Geimpft, genesen, getestet

Der Streit um das dritte G - Sollen die drei Gruppen gleich behandelt werden? Bund plant Nachteile für Ungeimpfte

  • Sebastian Horsch
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Debatte um Corona-Regeln: Geimpft, Genesen, Getestet. Sollen die drei Gruppen gleich behandelt werden? Der Bund plant Nachteile für Ungeimpfte, auch um für den Schutz zu werben.

Berlin/München – Die Überschrift ist harmlos, es könnte sich auch um ein Ratgeberheft für Winterreifen handeln. „Sicher durch Herbst und Winter“ hat das Bundesgesundheitsministerium sein jüngstes Papier zur Corona*-Politik überschrieben. Doch der Inhalt wird sehr hitzig diskutiert: Das Ministerium von Jens Spahn*, CDU*, legt konkrete Vorschläge vor, die Maßnahmen gegen die Pandemie in wenigen Wochen wieder zu verschärfen. Tenor: Herbst und Winter werden gefährlicher, als die meisten Politiker ahnen.

Coronavirus: Geimpfte und Genesene sollen kaum noch Beschränkungen unterliegen

Auf den sechs Seiten, die am Dienstagabend an die Gesundheitsminister der Länder verschickt wurden, ist vor allem der Passus zum Umgang mit Ungeimpften brisant. Wenn sich die Corona-Lage verschärft, könnten speziell für sie „weitergehende Einschränkungen notwendig werden“, steht in dem Papier, das unserer Zeitung vorliegt. „Dazu zählen insbesondere Kontaktbeschränkungen sowie die Begrenzung der Teilnahme oder den Ausschluss von der Teilnahme nicht geimpfter Personen an Veranstaltungen und in der Gastronomie.“ Die entscheidenden Faktoren sollen die Impfquote, die Inzidenz nach Altersgruppen und die Hospitalisierungsrate der Corona-Fälle sein. Genaue Zahlen und Grenzwerte sind noch offen.

Die Kurzformel heißt also: 2G statt 3G. Geimpfte und Genesene sollen kaum noch Beschränkungen unterliegen. Getestete ohne Impfung werden ihnen aber nicht mehr überall gleichgestellt. Das wäre ein Strategiewechsel. Wissenschaftlich lässt sich das erklären mit einem höheren Risiko, dass Schnelltests eine infektiöse Erkrankung im Frühstadium häufig nicht anzeigen. Politisch wäre der Nebeneffekt, so vielleicht mehr Menschen zur Impfung bewegen zu können. Allerdings geht es noch um eine riesige Gruppe: 32 Millionen Menschen in Deutschland sind aktuell nicht geimpft.

Jens Spahn: „Unser aller Ziel ist es, einen erneuten Lockdown zu vermeiden“

Spahn steht hinter dieser Differenzierung. „Unser aller Ziel ist es, einen erneuten Lockdown zu vermeiden. Und er ist auch vermeidbar, wenn alle mithelfen“, sagt er im Interview mit unserer Zeitung. „Diesem Ansinnen dienen meine Vorschläge.“ Spahn bringt auch kombinierte Lösungen ins Gespräch. Dass in ein Fußballstadion zum Beispiel 30 000 Geimpfte dürfen, aber dazu nur 2000 Getestete ohne den Impfschutz.

Aus mehreren Parteien kommt energischer Protest. Am zornigsten von FDP*-Vize Wolfgang Kubicki: „Die Ankündigung, in Zukunft Ungeimpfte vom Gastronomiebesuch ausschließen zu wollen, ist der dreisteste und verheerendste Wortbruch dieser Bundesregierung, die wiederholt Stein und Bein geschworen hat, es werde keine Impfpflicht in Deutschland geben“, sagt er der Bild. Auch Linke-Politiker und die AfD protestieren dagegen.

Vorschreiben kann Spahn diesen Kurs übrigens nicht, das machen die Länder. Sein Papier soll aber den Ton setzen für die Ministerpräsidentenkonferenz am Dienstag. Da wird über Maßnahmen, neue Regeln, Grenzwerte und Formeln gesprochen.

Für Bayern ist noch nicht klar, ob „2G“ oder „3G“ gelten soll

Für Bayern ist noch nicht klar, ob „2G“ oder „3G“ gelten soll. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat hohe Sympathien dafür, manche Bereiche exklusiv für Geimpfte und Genesene zu öffnen. Er brachte im Juli die Öffnung von Bars und Discos für diese beiden Gruppen ins Gespräch. Widerstand kommt allerdings vom Koalitionspartner Freie Wähler, und das energisch.

Fraktionschef Florian Streibl – selbst ein Unterstützer der Impfkampagne – sagt, man müsse „Getesteten auch weiterhin die gleichen Freiheiten zugestehen wie Genesenen und Geimpften“. Sein Parteifreund Alexander Hold, Landtagsvizepräsident, sieht in Spahns Plan sogar „den dreisten Versuch, Ungeimpfte zu diskriminieren und zu bestrafen, um sie doch zur Impfung zu zwingen“. Das sei „eines freiheitlichen Rechtsstaats unwürdig“. - VON CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER UND SEBASTIAN HORSCH - *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Felix Kästle/dpa/Symbolbild

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