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In der Kritik: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder.

Wegen Corona-Politik

Weltärztepräsident urteilt heftig über Söders Politik: „Bayern steht am schlechtesten da“

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Ministerpräsident Markus Söder hält eine Maskenpflicht für unumgänglich. In den Augen von Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery liegt der CSU-Chef falsch – nicht nur mit dieser Einschätzung.

  • Wird die Coronavirus-Pandemie bald mit einer Maskenpflicht bekämpft?
  • Das Thema spaltet die Gemüter, Markus Söder hat eine Einführung angekündigt.
  • Kritik erhält Bayerns Ministerpräsident vom Weltärztepräsident.

Herr Montgomery, tragen Sie privat eine Atemschutzmaske?

Ja. Meine Frau hat mir eine Maske genäht. Ich trage sie, wenn ich ins Geschäft gehe, oder auf den Wochenmarkt. Nicht, wenn ich joggen gehe. Ich trage sie aus Solidarität mit anderen, nicht weil ich denke, sie würde mich schützen.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hat eine Maskenpflicht angekündigt, unklar sei nur wann.

Weltärztepräsident  Frank Ulrich Montgomery

Davon halte ich nichts. Es gibt nicht einen wissenschaftlichen Beweis, dass Masken an der Ausbreitung dieser Krankheit etwas ändern. Wenn sie nicht ausreichend desinfiziert werden, können sie das Virus sogar noch konzentrieren. Man kann zudem nicht die Bürger zwingen, Masken zu tragen, solange es nicht wirklich für alle welche gibt. Die vorhandenen Masken brauchen wir aber für das medizinische Personal. Und wenn man den Menschen sagt, sie sollen jetzt ihre privaten Schals benutzen, dann wird es lächerlich.

Liegt Söder auch in anderen Fragen falsch?

Seine Politik der harten Hand führt offensichtlich nicht zum Erfolg. Bayern steht bei den Infektionszahlen von allen Ländern am schlechtesten da. Es hat auch die höchste Sterbequote und die niedrigste Verdopplungszeit bei den Infektionen – das ist in diesem Fall schlecht. Dass Herr Söder da Ängste entwickelt, kann ich nachvollziehen. Es hilft aber nichts, das Denken auszuschalten. Wir brauchen Vernunft, keine dramatischen Aktionen.

Video: Coronavirus - Mangelware Atemschutz aus Handarbeit

Maßnahmen in der Coronavirus-Krise: „Sonst gerät die Situation aus den Fugen“

Natürlich hängt die starke bayerische Betroffenheit auch mit der Nähe zu Österreich und Südtirol zusammen. Was empfehlen Sie?

Ich glaube, dass es sehr viel klüger ist, die Menschen mitzunehmen und mit ihnen zu reden. Es funktioniert ja in anderen Ländern genau so. Hier in Berlin halten sich die Leute trotz des schönen Wetters an die Abstandsregeln, in den Geschäften tragen viele Masken – auch ohne dieses nach außen vorgetragene Auftreten als harter Mann.

Kann man sich wirklich auf Freiwilligkeit verlassen?

Wir wollen die Kurve flach halten – was sehr gut ist. Ich habe auch nichts gegen Handyortungen, wenn das freiwillig geschieht. Aber je länger wir den Menschen Maßnahmen wie Kontakteinschränkungen aufbürden, desto problematischer wird ihre individuelle Situation – vor allem für alte und einsame Menschen, aber selbst in Familien. Da muss man in bestimmtem Umfang Freiheiten zulassen, sonst gerät die Situation aus den Fugen und der Konsens in der Gesellschaft geht verloren.

Wie lange werden wir noch mit Einschränkungen leben müssen?

Das wird bis ins nächste Jahr hineingehen. Am Ende werden wir versuchen müssen, alle gegen das Virus immun zu werden. Für 85 Prozent der Bevölkerung ist das problemlos möglich. Die anderen, die Gefährdeten, müssen wir schützen, bis wir sie impfen können. Einen Impfstoff wird es aber wohl erst Anfang bis Mitte 2021 geben – und auch nicht gleich für alle 400 Millionen EU-Bürger.

Nur die Corona-Gefährdeten isolieren? „Das wird noch spannend“

Müssen also alte oder kranke Menschen so lange isoliert leben?

Bisher mussten immer die Infektionsträger in Quarantäne, damit sie niemanden anstecken. Nun sprechen wir davon, nur die Gefährdeten zu isolieren. Eine solche Umkehrung werden wir aber mit diesen Menschen diskutieren müssen. Gesetzlich zwingen kann man sie nicht. Das wird noch spannend. Dazu kommt: Je mehr und je schneller wir Kontakte unter den anderen wieder zulassen, desto problematischer wird es für diese Menschen.

Zumal auch Pflegekräfte oder Ärzte das Virus in genau diese Haushalte tragen könnten.

Richtig. Und damit sind wir auch wieder bei den Atemschutzmasken. Die dürfen eben nicht an Menschen gehen, die mal schnell etwas einkaufen wollen. Sondern sie müssen reserviert werden für Pflegepersonal, Ärzte, Menschen in Krankenhäusern und auch pflegende Angehörige.

Wie lange müssen die Schulen noch geschlossen bleiben?

Ich war immer gegen flächendeckende Schulschließungen. Denn das Problem ist: Wie macht man sie wieder auf? Ich glaube, das kann noch dauern. Das Virus kennt keine Osterferien.

Interview: Sebastian Horsch

Da Coronavirus beschäftigt auch die bayerische Staatsregierung weiter. Am Samstagabend hält Ministerpräsident Markus Söder seine Osteransprache zur Lage in der Pandemie.

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