Angela Merkel und der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit in einer Bildmontage.
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Angela Merkel und der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit.

„Es hängt alles an dem Punkt ...“

Sorge nach Corona-Gipfel: Virologe hält Merkels Ziel auf Monate hin für unrealistisch - folgt der Wirtschafts-Schock?

  • Florian Naumann
    vonFlorian Naumann
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„50“ bleibt die magische Zahl in Corona-Deutschland, auch nach dem großen Gipfel im Kanzleramt. Genau das beunruhigt einige Experten. Der Wirtschaft könnte ein Schock drohen.

  • Der Corona-Gipfel am 25. November bringt neue Pandemie-Regeln für Deutschland.
  • Klar scheint früh: Die Inzidenzzahl 50 bleibt mindestens bis ins Jahr 2021 die magische Grenze für Einschränkungen im täglichen Leben.
  • Genau daran üben aber Experten Kritik - sie fürchten um die Akzeptanz der Maßnahmen. Neuer Druck könnte auch aus der Wirtschaft kommen.

Berlin - Deutschland wird mit neuen Corona-Regeln in den Dezember gehen - und in die für viele so wichtige Zeit um Weihnachten und Neujahr. Das große Ziel hatte das Kanzleramt schon in den Wochen zuvor immer wieder bekräftigt: Die Sieben-Tage-Inzidenz muss unter die magische Zahl 50 sinken. So sollen die Gesundheitsämter wieder in der Lage sein, Ansteckungen nachzuverfolgen.

Doch an genau dieser Marke gibt es gravierende Zweifel von Expertenseite. Und damit auch an einem gewichtigen Teil des (mutmaßlichen) Plans. Denn die neuen Maßnahmen sollen wohl - ebenso wie das unlängst verabschiedete Corona-Gesetz - Lockerungen erst vorsehen, wenn der Inzidenzwert 50 in Sicht ist.

Diese ohnehin düstere Aussicht bekam am Rande des Gipfels neue Brisanz: Unbestätigten Berichten zufolge zweifelt Kanzlerin Angela Merkel, ob die im Lockdown besonders umfangreichen Wirtschaftshilfen den ganzen Winter über gezahlt werden können.

Corona-Maßnahmen: Virologe hält erklärtes Ziel der Regierungen auf Monate hin für unerreichbar

Der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit hatte in einem Interview kurz vor dem Gipfelstart zwischen den Zeilen eine angesichts dieser Pläne brisante Warnung abgegeben. Der von der deutschen Politik gewünschte Inzidenzwert könne seiner Ansicht nach „in den nächsten Monaten nicht erreicht werden“, sagte er dem Radiosender Bayern2.

Zugleich wies er darauf hin, die Motivation der Bevölkerung sei enorm entscheidend für den Erfolg im Kampf gegen die Pandemie. „Es hängt alles an dem Punkt, ob die Bevölkerung zu einem gewissen Teil mitmacht oder eben nicht mitmacht“, meinte der Virologe.

Corona-Regeln in Deutschland: Große Zweifel an Merkels Ziel - Land im „Dauer-Schockzustand“?

Schmidt-Chanasit ist nicht der einzige, der Zweifel hegt. „Ein Ziel von 50 pro 100.000 Einwohner ist ein völlig irreales Ziel“, sagte der Medizin-Professor Matthias Schrappe der Bild. Er warnte noch konkreter als sein Kollege vor negativen Auswirkungen auf die Menschen in Deutschland. „Die Bevölkerung wird in einen Dauer-Schockzustand versetzt“, erklärte er. Es drohe ein „unendlicher Lockdown“.

Schon Anfang November - zum Start des Teil-Lockdowns - hatte die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) eine neue Strategie gefordert. In einem auch von Schmidt-Chanasit und dem ebenfalls prominenten Virologen Hendrik Streeck unterzeichneten Schreiben forderte der Verband mehr Eigenverantwortung für die Bürger. Zur Kontaktnachverfolgung durch die Gesundheitsämter will er nicht mehr zurück. Erkrankte sollen ihre Kontakte stattdessen selbst informieren. Wichtig sei es, die Akzeptanz der Bevölkerung zu wahren.

Coronavirus Dauerbegleiter? Kritik, aber auch Zustimmung für Merkels Kurs

„Wir praktizieren gerade eine aus dem Straßenverkehr vertraute Methode, das Stotterbremsen“, sagte Holger Pfaff, Professor für Medizinsoziologie an der Universität Köln, und Mitautor des Thesenpapiers der Welt. „Wir bremsen, lösen die Bremse und bremsen danach wieder und so weiter.“ Vielen Menschen sei nicht klar, dass das Virus nicht so schnell verschwinde, solange sich nicht alle impfen ließen.

Gleichwohl: Es gibt auch renommierte Unterstützer des Kurses der Bundesregierung von Angela Merkel und der Länder. Die Gesellschaft für Virologie (GfV) veröffentlichte Mitte November als Antwort auf das Positionspapier ebenfalls ein Schreiben. Zu den Unterzeichnern zählten unter anderen Christian Drosten und Melanie Brinkmann. Die angeordneten Maßnahmen hielten die sie damals angesichts stark steigender Fallzahlen „für erforderlich und notwendig“. Allerdings erklärten auch sie: „Den Unterzeichnern ist bewusst, dass diese erhebliche Einschränkungen und wirtschaftlich negative Folgen mit sich bringen und deshalb nur temporär eingesetzt werden können“.

Corona-Sorgen: Angebliche Merkel Aussage sorgt für Verunsicherung - Wirtschaftshilfen vor schwerem Einschnitt?

In Gefahr geraten könnte die Akzeptanz für einen langen oder viele kleine Lockdowns auch aus ganz anderer Richtung: Es geht um die teils massiven Sorgen der Wirtschaft in der Corona-Krise. Einzelhändler und FDP übten schon am Mittwochnachmittag massive Kritik an den Plänen, die Kundenzahl in weiteren Geschäften zu begrenzen. Auch die Tourismus-Branche zeigte sich über unklare Perspektiven unzufrieden. Und die deutschen Wirte verlangten zuletzt nach verpflichtenden Unterstützungen angesichts der Eingriffe.

Genau in diesem Punkt kam am Rande des Gipfels allerdings große Sorge auf. Die Bild-Zeitung berichtete - unbestätigt - , Kanzlerin Angela Merkel habe in der Runde mit den Ministerpräsidenten gewarnt, die Finanzhilfen ließen sich nicht den ganzen Winter über im aktuellen Umfange vom Bund zahlen. Eine hypothetische Kürzung dieser Gelder könnte aber noch einmal ein völlig neuen Druck entfachen. Zuerst auf die Betriebe - dann auf die Regierungen. Der Unmut und die Existenzängste in der Wirtschaft dürften so oder so weiter wachsen. (fn)

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