehr alleine einkaufen, selber duschen oder kochen. Nur mit viel Hilfe schafft sie es noch in ihrer kleinen Wohnung. Tochter Petra (alle Namen geändert), 52, hat deshalb warmes Essen geordert, lässt ihre Mutter mehrfach die Woche von der Tagespflege abholen, kommt selbst jedes Wochenende aus München, um einzukaufen, zu putzen, ihrer Mutter die Haare zu waschen. Das Coronavirus hat die Versorgung nun ins Wanken gebracht.

Seit Donnerstag bietet die Einrichtung kein warmes Mittagessen mehr an – Petra N. erfuhr davon nur per Zufall. Auch das gesamte Rahmenprogramm ist abgesagt. Zu gefährlich. Die Tagespflege hat ebenfalls zugemacht. Die 77-Jährige sitzt also Tag für Tag alleine in ihrer Wohnung. Immerhin schickt der Pflegedienst im Haus noch jemanden zur morgendlichen Hygiene vorbei.

Tochter Petra steckt in einem Dilemma. Eigentlich dürfte auch sie nicht mehr kommen, um keinen der über 100 anderen Bewohner zu gefährden. Aber der Pflegedienst habe sie am Telefon fast gebeten, die Mutter weiter zu versorgen. „Die haben gesagt, sie schaffen es selber nicht mehr, könnten nur noch das Nötigste leisten. Besonders schlimm sei es für die Bewohner ohne Angehörige.“ Also steigt Petra N. weiter ins Auto, trägt Mundschutz, hält Abstand. Warmes Essen hat sie über einen anderen Anbieter organisiert. Petra N. sieht keine Alternative, denn ihre Mutter versteht nicht, was gerade passiert.

Es ist ein Beispiel von vielen, in denen das deutsche Pflegesystem gerade seine Schwachstellen aufgezeigt bekommt. Zum einen in den Pflegeeinrichtungen, die an die Grenzen ihrer Kapazitäten stoßen. Vor allem aber auch in den vielen Haushalten, in denen Pflegebedürftige und Angehörige oft größtenteils auf sich selbst gestellt sind. Und die jüngsten Verschärfungen an den Grenzen zu Ländern wie Polen und Tschechien drohen die Situation zu verschlimmern.

Der Verband für häusliche Betreuung und Pflege rechnet damit, „dass ab Ostern 100 000 bis 200 000 Menschen schrittweise nicht mehr versorgt sind“. Denn derzeit seien rund 300 000 osteuropäische Betreuungskräfte in Deutschland tätig, die sich meist um den Haushalt aber oft auch um die pflegerische Betreuung kümmern. Und viele von ihnen sind offenbar im Zuge der Corona-Krise in ihre Heimat ausgereist. „Pflegebedürftige, die bisher von osteuropäischen Haushaltshilfen versorgt wurden, fragen jetzt vermehrt bei unseren Pflegediensten an“, bestätigt unserer Zeitung Bernd Meurer, der Präsident des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste. Und weil 90 Prozent dieser pflegenden Haushaltshilfen schwarz arbeiten und offiziell nicht als Pendler gelten, können sie derzeit auch nicht so einfach nach Deutschland zurückkehren – wenn sie das überhaupt wollen. Die Lage droht sich zuzuspitzen. Der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Bundestag, Erwin Rüddel (CDU), fordert bereits Lohnfortzahlungen für Arbeitnehmer, die sich um Angehörige kümmern müssen, deren Pflegekraft das Land verlassen hat.

„Auch ich bin in gewisser Weise ratlos“, sagt Brigitte Bührlen, die in München die Stiftung pflegender Angehöriger WIR! gegründet hat. „Die Struktur unseres Pflegesystems gibt auf diese Situation keine Antworten.“ Es sei nun einmal die Grundlage der pflegerischen Versorgung in Deutschland, dass sich vor allem die Bevölkerung selbst um ihre Pflegebedürftigen kümmert. Mehr als 70 Prozent werden zuhause versorgt. Und möglich sei das oft nur mit der Unterstützung von Hilfen aus Osteuropa oder ambulanten Pflegediensten. „Das zu hinterfragen, war lange Zeit ein Tabu - aber genau deshalb bekommen wir jetzt ein strukturelles Problem“, sagt Bührlen.

Und zwar nicht nur, wenn Pfleger ausfallen, sondern selbst, wenn sie nicht ausfallen. „Gerade Ältere haben jetzt Angst, dass die ambulanten Pflegekräfte, die jeden Tag vielen Menschen nahe kommen, das Virus überhaupt erst ins Haus bringen könnten.“ Das Dilemma für so viele: „Gleichzeitig können sie auf die professionelle Hilfe nicht verzichten“, sagt Bührlen.

Dazu kommt noch ein anderes Problem: Was, wenn überhaupt niemand von der Not mancher Senioren erfährt? „Es ist an keiner Stelle registriert, in welchen Haushalten hilfsbedürftige ältere Menschen leben“, sagt Bührlen. Was passiert also mit ihnen, wenn die osteuropäische Haushaltshilfe aus Sorge um die eigene Familie die Koffer packt? Das bayerische Gesundheitsministerium betont ebenfalls, dass es aufgrund fehlender Daten keine Möglichkeit gebe, auf die Betroffenen zuzugehen, und empfiehlt ihnen, sich an die Beratung ihrer Pflegekasse oder eine Fachstelle für Pflegende Angehörige zu wenden. Bührlen sagt hingegen: „Die Kommunen müssen diese Haushalte erfassen, auch die Kirchen müssen hier tätig werden.“

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