Ein Mitarbeiter eines Pflegeheims erhält die erste Dosis des COVID-19-Impfstoffs von AstraZeneca.
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Geimpft und geschützt: Die Gruppe der Hochbetagten vermeldet sinkende Corona-Zahlen (Symbolbild).

„Ohne Rücksicht“

Corona-Impfung in Seniorenheimen: Experte Kekulé sieht Erfolg und rät nun dringend zu neuer Strategie

  • Kathrin Braun
    vonKathrin Braun
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Insgesamt steigt die Zahl der Neuinfektionen – unter den Hochbetagten sinkt die Inzidenz aber rapide. Führen die Impfungen langsam zurück zur Normalität?


München – Der erste Blick auf die Infektionszahlen ist frustrierend. Sie sind schon wieder gestiegen: Das Robert-Koch-Institut (RKI) meldete am Freitag 9997 Neuinfektionen binnen eines Tages. Das sind fast 900 mehr als noch vor einer Woche. Beim genaueren Hinsehen geht der Trend aber in eine positive Richtung: Unter Senioren sinken die Zahlen. Anfang Februar lag die Inzidenz* bei den Hochbetagten noch bei 200, sagt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Jetzt nur noch bei 70. Ist das ein erster Erfolg der Impfungen?

„Man könnte auch meinen, dass die Regierung es nach einem Jahr endlich geschafft hätte, Heimbewohner mit guten Konzepten zu schützen“, sagt der Virologe Alexander Kekulé von der Uni Halle. Das hält er aber für ausgeschlossen. „Wir hatten noch bis vorletzte Woche massive Ausbrüche in Heimen. Die einzige Erklärung für die sinkenden Zahlen unter den Hochbetagten ist also der Impf-Effekt. Vor allem der Effekt von der ersten Dosis – denn viele haben noch gar keine zweite bekommen.“

Mehrheit der Pflegeheimbewohner in Deutschland hat eine erste Corona-Dosis bekommen

Die Mehrheit der Pflegeheimbewohner in Deutschland hat mittlerweile eine erste Corona*-Dosis bekommen. „Ich bin der Überzeugung, dass bereits eine Dosis die Lage dramatisch verbessern kann“, sagt Alexander Kekulé. Denn die könne schon vor schweren Krankheitsverläufen und vorm Tod schützen. „Wir sollten alle RNA-Impfstoffe zusammenkratzen, um alle älteren Menschen zu impfen – ohne Rücksicht darauf, ob genug für eine zweite Dosis übrig bleibt.“ Dass jetzt die Zahlen bei den Hochbetagten sinken, zeige, dass das die richtige Strategie wäre.

Auch Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil spricht sich inzwischen dafür aus. Man könne „bei den weniger gefährdeten Personen vom bisherigen Impfschema abweichen und zunächst so vielen Menschen wie möglich die Erstimpfung verabreichen“, sagte der SPD-Politiker der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt hingegen weiterhin, genug Impfstoff für eine zweite Dosis strikt zurückzuhalten.

Auch in Deutschland könnte die erste Dosis schon einen Effekt auf die Sterberate haben

Vor allem in England oder in Schottland will man aber mit so vielen Erst-Impfungen wie möglich schwere Verläufe und Todesfälle vermeiden. Auch in Deutschland könnte die erste Dosis schon einen Effekt auf die Sterberate haben, sagt Virologe Gerd Uwe Liebert, ehemaliger Direktor der Uni-Klinik Leipzig. Denn die Zahl der täglich gemeldeten Todesfälle sinkt – obwohl die Inzidenzwerte in den vergangenen Tagen bei allen Altersgruppen bis 74 leicht ansteigen. Am Freitag verzeichnete das RKI 394 Tote – eine Woche zuvor waren es noch 508.

„Trotzdem sollten wir jetzt auf keinen Fall nachlässig werden“, warnt Liebert. „Es ist wichtig, dass dieser erste Impferfolg kein falsches Signal sendet.“ Denn Liebert hält auch die zweite Impfung für einen „fast vollständigen Schutz“ für dringend notwendig. „Es wäre verfrüht, jetzt schon über Lockerungen zu sprechen.“

Kekulé hinterfragt Lockdown, sobald Senioren geschützt sind

Offen bleibt die Frage, wann der Impf-Erfolg zu einer neuen Strategie der Maßnahmen führen kann – und nach welchen Kriterien das entschieden werden soll. Infektiologe Christoph Spinner vom Münchner Klinikum rechts der Isar findet: Je mehr Menschen geimpft sind, desto weniger komme es auf die „Anzahl der absoluten Neuinfektionen“ an. Und auch Alexander Kekulé meint: „Wenn wir die Mortalität durch die Impfung senken, können wir uns auch eine höhere Inzidenz leisten.“

Biontech-Chef Ugur Sahin sagte gegenüber dem „Spiegel“, ab Mitte März sollte sich bei der zuerst geimpften älteren Bevölkerung „die Mortalität reduzieren, wenn die Impfungen weiter vorangehen“. Kekulé findet: Sobald Senioren geschützt sind, stelle sich die Frage, ob der strenge Lockdown noch gerechtfertigt sei. „Ich bin gegen generelle Lockerungen. Wenn wir alles öffnen, gehen die Zahlen wieder hoch.“ Trotzdem könnte man nah zum Alltag zurückkehren. „Die Impfungen stehen an, der Sommer wird uns bald helfen, und jetzt kommen, endlich, nach einem Jahr, die Schnelltests.“ Durch intensives Testen könne man Schulen öffnen und Reisen ermöglichen. „Anstatt einfach zu lockern, sollten wir also selektiv vorgehen. Dann brauchen wir im Herbst auch keinen neuen Lockdown.“ -*Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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