Kanzlerin Angela Merkel hält einen Mund-Nase-Schutz mit dem Logo der deutschen EU-Ratspräsidentschaft in Händen.
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Kanzlerin Angela Merkel hält einen Mund-Nase-Schutz in Händen - eine Masken-Empfehlung des Bundestages wirft unerwartet Fragen auf.

RKI widerspricht These

Irritierende Corona-Empfehlung: Bundestag räumt nun fragwürdiges Vorgehen ein - „kein wissenschaftliches Statement“

  • Florian Naumann
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Der Bundestag soll mit gutem Beispiel vorangehen - und mehr Maske tragen. Doch ein Argument im offiziellen Schreiben überrascht. Es ist widerlegt. Und bei Masken-Muffeln beliebt.

  • Corona und die verbundenden Schutzmaßnahmen bleiben in Deutschland weiter ein großes - und teils heiß diskutiertes - Thema.
  • Die Bundestagsverwaltung wollte mit strengeren Empfehlungen zum Tragen von Masken mit gutem Beispiel vorangehen.
  • Doch einem Bericht zufolge findet sich ausgerechnet in der zugehörigen Hausmitteilung eine heikle Passage.

Update vom 9. September: Der Bundestag wollte in der Corona-Krise mit gutem Beispiel vorangehen: Eine strengere Empfehlung zum Tragen von Masken wurde von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) in einer Hausmitteilung ausgesprochen. Doch rätselhafte und vom Robert-Koch-Institut nicht bestätigte Aussagen zu einem vermeintlichen Anstieg des CO2-Werts im Blut bei längerem Maskentragen in dem Schreiben sorgten für Stirnrunzeln - die Thesen kursierten vor allem in zweifelhaftem Kontext im Netz (siehe Erstmeldung).

Nun hat die Bundestagsverwaltung auf den Bericht von Focus Online reagiert - und indirekt ein recht fragwürdiges Vorgehen eingeräumt. Der Verweis auf die CO2-Werte basiere nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, räumte ein Sprecher auf Anfrage des Portals ein. Er habe vor allem zur Erklärung einer ebenfalls eher frei Hand erstellten Empfehlung gedient: Jener, dann und wann die Maske zum „Durchatmen“ unters Kinn zu schieben.

„Der Hinweis auf den CO2-Wert dient ausschließlich einer möglichen Erläuterung für dieses Bedürfnis, beinhaltet aber keine wissenschaftliche Stellungnahme und insbesondere auch keine Behauptung einer Gesundheitsgefährdung“, hieß es weiter. Auch der Tipp, die Maske unters Kinn zu ziehen, stammte nicht vom Robert-Koch-Institut. Das Bedürfnis ergebe sich bei „lebensnaher Betrachtung“. Von einschlägigen Behörden sei aber zumindest der Rat gekommen, die Mund-Nase-Bedeckung nicht dauernd vollständig an- und abzulegen.

Die Bundestagsverwaltung will nach eigenen Angaben nun reagieren: Die Hinweise in der Anlage der Hausmitteilung sollen demnach überarbeitet werden - „um keine Missverständnisse entstehen zu lassen".

Coronavirus-Gebote im Bundestag erstaunen: Eine Passage spielt Masken-Muffeln direkt in die Karten

Erstmeldung vom 5. September: Berlin - Auch nach knapp einem halben Jahr Pandemie gibt es in Deutschland keine Entwarnung in Sachen Corona*. Im Gegenteil: Zuletzt pendelten sich die Fallzahlen auf deutlich höherem Level ein. Zugleich machen Demonstrationen von Maskengegnern, teils im Verbund mit Demokratiefeinden, Schlagzeilen.

In dieser Gemengelage will der Bundestag mit gutem Beispiel vorangehen. Seit dem 1. September gilt für die Abgeordneten, ihre Mitarbeiter und die Verwaltung eine neue Empfehlung von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) - das Tragen von Masken in allen Gebäuden des Parlaments wird nun dringend angeraten. Soweit so gut. Doch ein Detail in Schäubles Schreiben stößt mit etwas Verzögerung auf Stirnrunzeln. Denn es scheint in der Coronavirus-Pandemie beinahe dem Argumentekatalog der Masken-Muffel entnommen.

Coronavirus-Regeln im Bundestag: Strengere Empfehlung von Schäuble - ein Detail verwundert

Denn in der Hausmitteilung hat das Portal Focus Online offenbar eine heikle Passage entdeckt: Angeblich bekommen die Politiker und Mitarbeiter den Ratschlag, den Mund-Nase-Schutz „zwischendurch zum Durchatmen (...) unters Kinn" zu schieben. Das sei besser, als die Gesichtsbedeckung ständig an- und wieder auszuziehen - denn selbiges erhöhe die Gefahr einer Kontamination.

Bemerkenswert scheint vor allem die ebenfalls zitierte Begründung für das empfohlene Maskenschieben. „Bereits nach 30 Minuten Tragedauer kann es je nach Art der Mund-Nasen-Bedeckung zu einem signifikanten Anstieg der CO2-Werte im Blut kommen, da die ausgeatmete Luft unter Umständen nicht so gut entweichen kann“, heißt es in der Empfehlung. Eine Behauptung, der auch die bundeseigenen Experten längst widersprachen - und die in abgewandelter Form teils in Verbindung mit Verschwörungstheorien durchs Netz geisterte. Auch das Faktenchecker-Portal Mimikama widerlegte die These erst vor wenigen Tagen.

Coronavirus: Bundestag verschickt Falschinformation - RKI widerspricht der These in Schäubles Schreiben

Als die These im Frühjahr den sozialen Netzwerken Furore machte, begab sich die Webseite correctiv.org auf Quellensuche. Entnommen ist die Darstellung demnach einer 15 Jahre alten und inzwischen überholten Studie der TU München. In einer E-Mail widersprach das Robert-Koch-Institut (RKI) Teilen der darin aufgestellten Behauptung. „Dass man mehr CO2 einatmet stimmt nicht, dass die Atmung behindert wird, schon“, erklärte Sprecherin Marieke Degen den aktuellen Forschungsstand*. Für ältere oder chronisch lungenkranke Menschen könne das Atmen unter der Maske anstregend sein.

Womöglich noch zu erklären ist also, dass den Abgeordneten empfohlen wird, eine Masken-Pause einzulegen - wenngleich das Masken-Gebot dem Wortlaut nach ohnehin zumindest bei ausreichendem Abstand im Plenarsaal und in Sitzungsräumen und den persönlichen Büros der Mandatsträger nicht gilt und die Pauschalität der Empfehlung überrascht. Offen bleibt aber die Frage, woher im Bundestag die Falschinformation mit den steigenden CO2-Werten im Blut kam.

Corona-Regeln: Hausmitteilung des Bundestags wirft Fragen auf - Parlament wollte eigentlich Vorbild sein

Der Rückgriff auf eine veraltete Studie anstelle einer aktuellen Rücksprache mit RKI wäre peinlich. Noch unangenehmer wäre aber, wenn die Verwaltung des Parlaments auf unbestätigte Informationen aus zweifelhaften Quellen in den sozialen Netzwerken vertraut hätte. Die Bundestagsverwaltung gab Focus Online dazu zunächst keine Auskunft, wie es hieß.

Eigentlich hatte der Bundestag mit den neuen Gebot explizit ein Vorbild sein wollen - wohl auch angesichts stetiger Debatten über die Maskenpflicht in verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten. So heißt es in der Hausmitteilung: „Alle bekannten Fakten sprechen dafür, dass Sie sich und andere dadurch vor einer Infektion schützen. Es gilt, die Gesundheit aller zu schützen und die Funktionsfähigkeit des Verfassungsorgans Deutscher Bundestag zu erhalten.“

Das Thema „Funktionsfähigkeit des Bundestages“ berührt auch eine andere aktuelle Debatte: Die über die Wahlrechtsreform. Wolfgang Schäuble erlebte unterdessen einen emotionalen Moment in einem TV-Talk. (fn) *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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