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Merkels Regierung schlecht beraten? Kekulé sieht Corona-„Katastrophe“ - und warnt vor „fatalem Scheitern“

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Von: Florian Naumann

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Elf Jahre lang hat Alexander Kekulé die Bundesregierung in der „Schutzkommission“ beraten - bis 2015.
Elf Jahre lang hat Alexander Kekulé die Bundesregierung in der „Schutzkommission“ beraten - bis 2015. © imago stock&people/Metodi Popow

Ist die Bundesregierung schlecht beraten? Virologe Alexander Kekulé geht hart mit der Corona-Politik ins Gericht - und scheint dabei auch Deutschland im Blick zu haben.

Berlin/München - Eigentlich hätte am Montag (25. Januar) wieder ein Corona-Gipfel von Bund und Ländern stattfinden sollen. Doch Kanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten haben die Gespräche vorgezogen - mit bekanntem Ausgang. Über Schul-Lockerungen und „Zero-Covid“-Pläne wird dennoch weiter heftig gestritten.

Mit einer recht deutlichen Politik-Schelte hat sich nun nach anderen Kollegen auch wieder der bekannte Virologe Alexander Kekulé zu Wort gemeldet. Seine Äußerung könnte in eine aktuelle Debatte passen: Nach dem jüngsten Gipfel hatten auch mehrere Politiker eine einseitige Auswahl von Beratern beklagt.

Kekulé kritisiert Merkels Regierung: Virologe erweitert Kritik in neuem Beitrag

Erst vor einigen Tagen hatte der Arzt im Gespräch mit dem Münchner Merkur Kritik geäußert. „Der Lockdown wird über das Land gestülpt – in der Hoffnung, dass das Virus unterdrückt wird. Das Problem ist: Der Betondeckel ist nicht ganz dicht“, sagte er. Zugleich forderte Kekulé klare Regeln für das Arbeitsleben und „Fieber-Hotels“ statt Heimquarantäne für symptomlos an Corona Erkrankte.

Nun hat der Experte seine Schelte verallgemeinert. Kekulés Vorwurf: Politiker der demokratischen Staaten seien im Laufe der Pandemie teils schlecht beraten gewesen - und verfügten womöglich über zu geringe Sachkenntnisse in Fragen der Naturwissenschaften. Der Mediziner beschränkte seine Kritik allerdings explizit nicht nur auf Deutschland. Eine durchaus brisante Kritik: Kekulé hatte selbst ab 2003 die Bundesregierung in der „Schutzkommission“ beraten - das Gremium wurde allerdings 2015 abgeschafft, also unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU).

„Wer sich an die Empfehlung des bequemsten Beraters klammert, auf das Prinzip Hoffnung setzt oder alternative facts zur Grundlage seines Handelns macht, mag damit sein politisches Überleben sichern und wissenschaftlich unbedarfte Wähler beeindrucken – im Kampf gegen die Naturgewalten wird er jedoch fatal scheitern“, schrieb Kekulé nun in einem Gastbeitrag für die Webseite Focus Online.

Kekulé rechnet mit deutscher Politik ab: „Empörte Ablehnung“

Kekulé gab in dem Text deutlich zu verstehen, auch er sei zu Beginn der Corona-Krise in Deutschland missachtet worden. Sein Vorschlag, „die in Deutschland beginnende Epidemie durch eine zweiwöchige Aussetzung von Großveranstaltungen, Schließung der Schulen und einem Aufruf zur Kontaktreduktion zu unterbrechen“ sei auf empörte Ablehnung gestoßen.

In den Augen des Experten ein schwerer Fehler mit nachhaltigen Folgen: Sars-Cov2 sei in seinen Übertragungswegen identisch mit dem 2003 in nur sechs Monaten unter Kontrolle gebrachten Sars-Virus. Dennoch sei die Lage außer Kontrolle geraten. Mittlerweile sei auch die Situation in Deutschland „katastrophal“.

Corona-Schelte von Kekulé: „Gegen China den Kürzeren gezogen“ - Klare Forderung an die Politik

Volksvertreter sollten naturwissenschaftliche Wissenslücken „nachbüffeln“, forderte Kekulé - dann könnten sie die Argumente ihrer Berater nachvollziehen und auf Plausibilität prüfen. Offene Kritik an den Regelungen und Kurswechseln der Bundesregierung schien sich in einer weiteren Passage zu finden:

Seuchen und andere Herausforderungen - wie etwa der Klimawandel - seien für offene Gesellschaften nur zu meistern, „wenn ihre gewählten Volksvertreter einschneidende Maßnahmen schlüssig begründen und die Bürger dies auch nachvollziehen können“, schrieb der Experte. In der Corona-Pandemie hätten hingegen Demokratien beispielsweise gegen China „den Kürzeren gezogen“. Kekulé gilt als Gegner eines strikten Lockdowns als Hauptmaßnahme gegen Corona. Das machte er kürzlich auch in einem ARD-Talk deutlich.

Allerdings hatte Kekulé auch eine Forderung an seine Berufskollegen parat: „Die Experten müssen umgekehrt lernen, ihre Erkenntnisse in interdisziplinäre Zusammenhänge zu stellen und in eine öffentlichkeitstaugliche Sprache zu übersetzen“, erklärte er. Den Bürger müsse es ermöglicht werden, wissenschaftliche Debatten genauso nachzuvollziehen, wie „die Spieltaktik der favorisierten Fußballmannschaft“. (fn)

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