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Hubert Aiwanger mit Mundschutz, aber nicht schweigend: Der Vize-Ministerpräsident eckt in der CSU an.

Koalitionsgezänk in Bayern

Nach umstrittenem Vorschlag zur „Mini-Wiesn“: CSU mit scharfer Kritik an Aiwanger

  • Christian Deutschländer
    vonChristian Deutschländer
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Mit seinem Vorstoß, ein kleines Ersatz-Oktoberfest zu planen, sorgt Wirtschaftsminister HUbert Aiwanger für Ärger beim großen Koalitionspartner CSU. 

  • Bayern ist besonders vom Coronavirus betroffen.
  • In München wurde jetzt auch das Oktoberfest abgesagt.
  • Der bayerische Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger hat auf seinen Vorschlag, eine „Mini-Wiesn“ zu veranstalten, Kritik von Seiten der CSU bekommen.

München – Beim Starkbierfest in Ismaning am 7. März war Hubert Aiwanger wahrscheinlich noch nicht auf Höhe der Zeit. Er war Promi-Gast, die Corona-Krise lief gerade mit Schwung an. 

Emsig händeschüttelnd zog er ins Zelt ein. „Gut, dass Sie das Fest nicht abgesagt haben“, rief er den Organisatoren von der Bühne aus zu und lobte ihren Mut. Starkbierfeste seien „der natürliche Feind des Coronavirus“, verkündete er, so berichten lokale Journalisten. 

Wenige Wochen später ist klar: Das war Unfug. Alle Beteiligten sind klüger. Bierfeste erwiesen sich als übelster Infektionsherd, viele Fest-Orte gerade in Süd- und Ostbayern sind jetzt die dunkelsten Corona-Hotspots mit den höchsten Ansteckungs- und Totenzahlen. 

„Bayerns fatale Liebe zum Starkbier“, titelte der „Spiegel“ diese Tage. Aiwanger, das macht ihn sympathisch, haut lieber einen flotten Spruch raus als eine von fünf Pressesprechern gedrechselte Verlautbarung. Über manches kann man bei ihm deshalb hinweghören. Jetzt muss man aber doch an seinen Starkbier-Auftritt zurückdenken. 

Coronavirus in Bayern: Wirtschaftsminister Aiwanger sorgt für Ärger

Der Wirtschaftsminister sorgt erneut mit Fest-Zitaten für Ärger. Via Bild verlangt der Freie-Wähler-Chef eine Ersatz-Wiesn mit weniger Tischen und mehr Abstand. Man müsse sich „unbedingt jetzt darüber den Kopf zerbrechen“. Wenn sich die Lage in den nächsten Wochen entspanne, „wäre es fatal zu sagen, die Wiesn ist ersatzlos gestorben“.

Wohl erst 2021 wieder: volle Maßkrüge auf der Wiesn in München.

Dazu muss man wissen: Ein paar Stunden zuvor hatte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) mit trauriger Stimme die Absage des Oktoberfests verkündet – komplett. „Irgendwelche Kleinfeste und halbe Alternativen bringen nichts“, sagte Söder. Aiwanger stellt das nun gezielt infrage

Nach Oktoberfest-Absage wegen Corona: CSU sauer auf Aiwanger

Der Vize-Ministerpräsident hinterfragt Söders Kurs nicht zum ersten Mal. Seit Wochen spitzt sich in der Koalition aus CSU und Freien Wählern die Lage zu. Stets fordern Aiwanger, seine Partei oder seine Fraktion einen lockereren Kurs als Söder; zuletzt am Sonntag mit einem Positionspapier für eine schnelle Öffnung aller Läden und Wirtshäuser

Auch bei Sportvereinen fordern sie eine zügige Lockerung. Das Knirschen in der Koalition ist unüberhörbar. Aiwangers Abgeordnete wehren sich sogar gegen Pläne der anderen Fraktionen, auf die Diätenerhöhung im Juli zu verzichten. Die Freien Wähler wollen wohl Söders dominantem Auftreten etwas entgegensetzen

Corona in Bayern: Kriselt es zwischen den Koalitionspartnern?

Gibt es eine heimliche Aufgabenteilung – Söder punktet mit strikter Linie, Aiwanger fängt Wähler auf, denen die Einschnitte zu groß sind? In der CSU wird das energisch dementiert. Aiwanger handle auf eigene Rechnung. 

Dabei hatte der Niederbayer eigentlich in der Corona-Krise in eine aktive Rolle gefunden: Er eilte durchs Land und räumte Betrieben, die auf Maskenproduktion umschalten, persönlich Hindernisse aus dem Weg, bürokratische und praktische. Sein hemdsärmeliges Auftreten wirkte im Vorjahr, als Bayerns großes Hightech-Programm auszutüfteln war und Söder allein die Führung übernahm, noch provinziell – jetzt kam es als zupackend an. 

Allmählich wird es der CSU aber zu bunt mit dem wortgewaltigen Partner. Die Wiesn-Idee wird von den Christsozialen nun schroff abgelehnt. „Die ganze Welt schaut in Sachen Oktoberfest auf uns, und bei uns beginnt man einen Diskussion darüber, wie wir aus der Wiesn eine Verlegenheitslösung kreieren“, schimpft Finanzminister Albert Füracker (CSU) gegenüber unserer Redaktion. Die Absage sei niemandem leicht gefallen.

„Da gilt es jetzt solidarisch zu sein und den Verantwortlichen nicht in den Rücken zu fallen.“ Er könne „nur an alle, die in politischer Verantwortung stehen, appellieren, jetzt durch Sacharbeit ihre jeweiligen Themen bestmöglich zu lösen und so zur Krisenbewältigung beizutragen“.

Nach Aiwanger Vorschlag zur „Mini-Wiesn“: Scharfe Worte von CSU-Spitzenpolitiker

Der CSU-Sozialpolitiker Thomas Huber sagt, auch bei einer „kleinen“ Wiesn sei die Situation in Corona-Zeiten unbeherrschbar, es drohten neue Virenschleudern. Der Landtagsabgeordnete erinnert: „Deswegen werden aktuell richtigerweise auch reihenweise Volksfeste mit kleinen Zelten, Trachten- und Schützenfeste abgesagt, die sicherlich noch kleiner wären als eine kleine Ersatz-Wiesn

Wie erklärt das der Wirtschaftsminister den kleinen Familienbrauereien auf dem Land und aktuell den Gastronomen?“ Huber fordert mehr Disziplin von Aiwanger. „Mit Verlaub: Von einem stellvertretenden Ministerpräsidenten erwarte ich mir mehr Verantwortungsbewusstsein.“

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