Von Biontech/Pfizer sollen im Juni wöchentlich mehr als drei Millionen Dosen des Vakzins zu Verfügung stehen.
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Von Biontech/Pfizer sollen im Juni wöchentlich mehr als drei Millionen Dosen des Vakzins zu Verfügung stehen.

Impfangebot für alle bis Juli?

Herdenimmunität in Deutschland - Warum sie wohl nie erreicht werden kann und was das bedeutet

  • vonTanja Kipke
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Bald soll es mehr Impfstoff geben, als Menschen, die ihn sich spritzen lassen wollen. Warum eine Herdenimmunität vermutlich nicht erreicht wird und was das bedeutet.

Berlin - Deutschland befindet sich im Impffieber. Bereits geimpfte Personen werden in den meisten Bundesländern bald genauso behandelt wie Personen mit einem negativen Corona-Test. Bundeskanzlerin Angela Merkel prophezeite ein Impfangebot für alle Impfwilligen bis zum Ende des Sommers. Dies könnte jedoch wesentlich früher eintreten, wie einige Vorrechnungen zeigen. Zur Herdenimmunität soll es jedoch in naher Zukunft trotzdem erstmal nicht kommen.

Herdenimmunität: Impfangebot für alle Erwachsenen kommt früher als gedacht

Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) hat verschiedene Indikatoren entwickelt, die aus den Corona-Werten unterschiedliche Prognosen für die nächsten Wochen geben können. Diese Frühindikatoren können zum Beispiel berechnen, wann ein Landkreis oder Bundesland eine gewisse Zielinzidenz erreicht hat. Dieser „Inzidenzrechner“ könnte also voraussagen, wann in welchem Kreis bestimmte Lockerungen eintreten könnten. Auch für die Impfkampagne rechnet das Zi täglich aktuelle Prognosen aus.

Aus den Modellierungen geht hervor, dass bei einer Impfbereitschaft von 80 Prozent schon Mitte Juni alle Impfberechtigten zumindest mit einer Dosis versorgt werden können. Der Grund für diese Vorhersage ist vor allem das steigende Lieferangebot der Impfhersteller. Allein von Biontech/Pfizer sollen für Arztpraxen und Betriebsärzte im Juni wöchentlich jeweils mehr als drei Millionen Dosen des Vakzins zu Verfügung stehen, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet. Außerdem sollen Menschen ab dem 7. Juni auch in großen Betrieben ein Impfangebot wahrnehmen können.

Video: Corona-Impfung beim Betriebsarzt ab Juni

„Bereits in ein paar Wochen werden wir voraussichtlich mehr Impfstoff haben als Terminanfragen“ so Gesundheitsminister Jens Spahn. Das ist wohl auch der Grund, warum er die Impfpriorisierung im Juni aufheben will. Eine Erstimpfung hat schon rund jeder Vierte in Deutschland erhalten. Laut der Süddeutschen Zeitung sei die große Frage in ein paar Wochen also: Reicht die Zahl der Impfwilligen und Impfbaren, um Herdenimmunität zu erreichen?

Impfbereitschaft bei Jüngeren nur bei 50 Prozent - Herdenimmunität dennoch möglich?

„Die große Unbekannte ist, wie viele Leute sich impfen lassen werden“, so Stefan Scholz vom Fachgebiet Impfprävention am Robert Koch-Institut (RKI) gegenüber der Süddeutschen Zeitung. „Wir sehen gerade in der jungen, gesunden Bevölkerung, dass sie die niedrigste Impfbereitschaft haben.“ Scholz befürchtet, dass die Motivation sich impfen zu lassen bei den Leuten sinkt, wenn erstmal viele ältere Menschen und diejenigen mit Vorerkrankungen durchgeimpft sind und zusätzlich der Sommer das Infektionsgeschehen eindämmt.

Die Impfbereitschaft liege bei Jugendlichen ab 16 Jahren und jungen Erwachsenen nur bei etwa 50 Prozent. Bei älteren Menschen hingegen bei 80 und 90 Prozent. Dies ergaben Befragungen zur Impfbereitschaft in Deutschland. Ein Team um Statistiker Scholz veröffentlichte Anfang April Daten, wie sich die Impfkampagne in Deutschland auf das Infektionsgeschehen auswirken könnte. Durch Auswertung der Befragungen kommt man so auf etwa 55 bis 60 Millionen Menschen, die sich impfen lassen möchten.

Es werde darauf ankommen, möglichst viele der Menschen zur Impfung zu motivieren, die noch unentschlossen sind. Statistiker Scholz hofft auf einen bestimmten Effekt: „Wenn jeder jemanden kennt, der sich impfen lassen und die Impfung gut vertragen hat, dann ist vielleicht auch die eigene Impfbereitschaft etwas höher.“ Man müsse aber davon ausgehen, dass sich ein Teil der Bevölkerung nicht impfen lassen wird, so die Süddeutsche Zeitung.

Ende Sommer nur 60 Prozent mit vollständigem Impfschutz - Zu wenig für Herdenimmunität

Um die Ausbreitung des Virus auch bei normalem Alltagsgeschehen verhindern zu können, müssten etwa 75 bis 80 Prozent der Bevölkerung gegen das Coronavirus geschützt sein. Die Pandemie wäre zwar nicht auf Anhieb vorbei, könnte aber nicht wieder aufkeimen. Aufgrund von Mutationsvarianten, die ansteckender sind oder gegen die der Impfschutz schwächer ausfällt, könnte die Durchimpfungsrate sogar noch höher ausfallen.

Da bislang nur Impfstoffe für Menschen ab 16 Jahren zugelassen sind, fällt ein Teil der Bevölkerung weg. Auch wenn sich bald Kinder ab zwölf Jahren impfen lassen könnten, sind die jüngeren Kinder in naher Zukunft noch nicht dran. Das seien immerhin elf Prozent der Bevölkerung, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet. Bei einer hohen Impfbereitschaft von 75 Prozent blieben so nur noch 67 Prozent der Bevölkerung, die sich im Sommer impfen lassen wollen. Es besteht auch eine Möglichkeit sich trotz Impfung anzustecken. Der Impfschutz liegt - großzügig geschätzt - bei 90 Prozent. Damit blieben lediglich nur noch 60 Prozent der Bevölkerung mit einem vollständigen Impfschutz übrig - zu wenig für eine Herdenimmunität.

Im Laufe des Sommers dürften dennoch weitgehende Lockerungen möglich werden. Abstands- und Hygieneregeln sowie das Tragen von Masken, werden wohl noch einige Zeit bleiben. „Wir haben Schwierigkeiten, die Entwicklung mit den Mutanten richtig einzuordnen“, so Scholz. Wann die Pandemie ihr Ende haben wird, kann auch er nicht einschätzen: „Diese ganzen Unwägbarkeiten machen es schwer, einen Zeitpunkt zu nennen, ab dem eine Rückkehr zum normalen Leben möglich ist.“ (tkip)

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