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Für den Notfall: Feldbetten stehen – wie auf diesem Bild aus Koblenz – auch in bayerischen Turnhallen.

Coronakrise

Bayerns Kliniken vor dem Sturm

  • Sebastian Horsch
    vonSebastian Horsch
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Wenn die Corona-Epidemie voll in Bayern ankommt, stehen die Krankenhäuser und Pflegeheime im Feuer. Derzeit fehlt es vor allem an Schutzkleidung. Doch für die Pflegekräfte gibt es auch gute Nachrichten.

Christian Bernreiter (CSU) ist, was Katastrophen anbelangt, nicht unerfahren. Während des Jahrhunderthochwassers 2013 erlebte der Deggendorfer Landrat und Präsident des bayerischen Landkreistags, wie Menschen ihre Häuser verloren und plötzlich aus Lebensgefahr gerettet werden mussten, weil sie die Lage unterschätzt hatten. Bernreiter selbst rief damals den Katastrophenfall aus. Heute steht er wieder einer Krise gegenüber – womöglich einer noch gefährlicheren. „Das Hochwasser sieht man kommen“, sagt der Landrat. Das Virus hingegen schleicht sich still unter uns, bis es plötzlich in all seiner Wucht sichtbar wird. „Das ist unser Dilemma“, sagt Bernreiter.

Wie bereitet man sich auf so etwas vor? Die Katastrophenstäbe laufen, Turnhallen werden mit Feldbetten gefüllt (siehe Bayernteil). „Jeder muss seinen Landkreis jetzt aufstellen“, sagt Bernreiter.

Dazu gehören besonders auch die Krankenhäuser, von denen viele in Bayern unter kommunaler Führung sind. Dass die Kliniken im Freistaat bereits für die Hochphase der Epidemie gewappnet seien, will Siegfried Hasenbein nicht behaupten. „Dafür ist noch zu viel zu tun und zu vieles offen“, sagt der Chef der Bayerischen Krankenhausgesellschaft (BKG) unserer Zeitung. Zudem sei es ja nicht so, dass es plötzlich keine anderen Krankheiten mehr gebe. „Wir haben weiter Herzinfarkte, Schlaganfälle und Diabetes-Erkrankungen“, sagt Hasenbein.

Bayern produziert jetzt selbst Atemschutzmasken

Eines der derzeit drängendsten Probleme werde wohl darin liegen, das Klinikpersonal vor dem Virus zu schützen. Hasenbein rechnet damit, dass der Anstieg an Corona-Patienten mit schwereren Symptomen in den nächsten Tagen beginnen und dann auch steil verlaufen könne: „Genau kann das aber niemand kalkulieren.“ Allerdings kenne er Häuser, deren Vorrat an Atemschutzmasken nur noch für fünf oder sechs Tage ausreiche. Die internationalen Lieferwege funktionieren hier nicht mehr. Für die wenigen Masken, die es noch gibt, wird teils das 25-fache des Normalpreises verlangt.

Zwar hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) eine Lieferung von zehn Millionen Atemschutzmasken für das Gesundheitswesen in Deutschland angekündigt. Wann genau und in welcher Anzahl die erste Tranche des aus Berlin versprochenen Nachschubs in Bayern eintreffe, habe ihm das bayerische Gesundheitsministerium aber bisher nicht sagen können, sagt Hasenbein.

Joachim Görtz, der als Leiter der Landesgeschäftsstelle des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) viele Pflegeheime vertritt, hat am Freitagabend hingegen neue Informationen. In den nächsten Tagen solle eine recht hohe Zahl an neuen Masken in Bayern zur Verfügung stehen, hat Görtz „aus sicherer Quelle“ erfahren. Die Verteilung solle über die Landratsämter laufen.

Künftig gibt es Kinderbetreuung für alle Pflegekräfte

Zudem will Bayern den Mangel mit Hilfe heimischer Produktion überwinden. Der Freistaat hat an mehrere Firmen Aufträge vergeben, ab sofort sollen etwa 10 000 Masken am Tag hergestellt und ausgeliefert werden. „Die Kapazität soll so schnell wie möglich erhöht werden“, sagt Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler). Er habe selbst einen Automobilzulieferer besucht, der bislang Sitzbezüge hergestellt hat und nun – angesichts leerer Auftragsbücher – auf die Produktion von Atemmasken umstelle, erzählt Aiwanger. Selbst Bettwäsche für Notkliniken wolle Bayern jetzt selbst herstellen.

„Um die ersten Löcher zu stopfen, wird das aber zu spät kommen“, sagt Hasenbein. Mit Blick auf eine mehrwöchige oder mehrmonatige Corona-Phase sei diese Maßnahme jedoch zu begrüßen.

Auch Görtz hat Lob für die Staatsregierung übrig. Zum einen, weil sie nun offenbar schnell an neue Masken komme. Zum anderen, weil sie auch der Forderung des bpa nachgekommen sei und künftig für alle Pflegekräfte Kinderbetreuung zur Verfügung stelle, statt wie bisher nur für alleinstehende Pflegekräfte und Eltern, die beide in der Pflege arbeiten. Das sei „vorbildlich“, und „ein klares Signal an die Pflegekräfte“, sagt Görtz.

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