Boris Johnson steht hinter einem Fußball, auf dem ein Fuß ruht und hebt die Hände beschwörend
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Gibt sich gerne volksnah: Der britische Premier Boris Johnson ist in der Corona-Krise ein gutes Lehrbeispiel für Staatsoberhäupter.

Dementi fruchtet nicht

„Leichen, zu Tausenden getürmt“ statt Lockdown: Johnson intern „isoliert“? Insider zeichnen düsteres Bild

  • Florian Naumann
    vonFlorian Naumann
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  • Marcus Giebel
    Marcus Giebel
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Welche Einschränkungen verträgt die Gesellschaft? Diese Frage treibt die Politik während der Corona-Pandemie um. Boris Johnson soll seine Präferenzen mit einem drastischen Satz verdeutlicht haben.

Update vom 27. April, 11.15 Uhr: Der Druck auf den britischen Premierminister Boris Johnson wegen einer angeblich pietätlosen Äußerung zu Toten in der Corona-Pandemie wächst. Der Regierungschef, der am Dienstag eine Kabinettssitzung leitete, soll im vergangenen Herbst gesagt haben, er nehme lieber in Kauf, dass sich „die Leichen zu Tausenden auftürmen“ als einen zweiten Lockdown zu verhängen. Das berichtete unter anderen die BBC unter Berufung auf mehrere Insider-Quellen - und trotz offiziellen Dementis entspannt sich die Lage nicht.

In Großbritannien wachsen nun Zweifel an der politischen Zukunft Johnsons. Der Premier sei in seinem eigenen Regierungsbüro Downing Street 10 - im politischen Duktus das Äquivalent zum Bundeskanzleramt - isoliert und drohe „unkontrollierbar“ zu werden, zitiert der Guardian eine nicht genannte Quelle aus Regierungskreisen. Johnson sei nach dem Abgang unter anderem seines Beraters Dominic Cummings in einer Lage, in der er von Menschen umgeben sei, denen er nicht vertraue. Zudem habe sich Downing Street in eine Situation manövriert, in der die BBC mehr den eigenen Quellen vertraue, als offiziellen Verlautbarungen des Regierungschefs, klagte ein anderer Informant.

Ärger bereiten dem Regierungschef auch unangenehme Fragen zur Finanzierung der luxuriösen Renovierung seiner Dienstwohnung in der Londoner Downing Street. Johnsons Ex-Berater Dominic Cummings, der sich inzwischen mit dem Büro des Premiers einen offenen Schlagabtausch liefert, hatte vergangene brisante Details darüber offenbart. Angeblich soll Johnson versucht haben, die erheblichen Kosten über Parteispenden zu finanzieren. Sein Umfeld beharrt darauf, Johnson habe aus eigener Tasche gezahlt.

Lieber Leichenstapel als Lockdown? Angebliches Johnson-Zitat zur Corona-Krise sorgt für Aufschrei

Erstmeldung: München - Boris Johnson wird wohl als einer der einflussreichsten Protagonisten der Corona-Krise gelten, wenn in Jahrzehnten auf diese Pandemie zurückgeschaut wird. Denn vom britischen Premierminister konnten andere Staatsoberhäupter zuletzt viel lernen.

Zunächst verkannte Johnson völlig die mit Sars-CoV-2 verbundene Gefahr, infizierte sich früh selbst und erkrankte schwer an Covid-19. Großbritannien litt unter der Fehleinschätzung, die Infektionszahlen schossen schnell nach oben. Später brachte der Staatschef sein heftig getroffenes Land mit strikten Maßnahmen samt eines enorm einschneidenden Lockdowns aber wieder auf Kurs. Obendrein orderte das Vereinigte Königreich ausgiebig Impfstoff und immunisierte so schon jetzt die Hälfte der Bevölkerung.

Johnson in der Corona-Krise: „Lasst uns die Leichen zu Tausenden stapeln“

Auf den ersten Blick scheint es heute so, als habe Johnson die richtigen Schlüsse aus seiner anfänglichen Leichtfertigkeit gezogen. Womit der 56-Jährige - auch wenn es noch so ironisch klingen mag - als einer der Gewinner aus der Pandemie hervorgehen könnte. Doch nun wird ihm ein Zitat zugeschrieben, das erhebliche Zweifel an seiner Lernfähigkeit aufkommen lässt.

„Keine verf... Lockdowns mehr - lasst uns die Leichen zu Tausenden stapeln“, soll der Politiker der Tories im Oktober kurz vor Verhängung des dritten und enorm wirksamen Lockdowns bei einem Treffen in seinem Amtssitz in der Downing Street gepoltert haben. So will es die Daily Mail erfahren haben, die sich auf nicht näher benannte Ohrenzeugen stützt.

England in der Corona-Krise: Johnson sträubte sich immer vor Lockdowns

Lieber sehenden Auges weitere Tote riskieren, als die Briten in ihrem Alltagsleben zu beschneiden? So ließe sich dieses Zitat interpretieren. Womöglich könnte auch die Erwartung mitschwingen, das Volk würde sich bei einer rasant ansteigenden Opferzahl schon freiwillig in die eigenen vier Wände verziehen. Was geradezu zynisch wäre.

Zumindest ist bekannt, dass sich Johnson mit der Verhängung von Lockdowns sehr schwer tat. Die Freiheit der Bürgerinnen und Bürger hatte für ihn immer Priorität. Entsprechend dürfte er die selbst verkündeten Maßnahmen nur mit einem Bauchgrummeln beschlossen haben.

Johnson in der Corona-Krise: Downing Street spricht von „einer weiteren Lüge“

Ob der gebürtige New Yorker aber wirklich Leichenstapel in Kauf genommen hätte, um das in diesem Fall ja ohnehin nicht mehr ganz normale Leben garantieren zu können, muss zumindest hinterfragt werden. Denn das Dementi folgte prompt. Aus dem Regierungssitz hieß es nur, der Bericht sei „nur eine weitere Lüge“.

Laut der Agentur Reuters antwortete Johnson vor Journalisten auf die Frage, ob der Lockdown-Leichen-Satz tatsächlich seinen Lippen entsprungen sei: „Nein, aber noch einmal: Ich denke, das Wichtige ist, dass die Menschen wollen, dass wir vorankommen und die Regierung alles tut, damit die Lockdowns greifen. Und das haben sie.“

Video: Jeder zweite Brite schon einmal gegen Covid-19 geimpft

Johnson in der Corona-Krise: Daily Mail bezieht sich bei menschenverachtendem Satz auf anonyme Quellen

Nun steht im Grunde Aussage gegen Aussage. Denn die Daily Mail hält an ihrer Darstellung fest. Die anonymen Quellen wollen den menschenverachtenden Satz aus dem Mund des Staatschefs vernommen haben. Er soll gefallen sein, nachdem Johnson gewarnt worden sei, dass Kliniken angesichts der immensen Zahl an Covid-19-Patienten von Soldaten bewacht werden müssten.

Im Frühjahr 2021 steht Großbritannien trotz mehr als 127.000 Corona-Toten und bald 4,5 Millionen Infektionsfällen deutlich besser da. Der Plan für die Rückkehr zur Normalität ist inklusive eines mehrstufigen Modells im Mai und Juni in vollem Gange.

Johnson in der Corona-Krise: Heftige Vorwürfe für Fehler bei der Bewältigung der Pandemie

Für Johnson selbst ist aber noch lange nicht die Zeit zum Aufatmen gekommen. So hält ihm sein einstiger Sonderberater, der selbst ins Zwielicht geratene Brexit-Freund Dominic Cummings, vor, die zu spät verhängten Reiseverbote seien „ein enorm bedeutendes Problem“ in der Corona-Krise gewesen. Zudem heißt es, der dritte Lockdown zu Jahresbeginn hätte verhindert werden können, wäre bereits der zweite strikter ausgefallen - wie es ihm sein Vize Michael Gove und Gesundheitsminister Matt Hancock dringend geraten hätten.

Es scheint so, als wäre in Großbritannien schon jetzt die Zeit der Abrechnung für den Corona-Schlingerkurs gekommen. (mg)

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