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Corona bei „hart aber fair“: Kekulé kritisiert „Betonplatten“-Politik - und warnt vor Lockdown „bis Juni oder Juli“

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Virologe Alexander Kekulé bei „Hart aber fair“.
Virologe Alexander Kekulé am Montag bei „Hart aber fair“. © Screenshot: ARD-Mediathek

Ein Dauerlockdown und viele Widersprüche: Erscheinungspflicht in Großraumbüros, aber gesperrte Kinderspielplätze. Plasberg fragte: Ist da noch Strategie?

„hart aber fairl“ zum Thema Corona-Lockdown - diese Gäste diskutierten mit:

Corona-Talk: Dreyer gibt zu - sie kennt niemanden, der den Maßnahmen nicht negativ gegenübersteht

Die Maßnahmen sind nochmal frisch verschärft, die Lage bleibt angespannt. Frank Plasbergs Talkrunde „hart aber fair“ im Ersten geht das Thema Corona-Lockdown kontrovers an. Die Fragen klingen provokant: Weiß die Politik noch was sie tut oder ist das alles schon Aktionismus? Gibt es Alternativen? Und wenn ja, welche?

Rheinland-Pfalz‘ Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) nimmt zu Beginn den Kritikern etwas Wind aus den Segeln und räumt zerknirscht ein: „Der Lockdown macht mürbe“. Sie kenne niemanden, der dem nicht negativ gegenüberstehe. Schnell schwenkt sie dann aber wieder auf den offiziellen Regierungskurs ein: „Es geht um Menschenleben. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass die Maßnahmen die richtigen sind, denn wir müssen von den hohen Infektionszahlen runter.“ Natürlich seien da viele Zweifel - aber nach Abwägung komme sie immer wieder zum gleichen Ergebnis.

„hart aber fair“ (ARD): Warum werden die Kliniken nicht besser unterstützt?

Welt-Journalistin Susanne Gaschke widerspricht heftig. Sie stellt die Frage, ob allein der Inzidenzwert der richtige Maßstab sei. Der Feind sei der Tod, der in den Altenheimen wüte. Ihm müsse man dort mit präventiven Mitteln begegnen. Die Journalistin fragt in Richtung Entscheidungsträger: Warum unterstützt man die Kliniken nicht besser? Warum sollen die Menschen, die im Kampf gegen das Coronavirus an der Front stehen, nicht Hände frei haben? Das verstünden auch viele Bürger im Land nicht mehr.

Wirtschafts-Experte Michael Hüther schlägt in dieselbe Kerbe. Es „schaudere“ ihn, sagt er, wie eindimensional die Politik plane - und wie wenig vorausschauend. Die Frage müsse eigentlich jetzt schon lauten: Was wird im Winter 2022?

Hüther bei Plasberg: „Naiv zu glauben, Corona wäre im Winter 2022 vorbei“

Dreyer will Zuversicht verbreiten und beschwichtigt mit der These, dass dann genügend Menschen geimpft seien. Doch Hüther lässt sie nicht ausreden. Der Ökonom wird direkt: Es sei doch naiv zu glauben, dass Virus würde dann verschwinden! „Das Virus wird auch im nächsten Winter da sein“, prognostiziert er. Wir müssten uns doch jetzt schon fragen, wie wir damit umgehen wollten. Was sei unsere Vorstellung von dieser „neuen Normalität“?

Hüther nimmt Fahrt auf: Jedes Mal einen Lockdown, wenn die Inzidenzwerte steigen? Wie sei das zu vereinbaren mit der Haltung von 2017, als über 25.000 Grippe-Toten in der öffentlichen Wahrnehmung überhaupt keine Rolle gespielt hätten?

Auch Gaschke untermauert diese Argumentation: „Es ist schlichtweg unmöglich, in einer freien, offenen und weltweit verflochtenen Gesellschaft auf Dauer das Virus auf null zu stellen“, prognostiziert sie. „Die Politik muss sich von der Illusion verabschieden, mit dem ganz großen Hammer, das ganz große Problem wegschaffen zu wollen.“

„Hart aber fair“: Kekulé nennt Corona-Politik „Navigieren im Nebel“ - Lockdown bis Juli 2021?

Als Hüther auch noch die gebeutelte Wirtschaftsleistung ins Spiel bringt - den „Teil, der uns das Einkommen sichert“, wird Dreyer sichtlich unruhig und versucht mit einem „da bin ich bei Ihnen“, den Kritiker zu besänftigen. Schließlich muss Plasberg dem Aufgebrachten das Wort abschneiden und auf später vertrösten.

Virologe Alexander Kekulé entgegnet gewohnt locker: „Ich finde es gar nicht so schlimm, dass wir eine neue Krankheit haben, die uns noch etwas länger plagen wird“. Er schlägt ein privates Meldesystem vor, das die Gesundheitsämter entlastet - und so den Umgang mit höheren Inzidenzen ermöglichen könnte. Wolle man den Wert tatsächlich auf 25 drücken (wie es etwa SPD-Politiker Karl Lauterbach gefordert hatte), könne es je nach Wetterlage „Juni oder Juli werden“, bis der Lockdown aufgehoben werde, warnt er. Kekulé sieht aber auch Alternativen.

Die derzeitige Corona-Politik nennt der Virologe „Navigieren im Nebel“. Er wirft der Bundespolitik auch länger zurückliegende Versäumnisse vor: Die Antigen-Schnelltests gebe es bereits seit März - damals habe es aber geheißen „das brauchen wir nicht“. Auch mit Hilfe anderer Maßnahmen - etwa Masken am Arbeitsplatz und besserem Schutz alter Menschen - könne man selektiver vorgehen, als „mit diesem Lockdown eine Betonplatte drüberzulegen und zu sagen ‚irgendwann muss es ja mal wirken‘.“ Tatsächlich sprach Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am Dienstagmorgen intern von weiteren langen Wochen „harter Maßnahmen“.

Dreyer gesteht ein, am Anfang habe es klare Zahlen und davon abzuleitende Maßnahmen gegeben. Inzwischen sei die Lage anderes: „Wir müssen immer wieder genau abwägen, was kann man tun, was kann man nicht tun und dann mit entsprechenden Maßnahmen, Hygienekonzepten agieren.“ Betretendes Schweigen in der Runde.

Plasberg lässt in der Sendung Menschen aus der Bevölkerung zu Wort kommen, mehrere Einspieler zeigen die Sorgen und Nöten in den jeweiligen Bereichen. Ein älterer Herr erzählt, dass er seine kranke Frau in den letzten sieben Wochen erst einmal besuchen konnte. Ein anderer schreibt: „Die Corona-Regeln haben etwas mit mir gemacht, ich war noch nie so antriebs- und hoffnungslos.“ Eine Frau erklärt, sie trinke nun abends mehr und das gehe wohl vielen so …

Fazit zum „hart aber fair“-Talk

Das neue Jahr bringt wenig Neues, sondern die alten Probleme und Argumente werden wieder gedreht und gewendet. Über Detailfragen wird aber weiter gestritten - wie in dieser Sendung - und das ist auch gut so. Die Frage bleibt aber: Müssen wir mehr über die Auswirkungen der Maßnahmen sprechen? Und wenn ja, wie? Ohne dabei die Ethik zu verletzen?

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