Muss Deutschland anders vorsorgen?

Umdenken wegen Corona? Umfrage zeigt überwältigende Mehrheit - Forscher rügt „Armutszeugnis“ der Politik

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Hat die deutsche Politik vor Corona wichtige Schritte versäumt? „Wir waren blind“, rügt ein Forscher. Die Bürger sind unterdessen für ein Umdenken.

  • Noch ist die Politik mit der Bewältigung der akuten Corona-Krise beschäftigt - doch Forderungen nach langfristigem Umsteuern mehren sich.
  • Laut einer Umfrage fordern nahezu 100 Prozent der Deutschen eine bessere Vorsorge.
  • Ein Katastrophenforscher sieht gravierende Versäumnisse - aber auch Chancen.

Berlin - Die Corona-Krise wirft auch tiefgreifende Fragen auf. Etwa: Haben Deutschland und die EU die Vorbeugemaßnahmen für Pandemie-Katastrophen verschlafen? Oder ein anderes seit Wochen schwelendes Thema: Werden für die Gesellschaft wichtige Berufe wie Krankenpflege oder Tätigkeiten in Lebensmittelläden zu schlecht bezahlt - kurzfristigen Prämien-Versprechen zum Trotz?

Klare Antworten wird es wohl auf die Schnelle nicht geben können. Doch eine Umfrage zeigt, dass die Bevölkerung ein Umdenken wünscht. Und auch ein Experte spricht sich für drastische Änderungen in Deutschland aus.

Coronavirus: Laut Umfrage wollen 97 Prozent der Deutschen bessere Pflege-Löhne

So befürwortet angesichts der Corona-Epidemie eine überwältigende Mehrheit der Bundesbürger eine stärkere staatliche Krisenvorsorge*. Ausreichende Vorsorge etwa für Atemmasken und Schutzkleidung für Ärzte und Pflegepersonal finden 78 Prozent ganz besonders wichtig und 20 Prozent wichtig, wie die Befragung im Auftrag des Beamtenbunds dbb ergab. 

Deutlich mehr Pflegekräfte halten 68 Prozent für besonders wichtig und 29 Prozent für wichtig. Etwa ebenso viele befürworten auch eine bessere Bezahlung. Umfassende Informationen der Bevölkerung, was bei Epidemien oder Katastrophen zu tun ist, sind 65 Prozent besonders wichtig und 31 Prozent wichtig.

Coronavirus: Beamtenbund warnt - „Krisenvorsorge nicht umsonst zu haben“

Der dbb forderte einen Investitions- und Innovationsplan für den Katastrophenschutz. Die Corona-Krise lehre, dass Vorsorge alles sei, sagte Verbandschef Ulrich Silberbach der dpa. Deutschland könne und müsse hier noch besser werden. Erforderlich sei etwa, Notreserven aufzustocken, das Gesundheitssystem zu stärken und Sozial- und Pflegeberufe attraktiver zu machen.

Silberbach unterstrich die Forderung nach deutlich besserer Bezahlung für die Pflegekräfte in Krankenhäusern und Seniorenheimen. Insgesamt sei ein nachhaltiges Umsteuern bei der Krisenvorsorge nicht umsonst zu haben. Angesichts hoher Zustimmung dafür sei jetzt aber der Zeitpunkt, Steuergeld in die Hand zu nehmen und die nötigen Entscheidungen zu treffen.

Coronavirus: Geringe Wertschätzung für Pflegekräfte - „von sozialer Marktwirtschaft wenig übrig“

Eine ähnliche Forderung hat in dieser Woche auch ein renommierter Wissenschaftler erhoben. Martin Voss, der Leiter der Katastrophenforschungsstelle an der FU Berlin, sprach sich in einem Interview mit der taz für einen veränderten Umgang mit wichtigen Dienstleistungsberufen, etwa der Krankenpflege, aus.

„Wir dürfen den Wert von Arbeitsleistungen nicht völlig dem Markt überlassen“, erklärte er. „Der Markt bewertet nicht nach gesellschaftlichen Maßstäben, welche Art von Arbeit für eine Gesellschaft von besonderer Bedeutung ist“, betonte Voss. Wichtige Berufe seien bislang sozial und monetär nicht ausreichend anerkannt worden. Zuletzt war auch Kritik am Umgang mit Pflegekräften in der Corona-Krise deutlich vernehmbar geworden:

Von der sozialen Marktwirtschaft sei zuletzt „immer weniger übrig geblieben“, erklärte Voss weiter: „Wir müssen diese Krise zum Anlass nehmen, um auch andere Bereiche auf solche Schwachstellen zu überprüfen und Marktversagen zu korrigieren.“

Coronavirus: Kein Pandemie-Forschungszentrum - Forscher sieht „Armutszeugnis“

Kritik übte Voss auch am Stellenwert der Pandemie-Vorsorge in Deutschland. „Die Politik ist auf kurzfristige Entscheidungen angelegt, die Wählerstimmen bringen“, Medien richteten ihren Fokus aber auf aktuelle Krisen und nicht so sehr auf „potenzielle Gefahren“: „Wie wichtig Krisenprävention ist und dass sich diese langfristig ökonomisch sogar rechnet, geht dabei unter.“

Auf der ganzen Welt gebe es „kein adäquates Forschungszentrum, das sich mit solchen grundlegenden Risiken beschäftigt“, mahnte der Katastrophenforscher zudem. „Das ist für mich das größte Armutszeugnis. In dieser Hinsicht sind wir wirklich selbstverschuldet blind gewesen.“ Tatsächlich läuft derzeit immer noch die Spurensuche nach den Hintergründen der Pandemie.

Coronavirus: Krise mit Chancen? Gesellschaft „gestaltbarer“ als gedacht 

Zugleich verwies Voss auf große Chancen und Risiken der Krise. So sei jetzt zu erleben, dass „Gesellschaft sehr viel gestaltbarer ist, als wir es uns in den letzten Jahren eingestehen wollten“. Allerdings könne es aufgrund der wirtschaftlichen Folgen der Krise schwieriger werden, auf den Klimawandel zu reagieren - das Thema könne von anderen Problemen verdrängt werden. „Nach dem Lockdown sollten wir auf keinen Fall direkt wieder denselben Pfad beschreiten wie vorher“, warnte er. „Das bereitet nur die nächste Katastrophe vor.“

Für die Umfrage im Auftrag des dbb Beamtenbund und Tarifunion waren den Angaben zufolge am 6. und 7. April 1001 Menschen ab 18 Jahre vom Institut Forsa befragt worden.

Was ein Virologe für den weiteren Fortgang der Corona-Pandemie prognostiziert, erfahren Sie in diesem Artikel bei Merkur.de*.

fn/dpa

*Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Rubriklistenbild: © dpa / Frank Rumpenhorst

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