Löst der Impfstoff alle Probleme?

„Hart aber fair“: Sogar Lauterbach sieht den Corona-„Gamechanger“ - und stellt trotzdem bittere Prognose

Biontech meldet: Der Corona-Impfstoff wirkt und steht in den Startlöchern! Hoffnungsschimmer statt Horror-Winter – wie geht es jetzt weiter?

  • Karl Lauterbach bei „Hart aber fair“: „Der Impfstoff ist ein Game-Changer bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie.“
  • TV-Koch Steffen Henssler klagte an: „Mit dem Lockdown trifft man Branchen, die bisher nicht als Infektionstreiber aufgefallen sind.“
  • Journalistin Kristina Dunz: „Die Ungewissheit, geliebte Menschen angesteckt zu haben, ist schlimmer als die Diagnose selbst.“

Corona Thema bei „hart aber fair“: „Durchbruch beim Impfstoff: Hoffnungsschimmer statt Horror-Winter?“

Köln – Eigentlich sollte in Frank Plasberg ARD-Runde „Hart aber fair“ am Montag das Thema „Ratlos in der Virus-Welle – welcher Ausweg bleibt noch?“ besprochen werden. Doch Stunden zuvor platzte die Bombe: „Biontech beantragt Zulassung von Corona-Impfstoff.“ Ist das der Anfang vom Ende der Pandemie? „Ja“, sagt SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Aber auch: „Bis alle davon profitieren, dauert es noch mindestens ein Jahr.“

hart aber fair - die Gäste:

  • Peter Tschentscher (54, SPD) – Mediziner und Politiker, Erster Bürgermeister von Hamburg
  • Prof. Dr. Isabella Eckerle (40) - Virologin, Leiterin des Zentrums für neuartige Viruserkrankungen an der Universitätsklinik Genf
  • Prof. Dr. Karl Lauterbach (57, SPD) – Bundestagsabgeordneter, Gesundheitsökonom und Epidemiologe
  • Steffen Henssler (48) – Restaurantbesitzer und TV-Koch
  • Wolfgang Kubicki (68) – Vizepräsident des Deutschen Bundestags, stellvertretender FDP-Chef
  • Kristina Dunz (53) – Journalistin, stellv. Leiterin des Parlamentsbüros der „Rheinischen Post“

Den Trailer zur Sendung kann die Redaktion trotz der Impfstoff-Meldung vom Nachmittag nicht mehr ändern. Ein Blick in eine mögliche Zukunft: „Noch mehr Maske, noch weniger Treffen? Droht ein langer Winter in Isolation?“ Frank Plasberg überbringt lächelnd die frohe Botschaft des Tages: „Der liebe Gott hatte heute wieder Spaß an der Arbeit: Ein Impfstoff verspricht 90 Prozent Schutz.“ Trotz der guten Nachricht zeigt sich im Laufe der Sendung: Bis zur Herdenimmunität ist es noch ein langer und harter We

„hart aber fair“-Talk zu Corona: Lauterbach hält Impfstoff für einen „Game-Changer“

Lauterbach, selbst Mediziner, glaubt an einen Durchbruch: „Die Wahrscheinlichkeit, dass der Stoff nicht gut wirkt, ist sehr gering.“ Die Erleichterung ist ihm anzusehen. Die Bundesregierung hat, so Lauterbach, 375 Millionen Euro in das Mainzer Pharmafirma Biontech investiert. Mehr als in jedes andere Forschungsunternehmen.

Trotzdem schränkt er ein: „Aus den Studien kann man nicht erkennen, ob Geimpfte sich und andere anstecken können…“ Der erste Dämpfer. Was bedeutet „90 Prozent“, will Plasberg wissen? Lauterbach: „Statt 100 werden nur zehn krank.“ Gibt’s wegen der kurzen Entwicklungsdauer womöglich Abstriche in der Sicherheit? Top-Virologin Eckerle: „Alle wichtigen Phasen wurden durchlaufen, regulatorische Prozesse wurden beschleunigt, an der Sicherheit nicht gespart.“

„hart aber fair“: Peter Tschetnscher: „Einen Impfstoff zu bekommen war unsere Strategie“

Hamburgs Bürgermeister Tschentscher, wie Lauterbach Arzt, sagt: „Das ist ein Licht in dunklen Zeiten. Einen Impfstoff zu bekommen war unsere Strategie.“ Alles gut also? Plasberg zu Kubicki: „Die Intensivstationen sind zunehmend überfüllt. Wie geht’s weiter?“ Kubicki: „Wir brauchen eine neue Langfrist-Strategie. Hätten wir gleich die Risikogruppen geschützt, hätten wir viele Corona-Todesfälle vermeiden können.“

Zum Thema Verteilung des Impfstoffs wünscht sich TV-Koch Steffen Henssler die Kellner auf der Prioritätenliste: „Die haben so viele Kontakte wie sonst kaum jemand im Land…“ Für die Gastronomie schlägt er mit einem Augenzwinkern künftig einen Immun-Bereich vor: „Wo früher die Raucher saßen, dürfen jetzt die Geimpften sitzen“, scherzt er.

Zuschauer-Frage bei „hart aber fair“: „Ab wann brauchen wir keinen Impfstoff mehr?“

Virologin Eckerle dämpft die hohen Erwartungen: „Es wird eine lange Übergangsphase geben.“ Laut Lauterbach müsste man bis zur Herdenimmunität jeden Tag 300.000 Menschen impfen, dann wäre Deutschland in einem Jahr durch. Dabei müsse technisch alles reibungslos klappen. Klingt eher unwahrscheinlich. Deshalb: „Nächstes Jahr wird noch ein Jahr der Einschränkungen werden“, betont Lauterbach.

In einem Einspieler schlägt der Notfallärzte-Präsident Uwe Janssens Alarm: Die Intensiv-Medizin stehe vor einem Kollaps, es gebe mancherorts nicht mehr genug freie Intensiv-Betten und nicht genug Personal. Tschentscher verteidigt deshalb nochmal die Maßnahmen der Regierung: „Es war fünf vor zwölf, wir hätten keine Woche später schließen dürfen.“ TV-Koch Henssler hätte einen zweiten harten Lockdown gerechter gefunden: „So trifft es vor allem die Gastro-Branche und die Künstler, die bisher nicht als Infektionstreiber aufgefallen sind.“ Tschentscher rechtfertigt sich: „In 75 Prozent der Fälle lässt sich die Infektion nicht mehr nachvollziehen…“

„hart aber fair“: Lauterbach plädiert für einen Strategiewechsel in der Corona-Bekämpfung

„Wenn wir nicht von Lockdown zu Lockdown hinken wollen, brauchen wir eine neue Strategie“, betont der SPD-Politiker. „Weg von der Einzelkontakt-Nachverfolgung hin zur Cluster-Nachverfolgung wie in Japan.“ Virologin Eckerle plädiert dafür, über den Tellerrand hinauszuschauen: „Einige asiatische Länder, aber auch Australien und Neuseeland haben es besser gemacht“, sagt sie. Dort wurde die Pandemie mit drastischen Maßnahmen erfolgreich bekämpft.

Fazit: Ein Talk, der nicht nur Mut macht

Die Anfangs-Euphorie verflog, als klar wurde, dass es bis zur Eindämmung der Pandemie trotz positiver Impftests noch ein weiter Weg ist. Und dass noch nicht klar ist, ob die aktuellen Maßnahmen sogar noch verschärft werden müssen. Starkoch Henssler entpuppte sich schließlich als einziger Impf-Skeptiker in der Runde: Er würde sich nicht sofort impfen lassen, sagte er am Ende der Sendung. Einmal, weil er Corona schon hatte – und weil er sich auch noch weiter informieren wolle.

Rubriklistenbild: © Screenshot: ARD-Mediathek

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