„Alles wird verimpft, rund um die Uhr“

Söders Impfplan gegen das Debakel: CSU-Chef drückt aufs Tempo - Bayern will Notreserve verimpfen

  • Christian Deutschländer
    vonChristian Deutschländer
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Beim Impfen läuft es in Deutschland schlecht. Bayern will das nun so weit wie möglich beschleunigen. Doch auch dieses Unterfangen wird zäh.

München - Vergangene Woche geisterte ein trauriges Späßchen durchs Internet, wie Deutschland im Handumdrehen Spitzenreiter beim Impfen werden könne: Ein Nutzer drehte einfach die Länder-Tabelle der Impf-Geschwindigkeit um 180 Grad. Schwups, schnell ganz oben: So geht Galgenhumor mitten in der dritten Welle.

Zumindest Bayern, das sich an Tabellenenden ungern orientiert, legt nun einen konkreten Plan für mehr Tempo vor. Bis Ende April könnte jeder fünfte Bayer geschützt werden, gibt Ministerpräsident Markus Söder (CSU*) nach einem virtuellen Gipfel mit Ärzten, Kommunen, Apothekern und Wirtschaft als Zielmarke aus. Aktuell ist es nur gut jeder zehnte.

Will nun anpacken: Markus Söder stellt seinen durchaus ambitionierten Impfplan für Bayern vor.

Impfungen in Bayern: 2,2 von 2,7 Millionen Dosen wurden verabreicht

Ein paar Zahlen in kleiner Dosis: 2,7 Millionen Dosen haben den Freistaat bis Dienstag erreicht, 2,2 Millionen wurden verimpft. Die halbe Million Differenz wird gerade aufgetaut, ins Impfzentrum gefahren oder in die Spritze aufgezogen - allerdings sind auch etliche Dosen Astrazeneca* wegen Skepsis der Impflinge* liegen geblieben.

In den Heimen sind rund 80 Prozent der Bewohner und nur 60 Prozent der Mitarbeiter geimpft. In der Generation Ü80 sind es generell etwa 70 Prozent. Rund 40.000 Pikse pro Tag gibt es in Bayern derzeit, die Impfzentren könnten bis zu 70.000 leisten. Weil dieses Tempo nicht reicht, kommen in der nächsten Stufe die Hausarztpraxen hinzu, erst 1634, später dann alle. Die Ärzte seien „die Impfprofis im Land“, sagt Söder. Ab Ende April will er dann Betriebsärzte einbeziehen. Hier startet bereits Mitte des Monats ein Pilotprojekt mit zehn größeren Arbeitgebern.

Impfungen in Bayern: Söder setzt auf Tempo - „Alles wird verimpft, rund um die Uhr“

Dazu gibt es zwei Schlüssel: mehr Impfstoff, weniger Regeln. Bei der Menge tut sich im April etwas, verspricht Söder. Über zwei Millionen Dosen von Biontech, Moderna* und Astrazeneca sind zugesagt. Hinzu kommt, dass Bayern nun alle Register zieht, um jede Dose zu verimpfen. Die Rückstellungen für die zweite Impfung werden aufgelöst, fast restlos (bis auf 10.000 von Biontech*).

Es sollen also möglichst viele Menschen den ersten Stich bekommen, der bereits schützt. Der zweite Termin wird so weit wie erlaubt nach hinten geschoben, also sechs Wochen nach dem ersten (Astrazeneca: zwölf). Das ist bei den Terminvergaben jetzt eingepreist. Problem dabei: Söders Berechnungen enthalten nicht die Astrazeneca-Altersbeschränkung.

„Alles wird verimpft, rund um die Uhr“, verspricht er. Auch an Ostern gebe es keine Pause. Hintergrund ist Spott und Zorn, dass bundesweit etliche Impfzentren am Wochenende pausieren und eine Auszeit über Ostern planten.

Bald soll auch in Arztpraxen geimpft werden: Bayern will Vorreiter in der Bekämpfung der Corona-Krise werden.

Impfungen in Bayern: Astrazeneca soll für jeden Bayern freigegeben werden

Was noch wichtiger ist: Söder verlangt vom Bund eine gelockerte Prioritätenregelung, und das eilig. Alte, Kranke, Schwache sollen bevorzugt bleiben, dann aber die straffen vier Kategorien unverbindlich werden. Spätestens wenn Bayerns Betriebsärzte zur Spritze greifen dürfen, sollen sie die ganze Belegschaft schützen dürfen, nicht nach Geburtsdatum, Blutzuckerwert und Bauchumfang geordnet. Astrazeneca soll nach den ewig neuen Dauer-Bedenken für jeden freigegeben werden, „der will und sich’s traut“, sagt Söder.

In Hotspot-Regionen Ostbayerns kann das bereits so ähnlich gemacht werden, sogar mit 180.000 Extra-Dosen. Söder deutet an, dass dort nach Wohnort, nach Gefährdungslagen, vielleicht auch nach Beruf geimpft wird. Dort also könnten doch Lehrer von weiterführenden Schulen im April drankommen. Für ganz Bayern deuten Söder und sein Gesundheitsminister Klaus Holetschek das nur vage an. Der Flurschaden, den das Ultimatum eines Lehrerverbands angerichtet hat, ist hier rauszuhören.

Die Opposition stellt sich hinter das Ziel. Konkret verlangt auch die SPD*, Lehrer zu priorisieren und die anderen Regeln für Ärzte rechtssicher aufzulockern. Bayerns FDP kritisiert, ein „großer Wurf“ sei Söders Gipfel nicht. Es müssten endlich die Privatpraxen einbezogen werden. FDP*-Bundeschef Christian Lindner hatte zuvor allerdings Söders Schritte bei Reserve-Auflösung und Termin-Abstand exakt so gefordert. (cd) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Peter Kneffel/dpa

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