Sandra Maischberger führt durch die Sendung
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Sandra Maischberger führt durch die Sendung

„Lockdown light reicht nicht“

Corona bei Maischberger: Spahn lässt wichtige Frage offen - Virologin und Siemens-Chef warnen drastisch

Auch in der letzten „Maischberger“-Sendung des Jahres stand die Pandemie im Fokus. Jens Spahn und Melanie Brinkmann waren sich einig: Ein „Lockdown light“ reicht nicht aus.

  • Muss der Corona-Lockdown verschärft werden? Ab wann wird auch in Deutschland geimpft? Diese Fragen debattierte am Mittwochabend Sandra Maischberger im Ersten.
  • Gesundheitsminister Jens Spahn versprach: „Wenn all die Zulassungen kommen, können wir spätestens im dritten Quartal jedem in Deutschland ein Impfangebot machen.“
  • Welt-Chefredakteurin Dagmar Rosenfeld findet, die Politik sollte Verantwortung nicht abgeben

Diese Gäste diskutierten bei „maischberger. die woche“: 

  • Ingo Zamperoni - „Tagesthemen“-Moderator
  • Dagmar Rosenfeld - Chefredakteurin „Die Welt“
  • Peter Zudeick - Journalist
  • Jens Spahn (CDU) - Bundesgesundheitsminister, zugeschaltet aus Berlin
  • Prof. Dr. Melanie Brinkmann - Abteilungsleiterin am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig.
  • Josef „Joe“ Kaeser - Vorstandsvorsitzender der Siemens AG

In Großbritannien beginnen die Corona-Impfungen, doch davon ist Deutschland wohl noch weit entfernt. Am Mittwoch dann ein dramatischer Appell der Kanzlerin. Angela Merkel schien den Tränen nah, als sie im Bundestag eindringlich zur Einhaltung der Lockdown-Regeln mahnte.

Sandra Maischberger nahm den zugeschalteten Gesundheitsminister Jens Spahn in die Mangel. 590 COVID-19-Tote pro Tag - welche Folgen haben die steigenden Todeszahlen? Sollen nun doch die Schulen geschlossen und der Einzelhandel beschränkt werden? Was tun gegen die Ermüdung in der Gesellschaft? Wie gelingt es, dass Bund und Länder an einem Strang ziehen? Hat die Regierung über die Sommermonate versäumt, die notwendigen Vorbereitungen zu treffen?

„maischberger. die woche“ - Spahn räumt Corona-Probleme der Regierung ein

Spahn fasst sachlich zusammen: Die Zahlen stagnieren, die Todeszahlen sind zu hoch, Intensivkapazitäten sind am Limit, die Folgen der Maßnahmen „sehr, sehr teuer“, die Bevölkerung ermüdet. Sein Fazit: Man müsse „diesem Virus mal zwei Wochen so gut wie gar keine Chance geben“. Der Gesundheitsminister spielt damit den Ball an die Bevölkerung und an die, die das Geschehen überwachen. Was die Rolle seines Ministeriums dabei sein könnte, lässt Spahn dagegen offen.

Mit Blick auf den Start der Corona-Impfungen in Großbritannien will Maischberger wissen, wieso es denn nicht auch in Deutschland schon so weit sei. Spahn verweist auf das deutsche Zulassungsverfahren und einen hohen Standard sowie auf EU-Absprachen und verspricht: „Wenn all die Zulassungen kommen, können wir spätestens im dritten Quartal jedem in Deutschland ein Impfangebot machen.“ Für Begeisterung sorgt das nicht in der Runde.

Die Virologin Melanie Brinkmann, beliebter Talk-Show-Gast seit der Corona-Krise, predigt seit Monaten eine Litanei strenger Kontaktbeschränkungen und mahnt auch dieses Mal bei Sandra Maischberger: „Am besten würden wir alle zwei Wochen zu Hause bleiben, ab heute“. Hehre Worte, aber auch hier, kein Plan, wie das umgesetzt werden sollte. „Die Wissenschaft warnt schon lange“, erklärt Brinkmann eindringlich, „und jetzt stehen wir vor einem Scherbenhaufen.“ Schön gemahnt – das ändert vermutlich jedoch nichts.

Die Experten-Runde wagt bei „maischberger. die woche“ einen Corona-Witz und kritisiert die Verantwortungslosigkeit der Politik

Die Experten-Runde hat bezüglich Corona eigentlich keine Streitpunkte. Verglichen mit dem Frühjahr wirkt die Journalisten-Zunft am Tresen deutlich gelassener. Das Motto scheinbar: Irgendwie kommen wir da ja schon durch. Peter Zudeick wagt sogar einen Corona-Witz und erklärt den „Glühwein“ zum Gewinner der Woche: „Tolle Karriere vom Menetekel des schlechten Geschmacks zum Top-Thema in der Presse“. Er spielt damit auf die Aufregung und Glühwein-Verbote unter anderem in Köln und Hamburg an.

Die Welt-Chefredakteurin und Ex-Frau von FDP-Chef Christian Lindner, Dagmar Rosenfeld, stimmt mit ein: „Die paar, die Glühwein trinken, sind nicht das Problem“, findet sie. Rosenfeld sieht die Gefahr im Moment darin, dass Politiker die Verantwortung auf die Bevölkerung abschieben - ungeachtet der Tatsache, dass sich die große Mehrheit im Land sehr sorgfältig an die Auflagen und Regeln halte und große Opfer erbringe.

Letzter Gast des Jahres bei Sandra Maischberger ist Siemens-Chef Josef „Joe“ Kaeser. Der Boss über 400.000 Mitarbeiter weltweit hat sich in der Vergangenheit mit kritischen Tönen an der Politik nicht zurückgehalten. Er prangerte Rassismus der Trump-Administration an und war öffentlicher Unterstützer der Demokratie-Bewegung in Hongkong. Auch die aktuelle Steuerpolitik Trumps „sei nicht im Sinne des Erfinders“ gelaufen, sagt Kaeser. Statt zu Investitionen zum Ausbau von Arbeitsplätzen sei das Geld in den meisten Fällen für Aktienrückkäufe verwendet worden, was die „Reichen reicher“ gemacht habe.

Siemens-Chef sieht den sozialen Frieden Deutschlands in Gefahr

Auch zur Corona-Krise hat Kaeser eine klare Meinung - die nachdenklich stimmt: „Wir erleben derzeit die größte Krise in Friedenszeiten seit dem Zweiten Weltkrieg.“ Es sei nicht nur eine wirtschaftliche Krise, die viele Menschen - Unternehmer, Mittelständler, Arbeitnehmer - treffen wird, es sei auch eine soziale Krise. Kaeser: „Wenn Menschen auf engstem Raum zusammen sind, entwickelt sich soziale Spannung, wenn Menschen ihre Freunde nicht mehr treffen können, entwickeln sich Depressionen, Anomalien. Das sorgt mich viel mehr, dass aus einer Wirtschaftskrise, einer medizinischen Pandemie, eine soziale Krise wird, die den sozialen Frieden gefährdet!“

Der Konzern-Chef mahnt: „Wir müssen als Gesellschaft zusammenstehen - nicht mit individuellen Interessenlagen.“ Maischberger verabschiedet sich daraufhin mit dem Gruß-Wort des Jahres: „Bleiben sie gesund!“

Fazit des Maischberger-Talks

Großes Déjà-vu-Erlebnis: Hatten wir das alles nicht schon mal gehört, durchgekaut, debattiert? In der Tat gab es kaum Neues. Außer die Dramatik am Ende der Sendung: Ist alles vielleicht doch noch viel schlimmer als wir im Moment fühlen? Sind die Toten - bei aller Trauer und Dramatik - vielleicht erst der Anfang einer viel gravierenderen Entwicklung? Bleibt nur zu hoffen, dass dem nicht so ist.

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