Warnung vor vierter Welle

Kretschmann schließt Corona-Impfpflicht nicht aus – und zieht Vergleich zu Masern

  • Markus Hofstetter
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Deutschland steht vor einem schwierigen Corona-Herbst, die Delta-Variante greift um sich. Kretschmann denkt darüber nach, dass doch noch eine Impfpflicht kommen könnte.


Stuttgart - Die Impfmüdigkeit in der deutschen Bevölkerung wächst, zugleich verbreitet sich die Delta-Variante immer schneller. Diese Konstellation bereitet dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann so große Sorgen, dass er über eine Impfpflicht nachdenkt.

„Wir planen keine Impfpflicht. Für alle Zeiten kann ich eine Impfpflicht nicht ausschließen“, sagte der Grünen-Politiker der dpa in Stuttgart. „Es ist möglich, dass Varianten auftreten, die das erforderlich machen.“ Es könne gut sein, „dass wir irgendwann gewisse Bereiche und Tätigkeiten nur noch für Geimpfte zulassen“.

Corona-Impfung: Grünen-Politiker Kretschmann zieht Parallele zu den Masern

Kretschmann nannte die Masern als Beispiel: „Da gibt's auch eine Impfpflicht für die Kitas, weil Masern höchst ansteckend sind.“ Ohne Corona-Impfungen werde man die Pandemie nicht in die Knie zwingen können.

Damit folgt Kretschmann dem sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU), der im März eine Impfplicht nicht mehr völlig ausgeschlossen hat. Doch es gibt eine gewichtige Stimme dagegen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat erst Mitte Juli eine Impfpflicht abgelehnt.

Kretschmann zu Corona-Impfkampagne: „Impfen ist Bürgerpflicht“

Kretschmann warnt seit längerem vor einer vierten Welle und blickt eher pessimistisch auf Herbst und Winter. Das Virus könnte aus seiner Sicht noch einmal genauso gefährlich zurückkommen wie im vergangenen Herbst, als die Infektionszahlen plötzlich drastisch anstiegen. „Wir fahren weiter auf Sicht. Die Virusmutationen haben uns schon zweimal einen Strich durch die Rechnung gemacht“, sagte er. „Treten Varianten auf, gegen die der Impfstoff nicht mehr so wirksam ist - sind wir sofort in einer anderen Situation.“ Es gebe keine Entwarnung.

Kretschmann appellierte deshalb an die Menschen, sich impfen zu lassen. „Im Kern kann man sagen: Impfen ist Bürgerpflicht. Es geht um sehr viel. Das sollte jeder verantwortlich denkende Mensch einfach tun.“ Die Nebenwirkungen von Covid seien viel schlimmer als die der Impfstoffe überhaupt sein könnten. Die Menschen müssten ihre Bedenken gegen die Impfung radikal zurückstellen. Die Digitalgiganten Google und Facebook führen unterdessen eine Impfpflicht ein - und die gilt dann wohl auch für Deutschland.

Corona in Baden-Württemberg: Kretschmann kündigt neue Lockerungen für Geimpfte an

Die Landesregierung im Südwesten hat schon weitere Lockerungen für vollständig geimpfte Menschen im Laufe des Septembers angekündigt. Da bis zum 15. September 2021 jede Bürgerin und jeder Bürger einen umfassenden Impfschutz haben könne, wolle man dann die Auflagen für vollständig Geimpfte weiter abschwächen.

Die Politik werde sich künftig im Kampf gegen die Pandemie trotzdem neben dem Inzidenzwert auch auf andere Kriterien stützen. „Die Lage hat sich durch das Impfen verändert“, sagte Kretschmann. Die besonders anfälligen Gruppen wie Alte und Vorerkrankte seien weitgehend geimpft, die Quote der Menschen, die ins Krankenhaus müssen, habe abgenommen.

BaWü-Minister Kretschmann zu Corona-Kennwerten: „Nun wird es komplizierter“

„Es gibt auch die Möglichkeit, andere Kriterien mit reinzubringen - wie die Hospitalisierung, die Impfquote, den R-Faktor. Dann kommt man sozusagen zu einer Art Formel“, sagte er. Die Gesundheitsminister seien beauftragt, da einen Vorschlag zu entwickeln. „Der Nachteil ist: Das ist schwerer zu verstehen, denn bisher wusste jeder: Die Inzidenz ist der entscheidende Faktor. Das konnte jeder nachvollziehen. Nun wird es komplizierter.“

Die zweite Option aus Sicht des Regierungschefs: „Man kann natürlich wie Jens Spahn darüber nachdenken, die Inzidenz als Wert für Maßnahmen grundsätzlich höher anzusetzen als bisher. Ohne weitere einordnende Kennzahlen zur Situation sehe ich das aber skeptisch.“ Kretschmann gab auch zu bedenken, dass eine hohe Inzidenz immer schlecht sei. „Je schneller das Virus zirkuliert, desto häufiger wird es mutieren“, sagte er. „Niedrige Inzidenzen bedeuten langsamere Mutationen.“ (mhof/dpa)

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