Sandra Maischberger führt durch die Sendung
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Sandra Maischberger führt durch die Sendung

Der Corona-Gipfel in der Kritik

Sorge über Corona-Kurs: Palmer warnt bei „Maischberger“ - „Haben Triage in Kinder- und Jugendpsychiatrie“

Die Corona-Beschlüsse: Frisöre öffnen bundesweit, Schulen landesweit. Neuer Inzidenz-Grenzwert ist nun 35. Maischberger stellte die Entscheidungen auf den Prüfstand. 

  • Das Thema bei „maischberger. die woche“: Corona-Gipfel, die neuen Virus-Mutationen und die Effektivität der Impfstoffe, außerdem Russland und die Frage: Ist Putin noch zu stoppen?
  • An den Ergebnissen des Gipfels gab im ZDF-Talk Kritik.
  • „Wir haben Triage inzwischen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie“ warnte Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer im Bezug auf die Folgen des Lockdowns für Kinder.

Berlin - Der Corona-Gipfel am Mittwochabend lieferte reichlich Zündstoff für Sandra Maischbergers ZDF-Talk: Im Streitgespräch diskutierten Intensivmediziner Uwe Janssens und Tübingens Bürgermeister Boris Palmer (Grüne) die aktuellen Beschlüsse. Im Interview mit Modernas Chefmediziner, Tal Yaks, lag der Fokus auf die Gefahr neuer Virus-Mutationen und der Umgang mit ihnen. Außerdem analysierte der ehemalige ARD-Russland-Korrespondent Udo Lielischkies die schwierige Situation von EU-freundlich gesinnten Oppositionellen - allen voran des zu drei Jahren Haft verurteilten Alexander Nawalny und seiner Anhänger

„maischberger. die woche“ - diese Gäste diskutierten mit:

  • In der aktuellen Kommentatorenrunde:
  • Hubertus Meyer-Burckhardt - TV-Moderator der „NDR-Talkshow“
  • Anna Mayr - Hauptstadtkorrespondentin für Die Zeit
  • Anette Dowideit - Chefreporterin Investigativteam Die Welt
  • Im Interview:
  • Prof. Dr. Uwe Janssens - Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Kardiologie im St.-Antonius-Hospital Eschweiler
  • Boris Palmer (B’90/Grüne) - Oberbürgermeister von Tübingen
  • Tal Zaks - Chefmediziner des US-Pharmakonzerns Moderna
  • Udo Lielischkies - ehemaliger ARD-Russland-Korrespondent

Coronavirus: NDR-Moderator moniert bei „Maischberger“ Realitätsferne von Merkels Regierung

Das erste Wort des „maischberger. die woche“-Talks geht an Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, obwohl er nicht Gast der Sendung ist. Ein Einspieler zeigt ihn beim Corona-Gipfel, Söder rechtfertigt die Verlängerung des Lockdowns: „Zumachen bedeutet Mut, Öffnen bedeutet Klugheit.“

NDR-Moderator Hubertus Meyer-Burckhardt findet das Ergebnis gar nicht klug, sondern fantasielos - und das ist wohl noch milde ausgedrückt. Der zweifache Vater moniert: „Man merkt, dass die Politiker, die das Sagen haben - die Bundeskanzlerin, der Gesundheitsminister, der Wirtschaftsminister - alle keine Kinder haben“. Er attestiert der Regierung Realitätsferne: „Sie waren nie Geschäftsführer eines Betriebs. Sie wissen nicht, wie es einem geht, wenn das Gehalt nicht kommt, wenn der Laden zu ist.“

Corona: Boris Palmer spricht bei „maischberger. die woche“ von einer „Triage“ in der Kinderpsychiatrie

Tübingens Bürgermeister Boris Palmer ist sichtlich erregt über die Beschlüsse, reißt sich aber noch am Riemen, als Moderatorin Sandra Maischberger ihn anfangs fragt: „Sie haben vor vier Wochen gesagt: ,Anfang Februar müssen wir wieder aufmachen!’ Für Sie heute ein schlechter Tag?“. Es gebe zumindest jetzt mal Hoffnung für die Kinder, antwortet Palmer da noch ruhig, und meint die Möglichkeit, die Schulen wieder öffnen zu können. Er hoffe auf eine entsprechende Entscheidung der Landesregierung in Baden-Württemberg. Palmer fügt sehr ernst hinzu: „Ich glaube, das hier auch Schäden entstehen, die wir nicht aufholen können.“ Und weiter: „Wir haben Triage inzwischen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, nicht auf Intensivstationen.“ Da könnten Kinder mittlerweile nicht mehr aufgenommen werden, die Einrichtungen seien total überlastet.

Intensivmediziner bei Maischberger (ZDF): „Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich einen Job habe“

Intensivmediziner Uwe Janssens, der schon häufig in den Medien als Kronzeuge für die derzeit hohen Anforderungen an seine Zunft fungierte, zeigt sich dieses Mal nachdenklicher und gesteht: „Ich habe jeden Morgen, wenn ich zur Arbeit fahre, ein schlechtes Gewissen, weil ich einen Job habe! Ich kann arbeiten gehen!“ Die Existenzen, die derzeit den Bach runter gingen, „das tut uns auch weh“, sagt Janssens ernst und meint mit „uns“ sein Klinikpersonal. Dennoch sehe er täglich Menschen, die am Coronavirus sterben und um ihr Leben kämpfen. Es sei schwierig, das gegeneinander aufzuwiegen.

Palmer will sich mit einem Kommentar nicht zurückhalten: „Die Schicksale von Menschen, deren Existenzen zerstört werden, müssen auch in die Entscheidungen mit einfließen.“ Er fordert wieder mehr Datenfreiheit beim Virus-Tracking und Schnelltests: „Diesen Erfindungsgeist sollten wir uns abverlangen - wir können nicht nur zwischen auf und zu entscheiden.“

Corona-Mutationen: Moderna-Chefarzt macht Hoffnung - Impfstoffe können angepasst werden

Einigkeit gibt es im Talk nicht, ob Inzidenzwert oder Intensivbetten-Kapazität in Zukunft ausschlaggebender Faktor für Maßnahmen sein sollen. Janssens gibt zu bedenken: „Die Intensiv-Betten stehen nicht nur Covid-Patienten zur Verfügung“, sie müssten für alle Schwerkranken bereit sein. Daher ließe sich eine Kapazitätslast nur schwer spontan organisieren.

Maischberger hat zur Frage der Bedrohung durch Mutationen Tal Zaks, Chefmediziner von Moderna, aus Boston zugeschaltet. Der gibt ein wenig Entwarnung - zumindest für den Impfstoff seines Konzerns: Aktuelle Studien hätten gezeigt, dass ein Impfschutz auch für die aktuellen Mutanten bestünde, im schlimmsten Fall eingeschränkt, damit könnten aber immer noch schwere Verläufe deutlich minimiert werden. Zaks zeigt sich zudem zuversichtlich, dass man den Impfstoff schnell anpassen könne - ein Vorteil der neuen RNA-Technologie. Zaks: „Im Herbst könnten wir nachimpfen.“

Russland-Experte zum Fall Nawalny: Der Europarat muss Verfahren gegen Putin einleiten

Zum Schluss wagt Maischberger noch einen Blick nach Russland - das scheint zunächst etwas „reingequetscht“, doch die Analyse des langjährigen Russlandkorrespondenten Udo Lielischkies wirkt dann sehr erhellend. In Bezug auf die Verurteilung von Putin-Herausforderer Nawalny zu drei Jahren Haft stellt er klar: „Das Urteil ist ein Völkerrechtsverstoß!“ Lielischkies: „Der zugrundeliegende Prozess ist vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte als willkürlich bezeichnet worden, als ungültig.“ Und weiter: „Russland musste sogar eine Strafe an Nawalny zahlen - tat das auch.“ Der Journalist fordert vom Europarat - dessen Vorsitz derzeit Deutschland innehat - ein Verfahren gegen Russland. Fest mit einem solchen Schritt rechnen will Lielischkies aber offenbar nicht: „Man darf gespannt sein, wie Berlin sich da verhalten wird …“

Fazit des „maischberger. die woche“-Talks im ZDF

Maischberger stellte klugen Köpfen kluge Fragen und bekam fundierte Antworten. Wenn es am Ende auch kein klares „richtig“ und „falsch“ gab, so doch auf alle Fälle mehr Einblick.

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