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Vier Mythen - Warum Corona die Welt vielleicht gar nicht verändern wird

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Von: Foreign Policy

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Pandemien bringen nicht immer großen Wandel. Besorgniserregende Trends könnten sich beschleunigen. Aber das Ende der liberalen Demokratie naht wohl nicht, schreibt der renommierte Politologe Joseph S. Nye.

Washington - Wie wird die Covid-19-Pandemie die Weltordnung neu gestalten? Die ehrliche Antwort lautet, dass das niemand weiß. Zu diesem Zeitpunkt gibt es viele mögliche Zukunftsszenarien. Das Beste, was politische Entscheidungsträger tun können, ist, ihr Denken blockierende Mythen zu umgehen, und Alternativen zu eruieren, die ihnen helfen, sich auf die wichtigsten Fragen zu konzentrieren. Manchmal kommt es zu Fehleinschätzungen, aber es ist durchaus sinnvoll, politisches Denken so zu strukturieren, dass politische Entscheider sowohl aus Fehlern als aus Erfolgen lernen können.

Bei der Folgenbewertung der derzeitigen Pandemie muss man zunächst Demut vor all dem beweisen, was man noch nicht weiß. Das Coronavirus ist neu. Wissenschaftler sind noch immer dabei, es biologisch und epidemiologisch zu untersuchen. Weder ist bekannt, wie lange es grassieren wird, noch weiß man, zu welchem Zeitpunkt oder in welcher Form es möglicherweise wieder auftritt. Unklar ist auch, ob — oder wie lange — es wirksame Impfstoffe geben wird oder wie sie weltweit verteilt werden.

Das Ausmaß und die Dauer der von der Pandemie ausgelösten wirtschaftlichen Verwerfungen sind unbekannt, aber die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft dürften länger anhalten. Eine schwere wirtschaftliche Depression hat aller Wahrscheinlichkeit nach gravierende Auswirkungen auf die Politik. Aber alle Einschätzungen im Hinblick auf eine wirtschaftliche Erholung werden erschwert durch die Abhängigkeit der Volkswirtschaften von unserer nicht vorhersehbaren menschlichen Fähigkeit, das Virus zu kontrollieren.

Die Geschichte kann dabei ein nützlicher Ratgeber sein, sie kann aber auch auf den Holzweg führen.

Coronavirus: Was können wir aus der Geschichte lernen?

Man hat schon oft gehört, dass frühere Pandemien einen Wendepunkt eingeleitet haben. Historiker weisen darauf hin, dass das perikleische Athen so stark von der Seuche geschwächt war, dass es im Peloponnesischem Krieg gegen Sparta verlor, oder dass die Pandemie im 14. Jahrhundert, der mindestens ein Drittel der europäischen Bevölkerung zum Opfer fiel, dem Ende des Feudalismus den Weg ebnete.

Vor einhundert Jahren tötete die Spanische Grippe schätzungsweise 50 Millionen Menschen (darunter 600.000 US-Amerikaner) — das sind mehr als doppelt so viele Todesopfer, wie im Ersten Weltkrieg zu beklagen waren. Virale Mutationen dieser Pandemie gibt es bis heute, aber die meisten Historiker machen den Krieg und seine Nachwirkungen für die einschneidenden geopolitischen Veränderungen der nachfolgenden Jahrzehnte, wie das Aufkommen des Kommunismus und des Faschismus, verantwortlich und nicht die Pandemie.

Die Spanische Grippe trug vielleicht zu kulturellen Veränderungen bei, wie zum Beispiel den aufkommenden Nihilismus der 20er-Jahre. Aber die Soldaten, die in französischen Schützengräben kämpften und ihr Leben ließen, hatten womöglich den größeren Einfluss. Obwohl die Pandemie mehr Menschenleben kostete, wurden ihre Folgen von den Auswirkungen des Krieges überschattet. Hinzu kam noch die Kriegszensur der Regierungen in Bezug auf die von der Pandemie verursachten Todesfälle. Deshalb ist es wichtig, sich von bestimmten Mythen über die derzeitige Pandemie zu befreien.

Was kommt nach Corona: Mythos #1 - Pandemien sind stets große Wendepunkte

Der erste Mythos, den es zu entkräften gilt, ist die Vorstellung, dass Pandemien immer mit Veränderungen einhergehende, historische Wendepunkte darstellen. Manchmal ist dies so, manchmal aber auch nicht. Menschen neigen dazu, anzunehmen, dass große Ursachen auch große Wirkungen hervorbringen. Aber das Beispiel von 1918 zeigt auf, das dies zu einfach gedacht ist. Covid-19 ist ein einschneidendes Ereignis, das jedoch noch keine Rückschlüsse auf Ausmaß und Natur seiner Auswirkungen zulässt.

Und auch wenn die Pandemie in erheblichem Maße die Innenpolitik der Vereinigten Staaten beeinflusst, werden nicht alle Auswirkungen einen geopolitischen Wandel herbeiführen. Das Coronavirus hat bereits tiefgreifende Auswirkungen darauf, wie wir leben, arbeiten, und auf unsere Mobilität. Es ist wahrscheinlich, dass es langfristige Folgen für den Arbeitsmarkt, die Standorte wirtschaftlicher Aktivitäten, die Bildung und für das soziale Miteinander hat. Es hat mangelhafte Gesundheitssysteme und seine Ungleichheit offengelegt. Sollten diese sozialen Veränderungen die Polarisierung, das Chaos oder die Lähmung in der Politik verstärken, würde das die US-amerikanische Außen- und Geopolitik beeinflussen. Die sozialen Veränderungen könnten aber auch zu innenpolitischen Reformen führen, ohne dass die Außenpolitik davon überhaupt berührt wird.

Corona und die Folgen: Mythos #2 - das Ende der Globalisierung kommt wohl nicht

Ein zweiter Mythos, der eine sorgfältige Analyse möglicherweise verhindert, ist die vielfach dargestellte Meinung, dass Covid-19 das Ende der Ära der Globalisierung, die nach dem Zweiten Weltkrieg Einzug hielt, einläuten wird. Die Globalisierung — oder wechselseitige Abhängigkeit über alle Kontinente hinweg — ist teilweise auf Veränderungen im Transportwesen und in der Kommunikationstechnologie zurückzuführen, die wohl immer weiter fortschreiten werden. Die Art des Reisens und der Kommunikation verändert sich vielleicht, aber es wird kein Stillstand eintreten. Der Flugverkehr nimmt vielleicht ab, aber die Welt wird keine virtuelle werden.

Einige Aspekte der wirtschaftlichen Globalisierung, wie etwa der Handel, werden vielleicht eingeschränkt, was für andere Aspekte, zum Beispiel die Finanzflüsse, weniger gelten mag. Und es ist wichtig, zwischen wirtschaftlicher und ökologischer Globalisierung zu unterscheiden. Während wirtschaftliche Globalisierung von Gesetzen der Regierungen beeinflusst wird, werden ökologische Aspekte der Globalisierung, wie beispielsweise der Klimawandel, eher von physikalischen Gesetzen bestimmt.

Mauern, Wände und Zölle halten keine länderübergreifenden ökologischen Folgen auf, Reisebeschränkungen und eine anhaltende wirtschaftliche Stagnation könnten den Eintritt dieser jedoch hinauszögern.

Die Auswirkungen der Pandemie auf die soziale Globalisierung sind ebenfalls nicht abzusehen. Wenn die Pandemie überwunden ist, könnte die legale Immigration zurückgehen, aber illegale Immigration, zum Beispiel über die Mittelmeer-Route, hängt möglicherweise eher mit der Klimaveränderung in der Sahelzone als mit der Covid-19-Pandemie zusammen. Auch mit strengen Grenzkontrollen werden illegale Menschenströme weiter zunehmen, sollten ihre Heimatländer unbewohnbar werden.

An dieser Stelle wird es wahrscheinlich, dass einige wirtschaftliche Lieferketten, die im Zusammenhang mit nationaler Sicherheit stehen, regionalisiert werden, und Sicherheitsbedenken könnten Unternehmen und Regierungen dazu veranlassen, bei der Vorratshaltung weniger das „Just-in-Time“- als vielmehr das „Just-in-Case“-Konzept anzuwenden. Abgesehen von einem Krieg ist es unwahrscheinlich, dass diese Sicherheitsanpassungen die globalen Lieferketten sprengen oder den internationalen Handel zum Erliegen bringen. Und selbst wenn, würde dadurch die globale ökologische wechselseitige Abhängigkeit nicht beendet werden oder der Strom von Klimaflüchtlingen aufgrund von Naturkatastrophen nicht abreißen.

Coronavirus mit schweren Auswirkungen? Mythos #3 - Pandemie als Sargnagel für liberale Demokratie

Ein dritter Mythos besteht in der weitverbreiteten Annahme, Covid-19 läute das Ende der liberalen Demokratie und den Aufstieg von autoritären politischen Systemen ein, die drakonische Tests, Quarantäne- und Isolationsmaßnahmen auferlegen können. Manchmal wird diese Meinung noch durch das Beispiel Chinas untermauert, wo die Ausbreitung des Virus — nach katastrophalem Beginn — im Gegensatz zum Versagen der Vereinigten Staaten erfolgreich unter Kontrolle gebracht werden konnte. Aber man sollte keine verallgemeinernden Aussagen treffen in Bezug auf zwei Länder, die von sehr „speziellen“ Politikern angeführt werden.

Demokratien wie Deutschland und Neuseeland schnitten besser ab als Autokratien wie Russland. Und innerhalb der Demokratien waren Länder mit pragmatischen Führern, wie Deutschland unter Angela Merkel, erfolgreicher als Länder, die von Politikern mit autoritären Tendenzen, wie Brasilien unter Bolsonaro, regiert werden.

Es stimmt, dass illiberale Populisten wie Viktor Orbán in Ungarn die öffentliche Gesundheitskrise benutzt haben, um ihren autoritären Einfluss zu verstärken. Aber wäre nicht das Coronavirus gewesen, hätten sie wahrscheinlich einen anderen Vorwand dafür gefunden. Gleichzeitig sorgen sich Datenschutzexperten, dass Contact-Tracing-Apps den Überwachungsstaat heraufbeschwören könnten. Doch die von ihnen zu Recht befürchtete Bedrohung des Datenschutzes gab es schon vor der Pandemie und sie wird auch danach noch fortbestehen. Allenfalls könnte die Pandemie vorhandene Entwicklungen verstärken.

Auf der anderen Seite könnten durch eine länger andauernde Wirtschaftskrise in einigen Schwellenländern die Bedingungen für eine demokratische Staatsführung untergraben werden. Afrikanische Staaten wie Äthiopien und Burundi haben Covid-19 schon als Vorwand benutzt, um geplante Wahlen zu verschieben oder zu behindern. Die Tendenz, nach der die Anzahl der Demokratien im Rückgang begriffen ist, war schon vor Covid-19 vorhanden, wurde aber möglicherweise durch die Pandemie noch etwas verstärkt.

Was folgt nach Corona? Mythos #4 - China ist jetzt dauerhaft im Vorteil

Der vierte Mythos bezieht sich darauf, dass die Pandemie China mit seiner Soft-Power-Politik einen langfristigen Vorteil gegenüber den Vereinigten Staaten verschafft hat. Manche glauben, dass sich China 2020 durch die Rückerlangung einer positiven Wirtschaftswachstumsrate von plus 2,5 Prozent — im Gegensatz zum negativen Wirtschaftswachstum der Vereinigten Staaten von wahrscheinlich minus 4 Prozent — und durch seine Soft-Power-Offensive für eine wirtschaftliche und medizinische Unterstützung anderer Länder in ein positives Licht rücken konnte, und es hat damit seinen Ruf für das kommende Jahrzehnt verändert hat. Im Hinblick auf 2030 sollte man jedoch bei der Übertragung von kurzfristigen Trends vorsichtig sein.

Die US-amerikanische Unfähigkeit, darauf zu reagieren, wird wiederum Amerikas Soft-Power-Politik schaden, was sich bei abnehmender Zustimmung zur Trump-Administration in Meinungsumfragen 2017 schon zeigte. Die inkonsequente Pandemie-Politik des Präsidenten, sowohl vor als auch nach seiner Virusinfektion, verstärkte die abnehmende Tendenz nur. Aber solche Trends haben sich in der Vergangenheit auch umgekehrt. So haben die Vereinigten Staaten ihre Soft-Power-Politik, als sich diese im Vietnamkrieg auf einem Tiefpunkt befand, in darauf folgenden Jahrzehnten wieder aufnehmen können. China hat Hilfe bereitgestellt, Statistiken für politische Zwecke manipuliert und heftige Propaganda betrieben — alles mit dem Versuch, die frühen Versäumnisse zu verschleiern und seine Antwort auf die Pandemie in einem guten Licht dastehen zu lassen.

Ein kleiner Junge sitzt inmitten einer Kunstinstallation in einem Pekinger Einkaufszentrum
Ein kleiner Junge sitzt inmitten einer Kunstinstallation in einem Pekinger Einkaufszentrum - China hat Covid-19 offenbar fast schon besiegt. © Andy Wong/AP/dpa

Aber wenn es um Soft-Power-Politik geht, befindet sich China einer geschwächten Ausgangsposition. Peking hat sich selbst Hindernisse in den Weg gelegt, indem es territoriale Konflikte mit benachbarten Ländern verschärft, und durch seine repressiven Parteikontrollen stur verhindert, dass die gesamte Talentvielfalt der Zivilgesellschaft ausgeschöpft werden kann, wie es in Demokratien möglich ist. Als China zu Beginn des Corona-Ausbruchs eine Zensur gegen Ärzte verhängt hat, ist dies sowohl im Land als auch im Ausland im Gedächtnis geblieben. Es ist nicht überraschend, dass in den weltweiten Meinungsumfragen Chinas Soft-Power-Politik einen unteren Rang einnimmt. Es ist schwierig, freundliche „Masken-Politik“ mit nationalistischer „Wolf-Warrior-Diplomatie“ und gleichzeitig die politische Unterdrückung in Xinjiang und Hongkong miteinander in Verbindung zu bringen.

Corona wird nicht alles verändern - negative Veränderungen sind trotzdem möglich

Wenn man mit diesen Mythen aufräumt, erhöht dies nicht unbedingt die Wahrscheinlichkeit, dass eine geopolitische Kontinuität gewährleistet ist. Sowohl Kriege, ein Zusammenbruch der Demokratie in bestimmten Ländern als auch eine noch gefährlichere Pandemie, dies alles könnte unkontrollierbare Folgen nach sich ziehen. Die Geschichte ist voll von politischen Fehleinschätzungen und Überraschungen — siehe August 1914, als die Großmächte sich auf einen dritten Balkankrieg einstellten, aus dem die Truppen bis Weihnachten desselben Jahres zurückerwartet wurden. Stattdessen mussten vier grauenvolle Kriegsjahre und der Niedergang von vier Kaiserreichen miterlebt werden.

Sollte sich eine Theorie der Kontinuität als falsch herausstellen, dann liegt es aus heutiger Sicht wahrscheinlich nicht an der Covid-19-Pandemie, genauso wenig, wie man die Ursachen der Katastrophen in den 30er-Jahren auf die Spanische Grippe zurückführen kann. In der Geopolitik haben große Ursachen — wie unangenehm sie auch sind — nicht immer große Wirkungen.

Joseph S. Nye, Jr.

Joseph S. Nye, Jr. ist Professor an der Harvard University, ehemaliger Vorsitzender des National Intelligence Council und Autor von „Do Morals Matter? Presidents and Foreign Policy From FDR to Trump“

Dieser Artikel war zuerst am 9 Oktober 2020 in englischer Sprache im Magazin „ForeignPolicy.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern von Merkur.de zur Verfügung.

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