Stephan Pusch, Landrat in Heinsberg
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Stephan Pusch, Landrat in Heinsberg, hat das Krisenmanagement der Bundesregierung scharf angegriffen.

„Jeder Landwirt hätte besser verhandelt“

Corona-Impf-Desaster: Landrat redet sich im Video die Wut von der Seele - Frontal-Attacke auf Regierung

  • Robert Märländer
    vonRobert Märländer
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Ob die Regierung noch weiß, was in der Corona-Krise bei den Menschen los ist? Das fragt sich ein bekannter Landrat in einer emotionalen Video-Botschaft.

Heinsberg - Zu Beginn der Corona-Krise wurde Stephan Pusch zum vielleicht bekanntesten Landrat Deutschlands. Als das neuartige Virus sich in einer ersten Welle in Deutschland ausbreitete, war der Landkreis Heinsberg ein früher Corona-Hotspot. Pusch setzte darauf, sich auch im Internet an die Bevölkerung zu wenden. Damit macht er fast ein Jahr später weiter - und er hat sich dabei viel von der Seele zu reden. Wie die Politik in den letzten Monaten der Corona-Pandemie reagiert hat, stößt ihm offenbar sauer auf.

Das Bürgertelefon steht nicht still in diesen Tagen. Im Kreis Heinsberg wollen die Bürger genau das gleiche wie überall im Land: Eine Aussage dazu, wann sie ihre Impfung bekommen können. Wie auch viele andere Landräte bekommt Stephan Pusch mit, was die Menschen während der Corona-Pandemie bewegt. Und er hat den Eindruck, dass die Probleme an höherer Stelle nicht offen benannt werden. In einem YouTube-Video holt er zum Rundumschlag von Corona-Impfstoff bis Schulschließung aus.

Chaos bei Corona-Impfungen - Mitarbeiter im Landkreis Heinsberg „seelisch am Ende“

Was er von den Verantwortlichen hört, kann Pusch nicht nachvollziehen Denn die Bürger in seinem Kreis erzählen frustrierende Geschichten. Sie berichten, dass sie bei der Hotline nicht durchkommen, um einen Impf-Termin zu vereinbaren. Die Informationen, die sie dort bekommen, ändern sich teils stündlich. Es sind verunsicherte Menschen, die angesichts der Gefahren bei einer Ansteckung mit Corona echte Angst um ihr Leben haben. Wenn dann die Politik davon spricht, dass die Vergabe von Impf-Terminen gut läuft, sei das „ein reines Ablenkungsmanöver“, meint Pusch. Wer sowas erzählt habe die Ohren nicht an der Basis. Seine Mitarbeiter am Telefon, die den Bürgern Hilfe leisten, seien jedenfalls „seelisch am Ende“.

Pusch geht kaum auf einzelne Personen ein, doch jeder dürfte schnell verstehen, dass er in erster Linie über das Krisenmanagement der Bundesregierung redet. Man hat schon lange gewusst, welche Herausforderung bevorsteht. Es gab also Zeit zur Vorbereitung auf die aktuelle Situation. Gemessen daran sei die Umsetzung jetzt „bescheiden“. Das offene Fluchen kann sich Pusch noch verkneifen.

Verträge für Corona-Impfstoffe hätte „jeder Landwirt besser verhandelt“

Jens Spahn setzt er für den Einkauf der Impfstoffe auf den heißen Stuhl. „Da sagt der Bundesgesundheitsminister, die EU ist Schuld. Die EU sagt, die Hersteller haben ihre Verträge nicht eingehalten.“ Auf solche Schuldzuweisungen hat der Landrat keine Lust. Sein Fazit ist viel direkter: „Entweder habe ich einen wasserdichten Vertrag gemacht oder ich habe keinen wasserdichten Vertrag gemacht.“ Für ihn steht fest: „Das hätte jeder Landwirt im Kreis Heinsberg besser verhandelt.“

Später bekommen dann auch noch die Landesregierungen ihre Breitseite ab. Beim Thema Schule will Pusch nämlich konkretere Corona-Pläne, als es sie bisher gegeben hat. „Da bitte ich mal um intelligente Lösungen“, fordert der Landrat. Er möchte die Kinder ab Mitte Februar langsam wieder in die Schule bringen. Was er bisher vermisst, ist aber ein klarer Fahrplan, der nicht auf den letzten Drücker entschieden wird: „Da kann man sich auch nicht wieder ein paar Tage vorher mit den Ministerpräsidenten treffen und sagen: Wir machen jetzt dieses und jenes.“ Mindestens eine Woche vorher müsse man wissen, wie die Pläne aussehen.

Der nächste Corona-Gipfel ist für Montag, den 1. Februar, geplant. Vielleicht erfüllen sich dann zumindest ein paar Wünsche von Stephan Pusch. (rm)

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